HEALTH ECONOMY
Arbeit: Psychische Belastung steigt © panthermedia.net/Benis Arapovic

Psychische Erkrankungen betreffen mehr Menschen als gedacht; das kostet die Gesamtwirtschaft 3,6 Prozent Wachstum pro Jahr.

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Psychische Erkrankungen betreffen mehr Menschen als gedacht; das kostet die Gesamtwirtschaft 3,6 Prozent Wachstum pro Jahr.

09.10.2015

Arbeit: Psychische Belastung steigt

Psychische Erkrankungen werden zwar immer weniger tabuisiert, sie sind für Betriebe und Betroffene aber eine ­Belastung. Ihre Zahl steigt, sagt nun eine neue Studie.

••• Von Ulli Moschen

WIEN. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat einen Bericht über Arbeit und psychische Gesundheit veröffentlicht und dabei mit Mythen aufgeräumt, Systemdefizite benannt und aufgezeigt, wo Handlungsbedarf besteht. Jeder dritte Arbeitslose und jeder zweite Langzeitarbeitslose hat demnach psychische Probleme. Die Folge sind enorme Belastungen für die Betroffenen – und auch für die Wirtschaft. Das ist jedoch nach Ansicht der Autoren keine neue Entwicklung. Im Jahr 1995 lagen zwar zehn Prozent aller Invaliditätspensionen psychische Diagnosen zugrunde, 2013 war das bereits bei einem Drittel der Fall.

Aufmerksamkeit schärfen

Der Anstieg der Anträge auf Invaliditätspension aufgrund psychischer Erkrankungen sei aber nicht auf einen tatsächlichen Anstieg der Fälle zurückzuführen, sondern auf die verstärkte Diagnose entsprechender Krankheitsbilder. Eine höhere Akzeptanz führe dazu, dass psychische Erkrankungen weniger tabuisiert werden. Weil gerade die stilleren psychischen Probleme schwer zu erkennen sind, brauche es mehr Aufmerksamkeit, so die Studie.

Die Kosten, die durch psychische Probleme von Arbeitnehmern anfallen, betreffen weniger das Gesundheitssystem als die Wirtschaft. Der OECD kommt zu dem Ergebnis, dass geringere Produktivität, häufigere und längere Krankenstände, Frühpension und Arbeitslosigkeit die österreichische Wirtschaftsleistung im Jahr um etwa 3,6% verringern.
Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern schneidet Österreich damit allerdings aufgrund seiner strukturellen Voraussetzungen – einem robusten Arbeitsmarkt und einem guten Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem – nach Einschätzung der Autoren gut ab. Dies entspricht auch dem Ergebnis sämtlicher Umfragen, die im internationalen Vergleich eine hohe Arbeitszufriedenheit der Österreicher attestieren.
„Diese Erkenntnisse widerlegen alle Stimmen, die die heimische Arbeitswelt pauschal schlechtreden und für alle Probleme verantwortlich machen wollen”, sagt Rolf Gleißner, stellvertretender Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der Wirtschaftskammer Österreich. „Von Statistiken über Sozialleistungen kann nicht auf den tatsächlichen Gesundheitszustand geschlossen werden. Natürlich haben wir ein Problem und Handlungsbedarf, wenn Krankenstände und Invaliditätspensionen aus psychischen Gründen massiv zunehmen; Ursachen dafür sind aber vor allem Systemdefizite.”

OECD will genaue Prüfung

Niklas Baer, Schweizer Psychologe und Co-Autor des OECD-Berichts, verweist auf fehlende Tools des AMS zur Früherkennung psychischer Probleme und Verbesserungsbedarf bei der Analyse von Arbeitsabsenzen. Ein Defizit sieht er auch an den Schulen, wo eine stärkere Unterstützung von jungen Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Problemen notwendig sei.

Außerdem empfiehlt die OECD eine genaue Prüfung der Wirkung von Rehabilitationsmaßnahmen, da es kaum gelinge, betroffene Personen wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Ein neues Modell für Teilarbeitsfähigkeit und Wiedereingliederung und eine verbesserte Kooperation zwischen den Behörden würde dazu beitragen, Frühpensionen zu verhindern. Denn Arbeit könne zwar als physisch und psychisch belastend empfunden werden, gebe aber, abgesehen von den finanziellen Vorteilen, auch Sinn und Struktur.

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