HEALTH ECONOMY
Arzneimarkt stagniert © panthermedia.net/Dmitriy Shironosov

Die Krankenkassen machen Druck auf die Industrie, die Arzneimittelpreise zu senken. Tatsächlich gehen seit Jahresbeginn die Kosten zurück.

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Die Krankenkassen machen Druck auf die Industrie, die Arzneimittelpreise zu senken. Tatsächlich gehen seit Jahresbeginn die Kosten zurück.

Ina Karin Schriebl 22.04.2016

Arzneimarkt stagniert

Medikamentenumsatz liegt unter den Erwartungen. Kritik an Prognosen der Krankenkassen. Pharmig und Apotheken fordern mehr Transparenz.

WIEN. Der Umsatz mit Arzneimitteln lag laut der Interessenvertretung der Österreichischen Pharmaindustrie (Pharmig) im 1. Quartal 2016 unter den Erwartungen: Er sei im Vergleich zum Vorjahr um nur 1,2 Prozent gestiegen

Die österreichischen Krankenkassen des Hauptverbandes hätten laut Pharmig von Jänner bis März 2016 rund 624 Mio. € für Arzneimittel ausgegeben. Diese Summe entspreche jedoch nicht den tatsächlichen Kosten für die Krankenkassen, da die Einnahmen aus den Rezeptgebühren noch abgezogen werden müssten, wie auch die Umsatzsteuer sowie die von der Pharmawirtschaft geleisteten freiwilligen Solidarbeiträge – für heuer sind das 125 Mio. €.

Nutznießer Krankenkassen

Schon im Vorjahr waren die Arzneimittelausgaben deutlich niedriger, als von den Kassen prognostiziert. „Wir sehen nun sogar eine stagnierende Phase”, erklärt Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig. Die Pharmaunternehmen führten laufend Preisverhandlungen mit dem Hauptverband; daraus ergäben sich immer wieder Preissenkungen. „Das geringe Wachstum im letzten Quartal darf auch als Folge dieser Preisreduktionen gesehen werden, die letztlich den Krankenkassen zugutekommen”, konstatiert Huber.

Im aktuellen Rechnungshof­bericht wird kritisiert, dass die Krankenkassen in ihren Prognosen zu hohe Werte angeben, um im Nachhinein ihre Ergebnisse besser darstellen zu können. Der Präsident des Verbandes der ­Österreichischen Arzneimittelvollgroßhändler (Phago), Andreas Windischbauer, fordert daher: „Wir brauchen einen transparenten Umgang mit den wahren Problemen im Gesundheitswesen und keine politischen Zahlenspiele. Ansonsten werden falsche Schwerpunkte gesetzt, die auf Kosten der Patienten gehen. Wir schließen uns dem Vorstoß der Apothekerkammer an und werden unsere Zahlen jedes Quartal öffentlich machen.”
Auch Manuel Reiberg, in der Vorwoche zum Vizepräsidenten des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) gewählt, unterstreicht die Notwendigkeit, den gesamtwirtschaftlichen Nutzen innovativer Arzneimittel transparenter zu machen: „Gesundheit ist eine ­gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Damit Innovationen aber auch beim Patienten ankommen, muss deren Finanzierung sichergestellt werden. Und dafür braucht es unter anderem ein partnerschaftliches, sektorenübergreifendes Vorgehen.”
Für die betroffenen Wirtschafts- und Gesundheitszweige seien die vom Rechnungshof kritisierten falschen Prognosen der Krankenkassen jedenfalls mehr als hinderlich. „Deshalb werden von nun an regelmäßig die mit den Krankenkassen über die öffentlichen Apotheken tatsächlich abgerechneten Arzneimittelkosten kommuniziert. Dadurch ist für alle eine bessere Planbarkeit gewährleistet”, erklärt Christian Müller-Uri, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer: Die Apotheken hätten im Zeitraum Jänner bis März 2016 rund 24 Mio. Arzneimittelpackungen abgegeben und mit den Kassen abgerechnet. In der Apotheke wird für die Krankenkassen die Rezeptgebühr von 5,70 € pro Packung eingehoben. Die Apothekenspanne betrage für den Kassenmarkt ­lediglich 15,5%, erläutert Müller-Uri.

Innovationen senken Kosten

Öl ins Feuer des laufenden Streits um Arzneimittelkosten gießt nun auch der Wiener Neurologe Fahmy Aboulenein mit seinem Buch „Die Pharma-Falle”. Darin bezweifelt er, dass die Preise auf die hohen Forschungskosten zurückzuführen sind. Seiner Ansicht nach fließen die meisten Investitionen der Pharmaindustrie in die Vermarktung der Arzneimittel. Dem widerspricht die FOPI vehement und erklärt zusätzlich, dass innovative und mitunter teure Medikamente langfristig sogar zu einer Kostenreduktion führen können. Das Problem sei jedoch: Die für das heimische Gesundheitswesen charakteristische Trennung in einen extra- und intramuralen Bereich mit unterschiedlichen Finanzierungsquellen führe in vielen Fällen dazu, dass der Zahler einer Leistung (Sozialversicherungen) nicht zwingend auch der ökonomische Nutznießer ebendieser ist. Das FOPI regt daher einen klaren Ausgleich zwischen Kostenträger und ökonomischem Nutznießer an. Und die Pharmig ergänzt: Die Kosten für die Entwicklung eines neuen Medikaments bis zur Markteinführung betrügen etwa eine Mrd. € – das Risiko sei jedoch sehr hoch, weshalb die klinische Forschung für Arzneimittel kaum von der öffentlichen Hand, sondern großteils von der Industrie bezahlt werde. Wie oft Forschungsprojekte dabei im Sand verlaufen und investiertes Geld verloren gehe, lasse sich anhand der Alzheimerforschung darstellen: 99,6% der 413 klinischen Prüfungen, die von 2002 bis 2012 durchgeführt wurden, waren Misserfolge. 322 dieser 413 Studien wurden von der Pharmaindustrie gesponsert. In Österreich würden generell 70% der klinischen Prüfungen von der Pharmaindus­trie bezahlt.

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