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Gewinnbringend investieren als Herausforderung © Grawe
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Gerald Stefan 18.03.2016

Gewinnbringend investieren als Herausforderung

Die Grazer Wechselseitige, unter General Othmar Ederer dem Stammhaus längst entwachsen, ist nicht glücklich mit Niedrigzinsen.

••• Von Gerald Stefan

WIEN. Die Grazer Wechselseitige (Grawe) ist der Gigant im Süden: Mit Prämieneinnahmen von jährlich rund 520 Mio. € und Auslands­töchtern in insgesamt 13 Ländern muss sich die Grawe kaum vor der Konkurrenz verstecken – man ist immerhin die sechstgrößte ­Assekuranz in Österreich. Grawe-Generaldirektor Othmar Ederer sieht sein Haus im Interview auf Kurs – und verkündet erstaunlich gute Abschlusszahlen bei der ­Onlinevertriebs-Schiene, die die Grawe gestartet hat.

medianet:
Die Grawe ist als regionaler Versicherer aus der Steiermark bekannt. Gleichzeitig ist sie aber einer der großen Player in Österreich, in mehreren anderen Bundesländern und auch in Zentral- und Osteuropa tätig. Was ist heute Ihr Einzugsgebiet, und wie geht es Ihnen dort?
Othmar Ederer: Seit Ihrer Gründung im Jahr 1828 durch Erzherzog Johann hat sich die Grazer Wechselseitige von einer lokalen Brandschadenversicherung zu einem internationalen Konzern entwickelt, der Versicherungen, Banken und Immobilien unter einem Dach vereint. 1991 gründete die Grawe ihre erste Versicherungstochter in Slowenien und konnte seither, trotz teilweise sehr fordernder Märkte, kontinuierlich wachsen und gute Ergebnisse erzielen. Heute ist die Grawe Group mit ihren Tochtergesellschaften in 13 zentral- und osteuropäischen Ländern erfolgreich tätig.

medianet: Mehrere Trends halten derzeit den Versicherungsmarkt in Atem: Solvency II ist in Vollbetrieb, das tiefe Zinsniveau auf den Märkten ist für die Versicherer unerfreulich, usw. Was beschäftigt aus Ihrer Sicht die Branche am meisten, was sind die größten Herausforderungen?
Ederer: Die derzeit größten Herausforderungen für die Versicherungsbranche bringt die Vollanwendung von Solvency II mit sich. Die zahlreichen Regularien der EU und EIOPA umfassen immer umfangreicher werdende Meldepflichten, Datenlieferungen und Berechnungen, die einen enormen Zeit- und Kostenaufwand für die Versicherer darstellen. Für die nächsten Jahre sind weitere Richtlinien und Leitlinien geplant, wie beispielsweise die IDD (Insurance Distribution Directive), die den Versicherungsvertrieb in Zukunft stark reglementiert.

medianet: Welche Entwicklungen erwarten Sie heuer in den wichtigsten Versicherungsssparten? Wie gut wird es der Grawe selbst im Jahr 2016 gehen?
Ederer: Bei den Prämieneinnahmen der Grawe Group rechnen wir – analog zur Marktentwicklung – mit einem Anstieg im Schaden- und Unfallbereich und einem leichten Rückgang in der Lebensversicherung.

Trotz der herausfordernden Bedingungen auf einigen Märkten, wie der Ukraine oder Moldawien, konnte die Grawe Group auch im vergangen Jahr wieder sehr gute Ergebnisse erzielen, und wir rechnen auch für 2016 mit einer ähnlich guten Entwicklung.


medianet: Die aktuellen Zahlen des Versicherungsverbands zeigen für Österreich 2015 ein relativ geringes Prämienwachstum von 1,7 Prozent für die Gesamtbranche. Dämpfend wirkt sich vor allem die Lebensversicherung aus, die heuer sogar leicht schrumpfen soll. ­Warum ist das so, wo doch gleichzeitig die Bedeutung der privaten Altersvorsorge beteuert wird? Was kann die Branche tun, um die Sparte zu stärken?
Ederer: Die verhaltene Entwicklung in der Lebensversicherung ist hauptsächlich der aktuellen Niedrigzinsphase geschuldet.

Solang die EZB ihre derzeitige Niedrigzinspolitik weiterverfolgt, wird sich auch die gewinnbringende Veranlagung für Versicherer zukünftig als Herausforderung erweisen. Die Grawe investiert weiterhin in nachhaltige Veranlagungsformen und kann so ihren Kundinnen und Kunden auch in schwierigeren Zeiten ertragssichere und stabile Lebensversicherungsprodukte bieten.


medianet: Hat der Pensions­gipfel der Regierung im Februar aus ­Ihrer Sicht mehr Klarheit über die künftige Pensionsentwicklung gebracht und auch die Anliegen der Versicherer unterstützt – nämlich die Stärkung der privaten Säule der Altersvorsorge?
Ederer: Der Pensionsgipfel hat leider nicht den von den Versicherern gewünschten Effekt zur Stärkung der privaten Altersvorsorge gebracht. Weitreichende Reformen sind ausgeblieben, und es wurden keine Anreize z.B. in Richtung einer steuerlichen Begünstigung für private Vorsorgen gesetzt.

medianet: Welche Trends sehen Sie im Versicherungsvertrieb? Wie wichtig sind bei der Grawe der eigene Außendienst, die Versicherungsmakler und die in letzter Zeit häufig erwähnte Online-Vertriebsschiene, die auch bei Ihnen gestartet wurde?
Ederer: Kundennähe ist für die Grawe oberstes Gebot. Die Grawe setzt gleichermaßen auf ein kompetentes Außendienst-Team wie auch auf gute Kooperationen mit Maklern und Versicherungsagenten, um unseren Kunden das bestmögliche Service vor Ort bieten zu können. Über die Online-Vertriebsschiene bietet die Grawe derzeit nur die Reiseversicherung und die Fahrraddiebstahlversicherung an.

medianet: Wie sind die Erfahrungen bei den Produkten, die Sie für den Online-Abschluss anbieten?
Ederer: Die Reiseversicherung und die Fahrraddiebstahlversicherung können direkt über die Website der Grawe mittels Online-Formular abgeschlossen werden. Rund 25% aller Reiseversicherungen und Fahrraddiebstahlversicherungen der Grawe werden derzeit online abgeschlossen.

Der Online-Vertrieb steht für uns erst am Beginn der Entwicklung, aber auch hier stehen die Wünsche unserer Kunden im Vordergrund.
Wir orientieren uns daran, über welche Kanäle unsere Kunden mit uns kommunizieren möchten, und entwickeln unsere Produkte und unseren Vertrieb entsprechend in diese Richtung.

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