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Nach der Quote ist vor der Quote © dpa Zentralbild/Patrick Pleul
© dpa Zentralbild/Patrick Pleul

sabine bretschneider 25.08.2017

Nach der Quote ist vor der Quote

Am 1.1. 2018 tritt die Frauenquote in Aufsichtsgremien großer Unternehmen in Kraft. Von Akzeptanz ist einstweilen noch keine Rede.

••• Von Sabine Bretschneider

Das Thema ist breit gefächert, geografisch wie branchenspezifisch: Regisseurinnen von populären Serien wie „American Horror Story”, „The Americans” und „Scandal” hatten sich kürzlich vehement für eine Frauenquote in Hollywood ausgesprochen; in Deutschland will SPD-Familienministerin Katarina Barley die stärkere Beteiligung von Frauen in Unternehmensvorständen notfalls gesetzlich erzwingen. In Österreich kocht die Diskussion alle Jahre wieder pünktlich zum Frauentag im März auf. Die Chefetagen der börsenotierten Unternehmen Österreichs sind jedenfalls nach wie vor eine Männerdomäne. Von 196 Vorstandsmitgliedern sind elf Frauen; in Aufsichtsräten ist der Frauenanteil seit dem Vorjahr sogar leicht gesunken.

Vorbildlich: VIG

Nur in 14% der 63 im Wiener Börse Index (WBI) notierten Unternehmen findet sich überhaupt ein weibliches Vorstandsmitglied, geht aus einer aktuellen Analyse (Stichtag 31. Juli) des Beraters EY hervor. Mehr als eine Frau im Vorstand gibt es etwa in der Vienna Insurance Group (mit CEO Elisabeth Stadler und Vorstandsmitglied Judit Havasi). Am „höchsten”, so die EY-Analyse, sei der Frauenanteil interessanterweise in den Chefetagen der Automobilbranche mit 14%, gefolgt von der IT-Branche (11%) und der Finanzbranche (9%). In drei Branchen gebe es nach wie vor keine einzige Frau im Vorstand: Energie, Telekommunikation sowie Transport & Logistik.

Im Jahresvergleich erhöhte sich der Frauenanteil leicht von 4,7 auf 5,6%, über 94% der Vorstandsposten werden also noch von Männern bekleidet.
Und das ist auch gut so, finden die Männer. Der Berater Kienbaum befragte 62 Vorstandsmitglieder, Aufsichtsräte und Personalleiter (mit fast ausgeglichenem Geschlechterverhältnis) österreichischer Großunternehmen. Die Ergebnisse: Während die klare Mehrheit der befragten Frauen die Einführung der Quote befürwortet, sind fast alle Männer dagegen. Die Hälfte der Quoten-Gegner hätte lieber eine freiwillige Selbstverpflichtung für das eigene Unternehmen. Im Vordergrund steht bei den männlichen Befragten die Befürchtung, dass bei der Einführung einer Frauenquote nicht mehr die Leistung im Vordergrund steht, wenn es um die Besetzung einer Stelle geht.

Kulturwandel fällig

„Je nach Geschlecht unterscheiden sich die Ansichten bezüglich der Frauenquote fundamental. Von einer Akzeptanz der Quote durch beide Geschlechter ist ­Österreich noch weit entfernt”, sagt Kienbaum-Studienleiter Alfred Berger. Im Topmanagement der österreichischen Wirtschaft gebe es derzeit noch sehr wenige Frauen; nur 34 der 200 Top-Unternehmen erreichen aktuell die Zielquote von 30%. „Es besteht die Notwendigkeit für einen grundlegenden Wandel”, sagt Berger, „der auch mehr genderbezogene Diversität umfassen muss. Dabei geht es nicht nur darum, künftig mehr Frauen zu rekrutieren, sondern es ist vielmehr notwendig, einen grundlegenden Kulturwandel anzustoßen für mehr Diversität im Unternehmen und speziell in Führung und Aufsicht.”

Auch im 3. Österreichischen Aufsichtsrats-Monitor von B&C und WU Wien war die Frauenquote ein Thema. Einen höheren Frauenanteil wünschten sich im Rahmen dieser Umfrage mehr als die Hälfte (53%) der befragten Aufsichtsräte, jedoch lehnten 63% eine gesetzlich geregelte Quote ab. Drei Viertel (78%) aller befragten Aufsichtsräte meinten, dass karrierefördernde Maßnahmen besser geeignet seien, damit Frauen in Führungspositionen gelangen – das sahen übrigens auch 74% der befragten weiblichen Aufsichtsräte so.
Die Zahl der weiblichen Aufsichtsräte in österreichischen Unternehmen soll und wird ab kommendem Jahr deutlich steigen: Am 1. Jänner 2018 tritt nach deutschem Vorbild die verpflichtende Frauenquote in Aufsichtsräten von Großunternehmen in Kraft. Dann soll in börsenotierten Unternehmen sowie Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten ein 30%-Frauenanteil in den Gremien erreicht werden. Zum jetzigen Zeitpunkt erfüllt laut der Umfrage nur ein Bruchteil der betroffenen Unternehmen die Quote. 200 Unternehmen dürften von der Maßnahme betroffen sein. Bereits erfüllt war laut Kienbaum zum Zeitpunkt der Erhebung die Aufsichtsratsquote bei Erste Bank, Oberbank, Post, Schlumberger, Semperit, Valneva, Vienna Insurance Group, Wienerberger und ­Wolford. (red/APA)

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