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Die Kunst des königlichen Spiels © APA/AFP/ANP/ Koen Van Weel

Magnus Carlsen Der amtierende Schachweltmeister spielte im Februar 2016 ein ­Simultanturnier gegen ­niederländische Politiker.

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Magnus Carlsen Der amtierende Schachweltmeister spielte im Februar 2016 ein ­Simultanturnier gegen ­niederländische Politiker.

Marie-Thérèse Hartig 25.03.2016

Die Kunst des königlichen Spiels

Schach fasziniert die Menschen nicht nur mit einer Vielzahl an Spielstrategien, sondern auch mit kunstvollen Brettern und Figuren.

Wenn sich Pärchen in den Flitterwochen nächtelang mit Stellungen beschäftigen, wundert das niemanden. Seltsam wird’s erst, wenn es bei den Positionen nicht um die Körper der Frischvermählten, sondern um Schachfiguren geht. So geschehen bei Marcel Duchamp: Als der französische Konzeptkünstler 1927 heiratete, galt seine Leidenschaft weniger seiner jungen, hübschen und obendrein reichen Braut Lydie, als vielmehr den 32 Figuren auf seinem Schachbrett. Ihnen widmete er sich Nacht für Nacht – bis es der frustrierten Frau zu dumm wurde und sie die Figuren kurzerhand aufs Brett klebte. Die Ehe wurde wenig später geschieden.

Zugegeben, eine skurrile Geschichte. Doch sie belegt eindrucksvoll, wie sehr Menschen – insbesondere Künstler – dem sogenannten königlichen Spiel verfallen können. Während aber Duchamp zugunsten der 64 schwarz-weißen Felder nicht nur seine sozialen Kontakte, sondern auch seine Arbeit vernachlässigte, lebten die meisten anderen schachbegeisterten Kreativen ihre Liebe zum Spiel und zum Design künstlerisch aus und schufen aus den unterschiedlichsten Materialien unverwechselbare Sets.

Politisches Spiel

War die Gestaltung der Figuren bis zur Renaissance noch weitgehend höfischen Regeln unterworfen und dementsprechend naturalistisch, so brachte im 20. Jahrhundert praktisch jede Dekade und jede künstlerische Stilrichtung eigene prägnante Entwürfe hervor. Stellt man etwa das einzig bekannte Schachset aus dem Hause Fabergé – gefertigt 1905 von Werkmeister Karl Gustav Armfelt – dem Bauhaus-Schach von Josef Hartwig aus 1924 gegenüber, so scheinen mehr als nur 20 Jahre zwischen den Entwürfen zu liegen: hier fili­grane, silbergefasste Schmucksteine, da formal reduzierte Holzfiguren, deren Form den Bewegungsmöglichkeiten der jeweiligen Figur entspricht. Form follows function, sozusagen.

Auch die Politik – die Weltkriege ebenso wie Kommunismus versus Kapitalismus – spiegelt sich in den Schach-Kreationen des 20. Jahrhunderts wider. So entwarfen die Schwestern Natalia und Jelena Danko in den Zwanzigerjahren für die staatliche Porzellanfabrik in Leningrad ein Set, bei dem weiße Kommunisten- gegen schwarze Kapitalistenfiguren antraten.
Die Fluxus-Künstlerin Yoko Ono wiederum eliminierte in den Sechzigerjahren mit ihrem White on White Chess Set die Farbe Schwarz: In diesem Ensemble laden weiße Figuren auf einem weißen Einlegebrett, ergänzt von zwei weißen Sesseln, zum Spiel ein. Eine ebenfalls sehr eigenwillige Kreation stammt von Salvador Dalí, der sich 1964 von seinem Freund Duchamp zur Gestaltung von Schachfiguren überreden ließ: Der Surrealist formte die meisten der silbernen und vergoldeten Figuren nach seinen Fingern, nur für die beiden Königinnen dienten Madame Dalís Finger – gekrönt von einem Zahn – als Modell, und für die Türme mussten die Salzstreuer des Hotel Saint Regis in New York Pate stehen. Solche Ideen haben freilich ihren Preis: Das Dalí-Set spielte bei einer Auktion in Florida 2008 mehr als 23.000 USD ein.
Ganz schön teuer für ein Spiel? Keineswegs! Die Schach-Interpretationen zeitgenössischer Künstler, die in einer Auflage von jeweils maximal sieben Exemplaren vom britischen Kunstkommissionshaus RS&A vertrieben werden, rangieren in denselben Preissphären wie deren sonstige Arbeiten. So brachte beispielsweise Maurizio Cattelans Porzellan-Aufstellung der Guten (von Mutter Teresa bis Superman) gegen die Bösen (von Cruella de Vil bis Hitler) 150.000 £.

Teure Gegenwartskunst

Dass selbst Preise in dieser Größenordnung noch Steigerungs­potenzial haben, zeigt Damien Hirsts medizinisch inspirierte Version des royalen Spiels: 2003 kostete sein klinisch-steril anmutendes Ensemble bei RS&A noch 50.000 £, drei Jahre später erzielte es bei einer Auktion in New York bereits 285.000 £. Ein einziges seiner Schach-Sets hat RS&A noch im Angebot; über den Preis hüllt sich Julia Royse, Mitbegründerin von RS&A, allerdings in diskretes Schweigen. Sie verrät nur, dass Angebot und Nachfrage Hand in Hand gehen und die verlangten Summen generell mit den marktüblichen Preisen des jeweiligen Künstlers korrelieren. „Derzeit sind von den ursprünglich verschiedenen 16 Schach-Sets noch zwölf erhältlich”, so Royse, „die Preise liegen zwischen 10.000 und 100.000 Pfund.” (Details erfragen Interessenten unter info@r-s-a.co.uk.)

Apropos Preise: Googelt man die „teuersten Schachsets der Welt”, so findet man praktisch nur moderne Exemplare, das älteste der Top Ten stammt aus dem Jahr 1970. Meist ist der Wert dieser Sets auf die verwendeten Materialien zurückzuführen, zum Beispiel das Royal Diamond Chess Set aus Weißgold und rund 9.900 weißen und schwarzen Diamanten von Charles Hollander aus dem Jahr 2004, dessen Prototyp noch mehr als eine Mio. USD kostete und heute, quasi in Serie, für rund 600.000 USD angeboten wird. Oder Victor Scharsteins „Art of War Set” aus massivem Weiß- und Gelbgold mit Edelsteinen für 750.000 USD. Jenseits von Gut und Böse ist schließlich das Jewel Royale Chess Set, das zusätzlich zu Diamanten, Sapphiren, Rubinen und Smaragden auch noch Platin (für die weißen Figuren) und Gold (Schwarz repräsentierend) sowie weiße und schwarze Perlen aufweist. Kostenpunkt für die Spielerei: 9,8 Mio. USD.
Doch zurück zu realistischeren Varianten. Bei Auktionen sind es vorwiegend die antiken Schachsets, die Spitzenpreise erzielen. „Antike Bretter waren bis vor etwa zehn Jahren im Preis unterschätzt”, berichtet Luke Honey, Bonhams-Konsulent und Schach-Experte in Lon-don. „Seither verkaufen sich 18. und 19. Jahrhundert sehr gut, und alles davor ist sowieso extrem selten und dementsprechend begehrt.”

Exotische Preisfaktoren

Auch die Herkunft eines Sets spielt in einer zunehmend globalen Welt eine große Rolle: „Exotische” Gegenden wie Burma, die Mongolei oder die Arktis üben auf Sammler einen eigenen Reiz aus. Preisbestimmend sind zusätzlich zur Seltenheit die künstlerische und handwerkliche Qualität, wobei manche Materialien besonders gefragt sind: Elfenbein und Ebenholz sind gut, aber häufig; ungewöhnlicher sind Lava und Koralle, bemaltes und verziertes Bein, Silber und Gold sowie Email mit Steinintarsien. Dass manche Materialien empfindlicher sind als andere, liegt in der Natur der Sache; daher ist ein perfekter Erhaltungszustand bei einem Spiel eine unrealistische Forderung – „kleinere Kratzer sind akzeptabel”, meint Honey. Auch Res­taurierungen sind üblich, müssen aber von höchster Qualität sein. Drastisch preismindernd wirken sich hingegen fehlende Figuren aus, obwohl „hochwertig nachgemachte Ergänzungsstücke zunehmend akzeptiert” werden, so Honey.

Ein Fall, in dem selbst einzelne Figuren vermutlich Höchstpreise erzielen dürften, ist die kommende Islamic World Auktion von Sotheby’s. Hier kommt die umfangreiche Schach-Sammlung von Lothar Schmid zur Versteigerung, der als Schiedsrichter den legendären „Jahrhundertmatches” 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski berühmt wurde. Zu den Highlights der Sammlung des 2013 verstorbenen deutschen Großmeisters zählt die aus Bergkristall geschnitzte Figur eines Königs oder einer Königin aus der Zeit der ägyptischen Fatimid-Dynastie (11. Jhdt.), die auf 30.000 bis 50.000 £ geschätzt wird. Angesichts der Provenienz erscheint die Wert-Schätzung des Auktionshauses durchaus realistisch. Zum Vergleich: 2007 verzehnfachte ein chinesisches Elfenbein-Schach in einer aus dem gleichen Material geschnitzten Box aus der Sammlung Ihrer Königlichen Hoheit, Prinzessin Maria Gabriella von Savoyen, bei einer Auktion seinen Schätzwert (5.000 bis 8.000 £) und wurde für 72.000 £ zugeschlagen.
Wer Brett und Figuren tatsächlich benutzen will, findet freilich Günstigeres: Schon im dreistelligen Eurobereich bieten die internationalen Auktionshäuser dekorative Sets an, meist aus dem 19. Jahrhundert, aus England oder Frankreich, oft aus Bein, Bux oder Ebenholz, manchmal auch chinesische Lackmodelle.
Ab circa 1.000 £ gibt’s indische Sets, die in besonders schöner figurativer Ausarbeitung bis zu 25.000 £ kosten können.

••• Von Marie-Thérèse Hartig

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