FINANCENET
Ausgezeichnete Wertanlagen © Sotheby’s

St. Katharinen Orden Die russische Auszeichnung, gefertigt vor 1896 von Albert Keibel in St. Petersburg, mit Gold, Diamanten und Email, samt Original-Etui und Schärpe sowie Urkunde und Korrespondenz erzielte 2008 bei Sotheby’s rund 517.000 €.

© Sotheby’s

St. Katharinen Orden Die russische Auszeichnung, gefertigt vor 1896 von Albert Keibel in St. Petersburg, mit Gold, Diamanten und Email, samt Original-Etui und Schärpe sowie Urkunde und Korrespondenz erzielte 2008 bei Sotheby’s rund 517.000 €.

20.11.2015

Ausgezeichnete Wertanlagen

Orden zeichnen ihre Besitzer aus – auch wenn diese die dekorativen Ehrenzeichen nicht tragen, sondern sammeln.

Zu Beginn der Ballsaison schwärmen ältere Semester noch heute gern vom „Zauber der Montur” – und tatsächlich: Formell-uniform gekleidet, wird aus jedem Halbstarken ein junger Herr, aus jedem Baumeister ein Baron. Im Idealfall ziert noch ein Orden die stolz geschwellte Brust – eleganter geht’s nicht.

„Orden sind mir wurscht, aber haben will ich sie”, soll einst ­Johannes Brahms gesagt haben – eine Einstellung, die auch heute noch viele Menschen teilen: Nicht jeder, der sich für die schmucken Ehrenzeichen interessiert, will sie auch anlegen, um sich solcherart vom gemeinen Frackträger abzuheben. „Es ist vollkommen indiskutabel, einen Orden zu tragen, den man nicht selbst verliehen bekommen hat”, erklärt Georg Ludwigstorff, im Dorotheum zuständiger Experte für Orden und Auszeichnungen, dezidiert. Daher betrachten viele Ordensfreunde die prächtigen Dekorationen weniger als Schmuck, sondern vielmehr als Sammelobjekt und erwerben ihre Schätze für die Vitrine.
Das gilt besonders für ältere Stücke, denn was heute um Herrenhälse baumelt oder Frackfronten ziert, ist größtenteils jüngeren Datums und kann sich kaum mit der Pracht antiker Ehrenzeichen messen. Das liegt einerseits an den Materialien, andererseits an der Herstellung: Fertigten früher renommierte Hof-Juweliere wie Köchert oder ­Rozet & Fischmeister in Handarbeit Kleinodien aus Brillanten, Silber und Gold, so müssen sich die meisten zeitgenössischen Ehrenzeichen mit maschinell verarbeiteten, preisgünstigeren Metalllegierungen begnügen. Wirklich kostbare Orden verleihen heutzutage nur noch Monarchen, zum Beispiel die Königinnen von Dänemark (Elefantenorden) und Großbritannien (Hosenbandorden), und solche hohen Auszeichnungen kommen selten auf den Markt. Hier sieht man übrigens, dass auch Königshäuser inzwischen aufs Geld schauen müssen und lieber (kostenlose) Titel verleihen als (teure) Orden.

Souvenirs der Monarchie

Im Dorotheum – nota bene das einzige große Auktionshaus weltweit, das zweimal jährlich einen eigenen Ordenskatalog herausgibt – liegt der Schwerpunkt daher wenig überraschend auf antiken europäischen Orden, insbesondere auf den Kaiser- und Königreichen Österreich-Ungarn, Russland, England, Frankreich und dem Deutschen Reich. „Die Nachfrage steigt stetig”, berichtet Ludwigstorff. „Vor allem die Preise für russische Orden sind in den letzten Jahren geradezu explodiert: Die Werte haben sich ungefähr verzehnfacht.”

Darin Bloomquist, Experte bei Sotheby’s, bestätigt diese Aussage anhand eines Beispiels: „Derselbe diamantbesetzte St. Andreas-Orden, den wir 2008 für 2,73 Millionen Pfund (3,44 Millionen Euro) verkauft haben, hat bei einer Auktion 1983 ‚nur' 300.000 Schweizer Franken (damals etwa 200.000 Euro) erzielt.”
Das liegt nicht nur an der Kaufkraft der russischen Sammler, sondern auch daran, dass die Nachfrage deutlich größer ist als das Angebot. Weil der Besitz von Edelmetall Privatpersonen im kommunistischen Russland verboten war und die Emigranten ihre Auszeichnungen selbstverständlich mitnahmen, findet der Handel mit russischen Orden praktisch ausschließlich im Westen statt. „Außerdem erübrigte sich mit dem Ende des Zarenreichs die sonst übliche Rückstellung der ja nur verliehenen Auszeichnungen an die Ordenskanzlei”, erklärt ­Ludwigstorff.

Verliehen, nicht verschenkt

Zwar wurden und werden Ehrenzeichen an ausländische Würdenträger vielfach verschenkt, aber wenn heute beispielsweise ein Ritter vom Orden des Goldenen Vlies, dem Hausorden der Habsburger, stirbt, so sind seine Erben verpflichtet, die Ordenskette – die so- genannte Collane – an den Orden zu retournieren. Aus diesem Grund gab bzw. gibt es die Möglichkeit, Halsdekorationen in verschiedenen Ausführungen privat zu kaufen. „Bei Sammlern sind aber nur Vlies-Orden von vor 1918 wirklich gefragt”, weiß Ludwigstorff. Da bringt dann eine schlichte Ausführung in Gold mit guter Provenienz schon um die 25.000 €, eine mit Brillanten entsprechend mehr.

Auch beim Ritterkreuz, der niedrigsten Stufe des Maria-Theresien-Ordens, muss man mit Preisen um die 20.000 € rechnen; die höheren Klassen – Halskreuz und Großkreuz – können auch das Drei- bis Vierfache erzielen, kommen aber im Handel praktisch nicht vor. „Man darf nicht vergessen, dass Orden nie ein Massengut waren”, erinnert Ludwigstorff; „nur 0,5 Prozent der Bevölkerung der k.u.k. Monarchie waren Ordensträger.”
Ähnlich elitär ging es im Zarenreich zu. Neben dem Andreas-Orden als höchster russischer Auszeichnung war und ist der Orden des Heiligen Georg – korrekt eigentlich „Kaiserlicher Militär-Orden des Heiligen und Siegreichen Großmärtyrers Georg” –, den Katharina die Große 1769 zur Belohnung herausragender Tapferkeit im Kampf stiftete, besonders gefragt: Während der gesamten Regentschaft der Romanow-Dynastie wurde die erste Klasse des vierstufigen Georg-Ordens nur an 25 Offiziere verliehen. Auch der Katharinen-Orden erzielt bei Auktionen regelmäßig Höchstpreise, weil sich viele Zeitgenossen für die militärische Vergangenheit ihrer Heimat interessieren.

Heilige, Helden & Nazis

Das gilt allerdings – man darf es nicht verschweigen – auch für Auszeichnungen der National­sozialisten. „Das Dritte Reich macht 80 Prozent des weltweiten Ordensmarkts aus”, schätzt Ludwigstorff. „Auch wenn die meisten Menschen von dieser Ära abgestoßen sind, so gibt es doch einen kleinen Rest, der bereit ist, für Relikte aus dieser Zeit Höchstpreise zu bezahlen.”

Ganz abgesehen davon, dass das Dorotheum aus ideologischen Gründen keinen Handel mit Nazi-Souvenirs treibt, wäre das in Öster­reich auch gesetzlich verboten: Erlaubt sind nur Besitz und Weitergabe, das Anbieten und Zur-Schau-Stellen solcher Stücke hingegen nicht. Einschlägige Sammler, vor allem Amerikaner und Deutsche, müssen die Objekte ihrer Begierde also im Ausland kaufen. Gefragt sind laut Ludwigstorff vor allem Tapferkeitsmedaillen wie das Eiserne Kreuz – im Gegensatz zum Mutterkreuz, das „praktisch nichts kostet”. Zu den Ladenhütern zählen übrigens auch kirchliche Ehrenzeichen: „Stiftsorden werden heute kaum noch gesammelt, daher bekommt man sie vergleichsweise günstig.”
Selbiges gilt – noch – für Orden der Balkanstaaten, insbesondere jene der Königreiche Rumänien und Bulgarien, obwohl auch diese schon im Preis angezogen haben. „Eine Garnitur des höchsten rumänischen Ordens, des Karol-Ordens, kostet heute zwischen 5.000 und 7.000 Euro, sie hat aber Potenzial, auf das Doppelte zu steigen”, prognostiziert Ludwigstorff.
Doch die mögliche Wertentwicklung spielt für wahre Sammler ohnehin nur eine sekundäre Rolle, ebenso wie die Tatsache, dass sie ihre Orden höchstens in den eigenen vier Wänden anlegen können. Und dann gibts natürlich auch Zeitgenossen, die ihre Auszeichnungen bevorzugt zuhause anlegen. Prominentestes Beispiel: Der mittlerweile verstorbene britische Schauspieler Sir Peter Ustinov, der sich für die Verleihung des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse anno 2001mit der Feststellung bedankte, dass er „als alter Mann nicht mehr viel Gelegenheit” haben werde, den Orden auszuführen; weil dieser aber so dekorativ sei, werde er ihn allabendlich „zuhause am Pyjama” tragen.

••• Von Marie-Thérèse Hartig

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL

Ihr Kommentar zum Thema