AUTOMOTIVE BUSINESS
Ambitionierter Riese © APA/AFP/Fred Dufour

Die Beijing Motor Show Ende April stand ganz im Zeichen selbstfahrender Fahrzeuge – vor der Tür konnten entsprechende Autos sogar testgefahren werden.

© APA/AFP/Fred Dufour

Die Beijing Motor Show Ende April stand ganz im Zeichen selbstfahrender Fahrzeuge – vor der Tür konnten entsprechende Autos sogar testgefahren werden.

Redaktion 03.06.2016

Ambitionierter Riese

China will sich die globale Technologieführerschaft bei selbstfahrenden Autos sichern und seine Rolle als wichtigstes Herstellerland zementieren.

PEKING. Chinas Regierung verfolgt ambitionierte Ziele: Das Reich der Mitte soll zum bedeutendsten Herstellerland für Automobile weltweit aufsteigen. Die (mit Abstand) meisten Autos produziert der südostasiatische Riese bereits, und auch bei Elektromobilität ist China längst global führend; nun geht es um die Technologieführerschaft bei selbstfahrenden Autos, die Peking mit Milliardeninvestitionen und umfangreichen Testmöglichkeiten für sich erobern möchte.

Erste Tests laufen bereits

So plant der seit 2010 zum chinesischen Geely-Konzern gehörende Autobauer Volvo laut Chef Hakan Samuelsson, zeitnah bis zu 100 selbstfahrende Testautos auf chinesische Straßen zu bringen. BMW testete gemeinsam mit dem Internetriesen Baidu bereits im Vorjahr, und der chinesische Hersteller Changan war mit einzelnen Fahrzeugen sogar schon auf selbstfahrender Langstrecken-Fahrt.

Zu spüren waren die massiven Anstrengungen auch auf der Beijing Motor Show Ende April. Während vor der Tür auf einer Teststrecke mehrere selbstfahrende Fahrzeuge testgefahren werden konnten, übertrafen sich drinnen die Hersteller mit Ankündigungen für die automobile Zukunft.
Große Aufmerksamkeit erregte dabei vor allem ein Konzeptfahrzeug des Internetkonzerns LeEco, dessen Steuerrad sich einklappen lässt. Während das Auto autonom fährt, können die Passagiere bequem auf der geschwungenen Rückbank Platz nehmen und die Fahrzeit zum Lesen, Arbeiten oder was auch immer nutzen.

Serienreife als Ziel

Das soll aber erst der Anfang gewesen sein – mit Milliardeninvestitionen gilt es nun die Entwicklungen und ersten Schritte marktreif zu machen. Dabei verfolgt das Land eine möglichst breit angelegte Strategie, die über die klassischen Hersteller hinausgeht.

Analog zu seinem US-Rivalen Google kündigte daher jüngst auch Baidu an, ein selbstfahrendes Auto entwickeln zu wollen. Das Unternehmen investiert bereits in neue Dienstleistungen wie Online-Bezahlsysteme oder Essens-Lieferdienste, will nun aber auch viel Geld für Forschung und Entwicklung autonom fahrender Wagen ausgeben, wie Baidu-Gründer und -CEO Robin Li bestätigte. „Wir werden im Jahr 2018 selbstfahrende Fahrzeuge mit Baidu-Technologie präsentieren und ab 2020 auch produzieren.”

Sehr hohe Akzeptanz

Um die Serienreife voranzutreiben, werden die Forschungsbemühungen intensiviert, parallel wird aber auch gezielt Know-how ausländischer Unternehmungen zugekauft.

So sicherte sich jüngst der chinesische Autozulieferer Ningbo Joyson Electronic für rund 180 Mio. € die Sparte Auto-Navigation des deutschen Unternehmens Technisat. Damit noch nicht Schluss, ließ sich Ningbo den Ankauf der US-Firma Key Safety Systems (KSS) weitere rund 800 Mio. € kosten.
Angst, dass die Bemühungen nicht auf fruchtbaren Boden fallen könnten, braucht in China – anders als in Westeuropa und Nordamerika (siehe Grafik-Seite gegenüber) – niemand zu haben.
Dem Weltwirtschaftsforum zufolge sind Chinesen nämlich überdurchschnittlich offen für die Idee von selbstfahrenden Autos. In einem im November veröffentlichten Bericht des Forums gaben 76% der befragten Chinesen an, entsprechende Fahrzeuge nutzen zu wollen, während der weltweite Durchschnitt bei 58% liege.
Aktuellen Leaseplan-Zahlen zufolge (die immerhin auf der Befragung von Autofahrern in 17 Ländern beruhen), könnten sich weltweit sogar nur 15% vorstellen, vorbehaltlos in ein autonom fahrendes Fahrzeug zu steigen. Möglich, dass dann, wenn hier die breite Masse endlich überzeugt werden konnte, in China die Zukunft bereits Gegenwart ist. (red)

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