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Saat der Vielfalt © Rupert Plessl

„Auch die alten Sorten kann man nur durch Aufessen retten”, erklärt Iga Niznik.

© Rupert Plessl

„Auch die alten Sorten kann man nur durch Aufessen retten”, erklärt Iga Niznik.

25.09.2015

Saat der Vielfalt

Alte Sorten, Vielfalt und Genuss – die Arche Noah feiert ihr 25-jähriges Jubiläum und wirft einen Blick in die Zukunft.

••• Von Judith Prugger

WIEN. In den letzten 100 Jahren verschwanden in den USA 95% der Kohlsorten, 91% der Maissorten, 94% der Erbsensorten und 81% der Tomatensorten. Und in Indien ging die Zahl der angebauten Reissorten von 30.000 in den 1950er-Jahren auf heute 50 zurück. Solche Informationen und noch viel, viel mehr zum Thema Artenvielfalt, Raritäten und Nachhaltigkeit findet man auf der Homepage der Arche Noah. Der Verein, der seine Anfänge im Jahr 1990 in der Steiermark hat, feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum und ist mittlerweile eine der größten Erhaltungs­organisationen in Europa.

Noch immer kein Mainstream

„Wenn die Arche Noah auf die vergangenen 25 Jahre zurückblickt, so stellen wir fest: Vieles ist gelungen, aber vieles muss noch geschehen. Am liebsten wären wir in den kommenden 25 Jahren so erfolgreich, und der Sortenvielfalt geht es 2040 so gut, dass es dann keine Arche Noah mehr braucht”, zieht Sprecherin Iga Niznik Bilanz.

Zwar habe sich das Bewusstsein in den vergangenen 25 Jahren stark verändert, und es lasse sich auch ein positiver Trend zu mehr Nachhaltigkeit beobachten. Doch ein nachhaltiger Mainstream ist noch immer kein Mainstream. „Die prinzipielle Affinität zu Bio, Regionalität oder ‚alten' Sorten spiegelt sich leider nicht immer im tatsächlichen Kauf- bzw. Konsumverhalten wider”, so Niznik. „Die Konsumenten müssen verstehen: Wenn sie wollen, dass es Bio gibt, müssen sie Bio konsumieren. Auch die alten Sorten kann man nur durch Aufessen retten.” Wie viele verschiedene Obstsorten es eigentlich in Österreich gibt, weiß niemand so recht. Doch die Schätzungen reichen von 800 bis 2.000 Sorten. Vor allem bei den Äpfeln ist die Vielfalt immens. Der Grund dafür liegt in den Genen der Äpfel: Jedes Mal, wenn ein Kern in einem Apfel gebildet wird, mischen sich diese Gene neu. Wächst aus diesem Kern ein Apfelbaum, ist theoretisch eine neue Sorte entstanden.

Suche nach Raritäten

Immer wieder entdeckt Arche Noah unbekannte Sorten unter den Früchten, die dem Team im Rahmen des Obst-Bestimmungsservice zugesendet werden. In der Datenbank der Arche Noah sind über 3.200 Obstbäume mit Sorte und Standort registriert. Mehr als 900 verschiedene Sorten sind dort vermerkt, und nicht wenige davon sind noch namenlos. Die Arche Noah trägt heute dazu bei, dass alte Sorten und Raritäten auch tatsächlich noch in Umlauf kommen – über Märkte beispielsweise. Dem Verein sind Dutzende Betriebe bekannt, die auf alte Sorten oder Raritäten von Obst, Gemüse und Getreide setzen. „Hier handelt es sich tatsächlich oft um Saatgut, das im Handel nicht erhältlich ist, weil sein Verkauf nach den derzeitigen Bestimmungen illegal wäre”, so die Spezialistin für den Bereich Saatgutpolitik. Diese Sorten seien zwar nicht so ertragreich, aber dennoch für den Landwirt attraktiv: „für guten Geschmack, Regionalität und Tradition sind die Kunden bereit, einen höheren Preis zu zahlen.”

Pop up Store und Onlinehandel

Von April bis Mai gab es heuer auch erstmals einen Pop up Store in Wien – das Angebot wurde gut angenommen: „Durch den kurzen Weg innerhalb der Stadt sind viele Kunden sogar mehrmals in diesem Zeitraum gekommen, um sich mit Pflanzen oder Saatgut zu versorgen. Diesen Shop an dem Standort wird es in jedem Fall in der nächsten Frühjahrs-Saison wieder geben.” Den Pop up Store gibt es mittlerweile nicht mehr. Doch die beiden Onlineshops des Vereins bieten die Möglichkeit, Jungpflanzen, Saatgut und Bücher zu bestellen. „Das Projekt Jungpflanzenversand per Post besteht bereits seit über sieben Jahren und verzeichnet seitdem eine jährlich steigende Beliebtheit”, so Niznik. Besonders beliebt ist Gemüse, welches direkt auszusäen ist – etwa rote Rübe, Radieschen, Bohnen oder Zwiebel. Aber auch besondere Tomatensorten, wie die gelbe Dattelwein und echte Raritäten wie die Stachelgurke sind sehr gefragt. Mit Sicherheit sind seltene und alte Sorten für die einen „bloß” Kuriosität, für die anderen Hobby und Leidenschaft.

Saatgutverordnung

Doch der Umstand, dass nur etwa 100 Kulturpflanzenarten (von mehr als 4.800 bekannten) 90% der weltweiten Nahrungsmittelernte ausmachen, verdeutlicht die Relevanz des Ganzen. Ein weiteres Beispiel: Die Gattung Weizen umfasst 26 Kulturarten und über 290 bekannte Formen; doch weltweit dominieren zwei Arten den Anbau. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, kurz: TTIP, stößt einem Verein wie der Arche Noah naturgemäß sauer auf. Denn eines ist das Arche-Team bestimmt nicht: apolitisch. „Die Verhandlungsdokumente sind geheim, und wir wissen mittlerweile, dass die Industrie im Vorfeld intensiv involviert wurde. Daher ist nicht von einer Förderung von kleinbäuerlichen oder regionalen Strukturen auszugehen, und eine Untergrabung der Umwelt- und Gesundheitsstandards in Europa zu befürchten”, kommentiert Niznik. Freihandel sei schließlich kein Selbstzweck, sondern müsse dem Gemeinwohl dienen. „Ob das im Rahmen von TTIP gelingen kann, ist mehr als fraglich.” Die EU-Saatgutverordnung wurde zwar zurückgezogen. Doch die rechtliche Lage für die Vielfalt bleibe weiterhin suboptimal: „Trotz der Nachfrage der Konsumenten nach Vielfaltsprodukten bleibt das Nischendenken aufrecht: Vielfalt darf nicht Mainstream werden. Daher appellieren führende Brüsseler NGOs an die EU-Kommission, die Reform unter anderen Vorzeichen wieder aufzunehmen.” Warum die Verdrängung und der Verlust der Artenvielfalt so dramatisch ist? Die Vielfalt sichert, „dass unsere Landwirtschaft sich an veränderte Umweltbedingungen – Stichworte Klimawandel, neue Krankheiten oder Schädlinge – anpassen kann”, erklärt der Verein. Vielfalt sichere nicht nur Genuss und Geschmack, sondern erhalte auch unser Kulturgut und könne nicht zuletzt auch Allergikern helfen.

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