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Der chinesische Drache ist derzeit flügellahm © Panthermedia.net/Thanat Chanyu
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reinhard krémer 08.05.2015

Der chinesische Drache ist derzeit flügellahm

BIP-Schmerzen Das „Reich der Mitte” leidet unter schwacher Nachfrage und Überkapazitäten. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts war im Jahr 2014 das schwächste seit 24 Jahren; heuer soll es weiter nachgeben. Europäische ­Unternehmen, die in China aktiv sind, sehen jedoch keine Probleme.

Peking. Es ist nicht mehr alles eitel Wonne im Reich der Mitte: Das viel bewunderte chinesische Wirtschaftswunder scheint nach einer langen Erfolgsstrecke eine Pause einzulegen.

Die Zahlen sind rundherum wenig erfreulich: Der offizielle Einkaufsmanagerindex für die Industrie stagnierte im April bei 50,1 Punkten. Damit befindet sich das Barometer nur um Haaresbreite über der Schwelle von 50, die ein Wachstum anzeigt.
Auch bei der Dienstleistungsbranche gibt es wenig Grund zum Jubeln, denn sie leidet unter einer schwächeren Nachfrage; der entsprechende Index fiel auf 53,4 von 53,7 im März. Noch vor wenigen Monaten war dieser Wirtschaftszweig einer der wenigen Hoffnungsschimmer in der Volksrepublik.

BIP wird noch schwächer

Diese Zahlen schlagen voll auf die Erwartungen für das Bruttoinlandsprodukt durch: Die Regierung in Peking erwartet für dieses Jahr nur einen Anstieg von rund sieben Prozent; 2014 waren es 7,4 Prozent. – doch schon das ist die schwächs-te Rate seit 24 Jahren gewesen.
Zwar blieb bei einer Inflation von drei Prozent im Vorjahr noch immer ein reales Wachstum von 4,4 Prozent übrig, doch bringt jede Abschwächung des BIP noch mehr Arbeitslose.
Experten hatten diesen Trend schon länger erwartet, weil die chinesische Wirtschaft vor allem vom Export lebt und die Krise in den westlichen Staaten weniger Nachfrage bescherte. Von dort stammt auch ein guter Teil der Überkapazitäten, die aber wiederum nur einige Provinzen stark treffen.
Zwar hat China nach den USA das zweitgrößte BIP der Welt, doch pro Kopf liegt das chinesische Jahreseinkommen mit nur 7.000 Dollar bei nur 15 Prozent des Niveaus der Vereinigten Staaten.

Alarmglocken läuten

Der Konsum ist zu schwach, um die Wirtschaft mit eigener Nachfrage zu tragen: Er macht in China nur etwa die Hälfte vom BIP aus – aber auch das nur, wenn man die Staatsausgaben mit einschließt.
Wenn man nämlich nur den Verbrauch der Privathaushalte betrachtet, sind es überhaupt bloß 35 Prozent des BIP. All das dürfte in Peking alle Alarme aufleuchten lassen, denn die Regierung setzt nun eine Maßnahme nach der anderen, um den Abwärtstrend zu stoppen. So lockerte sie Bestimmungen, um die Einstellung von Arbeitern zu erleichtern. Steueranreize für Firmen, die Menschen einstellen, die länger als ein halbes Jahr ohne Arbeit sind, wurden umgehend genehmigt; bisher galt eine Frist von einem Jahr.
Besonders Wanderarbeiter, die in ihren Heimatorten Geschäfte aufbauen wollen, sollen steuerlich entlastet werden. Diese zahlenmäßig sehr starke Gruppe, weil besonders arm, aber mobil, gilt in China als Potenzial für Unruhen. Daher soll auch die Bürokratie und die Kreditvergabe bei der Gründung von Unternehmen einfacher werden.

Europäer im Feuer?

Die schwache Konjunktur im Reich der Mitte könnte natürlich auch europäische Unternehmen, allen voran deutsche Autohersteller, treffen. So lag der Absatz der VW-Gruppe ohne die beiden Lkw-Töchter MAN und Scania sowie Seat im Vorjahr bei satten 3,67 Millionen Fahrzeugen – das war ein Plus von 12,4 Prozent binnen Jahresfrist.
Doch die Krise in China trifft die Deutschen und viele andere westliche Unternehmen – noch – nicht, weil sie ihre Produkte an die noch immer rasant wachsende Mittelschicht absetzen.
Und auch in Österreich, wo einige Unternehmen im Reich der Mitte höchst aktiv sind, gibt es wenig Bedenken: „Wenn der Renminbi -Yuan nicht einbricht, haben wir keine Sorgen in China”, kommt zum Beispiel Entwarnung vom Leiterplatten-Spezialisten AT&S.

Positive Währungssignale

Doch gerade hier gibt es positive Entwicklungen: Der Renminbi könnte nämlich bald den Status als konvertierbare Währung zuerkannt bekommen, meint Gerhard Winzer vom Erste Asset Management. „Ob der Renminbi auch in das Sonderziehungsrecht, also in den Währungskorb für die Buchwährung des Internationalen Währungsfonds, aufgenommen wird, hängt nur noch von politischen Argumenten ab”, sagt Winzer. Dies lasse sich auf den Abbau der Kapitalverkehrsrichtlinien und die Internationalisierung der chinesischen Währung zurückführen.

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