FINANCENET
Die Dämmerung des Karbonzeitalters © panthermedia.net/Wang Aizhong
© panthermedia.net/Wang Aizhong

15.01.2016

Die Dämmerung des Karbonzeitalters

Das Zeitalter der fossilen Energie geht zu Ende. Die Finanzwelt steigt aus Investments in diesem Bereich aus – das hat Folgen.

••• Von Reinhard Krémer

Zentralbanker sind in der freien Wildbahn ein recht scheues Völkchen, vor allem in Europa. (Der hier heimische OeNB-General gehört dem Vernehmen nach noch eher zu den gesprächigeren Vertretern seiner Spezies; Anm.) Im Wissen, dass ihre Aussagen von immensem Gewicht sind, die in Sekunden jedwede Märkte explodieren lassen können, wählen sie ihre Worte mit Bedacht – oder schweigen.

Um so verwunderter war die Fachwelt, als die Bank of England, vertreten durch ihren obersten Chef Mark Carney, bei einem Dinner vor Versicherungsexperten eine Salve abfeuerte, deren volle Brisanz die Welt des Geldes seit Monaten noch immer zu verdauen versucht.

Gestrandete Assets

Der Mann warnte die Versicherungswirtschaft nämlich in drastischen Worten vor Investments in fossile Energien. Diese könnten, so BoE-Boss Carney, recht rasch zu „gestrandeten Assets” werden – also einen massiven Wertverlust einfahren.

Wie der Brite darauf kommt, ist leicht erklärt: Die Umsetzung der Klimaziele, die den weltweiten Temperaturanstieg als Folge der Vereinbarungen des Kopenhagener Klimagipfels bei zwei Grad Celsius einfrieren wollten (die Pariser Ziele sind sogar noch strikter), würde bedingen, dass fossile Energieträger, die allen gegensätzlichen Prognosen zum Trotz noch immer in rauen Mengen vorhanden sind, im Extremfall einfach nicht mehr gefördert oder zumindest nicht verfeuert werden dürfen. Nach dem Konzept des UN-Klimarats dürfen nämlich bis 2050 nur noch maximal ein Drittel der Ölreserven und nur ein Fünftel der verfügbaren Kohle verbrannt werden, um überhaupt die Chance zu wahren, dass die globale Durchschnitts­temperatur nicht über ebendiese – als noch beherrschbar geltenden – zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigt.
Oder, andersherum formuliert: 80% der heute bekannten Kohle-, Öl- und Gasvorräte müssten unangetastet bleiben. Oder, wieder anders dargestellt: Noch 565 Milliarden Tonnen CO2 – dann ist Schluss.
Veranlagungen in Unternehmen im Bereich der „Fossilen” würden in diesem Szenario so gut wie wertlos, denn wer dann Aktien von zum Beispiel BP im Portfolio hat, besitzt Anteile an einem Unternehmen, das nicht verkehrsfähige Produkte hortet – kein Umsatz, kein Gewinn, nada, nix. Entsprechende dramatische Auswirkungen auf Volkswirtschaften, die auf die Ausbeutung von Energieträgern ausgerichtet sind, wären damit die logische ­Folge.
Den Dinnergästen blieb da sicher der Bissen im Halse stecken, sitzen doch allein die britischen Versicherer auf Assets in der Höhe von bis zu 2,5 Billionen Pfund (ca. 3,53 Billionen Euro) in Energie-Unternehmen, die emsig fossile Energie fördern – also vor allem Öl und Gas. Weltweit wird der Wert dieser Reserven vom Carbon Tracker & Grantham Institute auf rund 25 Billionen Euro geschätzt – das reicht locker für mehrere Finanzkrisen. Leider würde das, was allein die 100 führenden Kohle-, Erdöl- und Gasfirmen noch unter der Erde halten, so man es verfeuern würde, auch 565 Mrd. Tonnen CO2-Emissionen freisetzen – eindeutig zu viel also, um die Klimaziele einzuhalten.
Besonders die Inselnation hat hier mit negativen Folgen zu rechnen, denn allein von den im britischen Leitindex FTSE gelisteten Unternehmen holt fast ein Drittel ihren Umsatz und Profit aus dem Umgang mit fossilen Rohstoffen. Große Investmenthäuser wie Citigroup oder HSBC haben die Gefahr bereits erkannt – sie halten einen drastischen Absturz der Börsenkurse großer Erdölkonzerne in den nächsten Jahren für durchaus denkbar. HSBC geht gar von Verlusten bis zu 60% der Unternehmenswerte aus. Und es würde nicht nur alle Energieunternehmen treffen, die auf Kohlenstoff setzen, sondern im zweiten Schritt auch alle Banken, Versicherungen und Pensionsfonds, die Anteile an derartigen Unternehmen halten. Der Verlust könnte allein im Euro-Raum 350 bis 400 Mrd. Euro betragen, schätzen Experten. Und in Österreich stünden 28 bis 30 Mrd. Euro im Feuer.

Raus aus den „Fossilen”

Doch diesmal ist die Finanzbranche vor der „Carbon Bubble” auf der Hut, und der Rückzug aus den „Fossilen” läuft schon seit mehreren Jahren auf Hochtouren: Divestment heißt das Zauberwort.

Die Bewegung hat ihren Anfang in den USA gefunden, wo der Fachartikel „Global Warming's Terrifying New Math” des Autors Bill McKibben im Sommer 2012 an unerwarteter Stelle, nämlich im Rolling Stones-Magazin, für Aufsehen sorgte. Seit damals formieren sich immer mehr Befürworter der Divestment-Bewegung, die versuchen, Städte, Gemeinden, Renten- und Pensionskassen, Hochschulen, Kirchen und andere öffentliche Investoren zum Ausstieg aus Veranlagungen in die Karbon-Industrie zu bewegen. Wenn man auf der anderen Seite die Leugner des Klimawandels wie den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump beobachtet, fällt einem unweigerlich das Wort Winston Churchills ein: „Auf Eines kann man sich immer verlassen – nämlich, dass die Amerikaner immer das Richtige tun werden – nachdem sie vorher alles andere versucht haben.” Die Welle rollt jedenfalls, wie eine Studie zeigt: Laut einer aktuellen Untersuchung des US-Investmenthauses Arabella Advisors, die hierzulande von den Grünen im Parlament präsentiert wurde, haben sich bis Ende Oktober des Vorjahres insgesamt 436 institutionelle und Tausende private Anleger, die ein Gesamtvolumen von umgerechnet 2,3 Billionen Euro repräsentieren, dazu bekannt, sich aus Investitionen in fossiler Energie zurückzuziehen.
Schon 2014 zog der Rockefeller Brothers Fund sein Vermögen in Höhe von rund 780 Mio. Euro vollständig aus Unternehmen der fossilen Energien ab – Stammvater John D. Rockefeller machte sein Vermögen übrigens einst mit Öl. In Summe haben bis dato Stiftungen, Pensionskassen und andere Vermögensverwalter mit einem Gesamtvermögen von über 40 Mrd. Euro den Ausstieg verkündet.

Leugnern geht die Luft aus

Und nach der großen Dürre, zahlreichen Tornados – allein im Dezember 2015 starben 14 Menschen an einem Tag – und Hurricanes bis nach New York mit Schäden in astronomischer Höhe haben Politiker wie der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio ihre Lektion gelernt: „Es ist höchste Zeit, unsere Investitionen auf den neuesten Stand zu bringen”, gab er die Richtung nach Hurrikan Sandy für die städtischen Pensionsfonds vor. „Und mit dem Kohle-Divestment fangen wir an.”

Und selbst notorische Klima­änderungsleugner oder jene unter den aufstrebenden Staaten, denen dies bis dato egal war, kommen nun unter Druck. So bereitet China, das bis jetzt das Wachstum vor das Klima mit dem Argument „Wir machen Umweltschutz, wenn wir es uns leisten können – schließlich hat es der Westen genauso gemacht” stellte, verfolgt unter dem Eindruck massiver Dürren im Norden des Landes und steigender Gesundheitskosten, verursacht durch klimabezogene Erkrankungen, eine neue Richtung.
Kohlekraftwerke sollen nach dem Willen von Präsident Xi Jinping sukzessive zugesperrt oder mit Umweltschutzmaßnahmen aufgerüstet werden – raus aus dem Karbon also. Und wer an die verstörenden, rauchumnebelten Bilder der chinesischen Metropolen denkt, kann ermessen, welches Potenzial an Verbesserungen sich hier auftut.

Niemand ist eine Insel

Auch in Indien, das lange Zeit eine ähnliche Linie wie das Reich der Mitte verfolgte, deutet sich nach der verheerenden Dürre in Andra Pradesh mehr Verständnis für Klimabelange an. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen beider Länder bei der Klimakonferenz in Paris im Dezember massive Veränderungen zugunsten der Klimaziele mitgetragen haben.

Dass Präsident Obama das „Aus” für die jahrelang umstrittene Keystone-Pipeline verkündete, ist übrigens ebenfalls eine Folge des verstärkten Augenmerks auf den Klimaschutz. Auch Starinvestor Warren Buffett hat sich von seinen Exxon-Anteilen getrennt, und der riesige staatliche norwegische Pensionsfonds, der rund 766 Mrd. Euro verwaltet, will aus den „Fossilen” aussteigen. Analysten meinen, dass von diesem Schritt weltweit bis zu 75 Unternehmen betroffen sein könnten.
Viel Geld wird bereits jetzt umgeschichtet: Große Versicherer wie die Allianz setzen auch in Österreich auf Veranlagungen in „Erneuerbare” – „Grün” ist schließlich auch „The Colour of Money”. In Deutschland hat der Mutterkonzern der Assekuranz bereits 1,8 Mrd. Euro in „Erneuerbare” gesteckt. Und diese Umschichtungen bieten nicht nur Anlagepotenzial für Versicherer – „grün” investieren kann jeder. Wer Einzelaktien scheut, ist mit Fonds bestens bedient. Vor allem jene, die ihr Geld nach ethisch-nachhaltigen Grundsätzen veranlagen, sind bei der Rendite zumindest gleich stark wie ihre „schmutzigen” Kollegen. Und Studien, wie jene der Universität Oxford („From the Stockholder to the Stakeholder”) zeigen, dass Unternehmen mit hohen Nachhaltigkeitsstandards auch tendenziell besser wirtschaften.
Nicht überall wird das Divestment friktionsfrei ablaufen; sind doch von den zehn größten Unternehmen der Welt gleich sieben im Bereich Erdöl und Gas tätig und wären natürliche Opfer der „Carbon-Bubble”. Und ob sich der Ölpreis in diesem Szenario jemals wieder zu alten Höhen aufschwingen wird können, ist vor diesem Hintergrund fraglich.

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