HEALTH ECONOMY
Dr. Google löst den Hausarzt ab © panthermedia.net/Jim Filim

55% der Menschen in Österreich gehen mit Gesundheitsfragen bereits ins Internet; die Kassen wollen mit einer Hotline dagegenhalten.

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55% der Menschen in Österreich gehen mit Gesundheitsfragen bereits ins Internet; die Kassen wollen mit einer Hotline dagegenhalten.

19.02.2016

Dr. Google löst den Hausarzt ab

Die Mehrheit der Menschen informiert sich in Gesundheitsfragen bereits im Internet. Allerdings vertraut man den dort gefundenen Informationen nicht; hier führt noch der Arzt.

••• Von Martin Rümmele

WIEN. Die Zufriedenheit der Österreicher mit der Gesundheitsversorgung ist ungebrochen hoch. 85% der Befragten in einer Umfrage des Gesundheitsministeriums sehen das so, hieß es vor Kurzem in einer Pressekonferenz. Positiv wurden auch die kommenden Primärversorgungszentren und die elektronische Gesundheitsakte ELGA eingeschätzt. Die Umfrage mit dem Titel „Gesundheitsbarometer” wird seit 2009 mehrmals jährlich mit insgesamt rund 3.000 Teilnehmern aus der Wohnbevölkerung ab 16 Jahren durchgeführt, verantwortlich ist das Institut für Strategieanalysen (ISA) von Peter Filzmaier. Über die Jahre sei der Gesamtbefund „ein sehr positiver”, befand dieser.

Abgefragt werden immer auch aktuelle Themen, diesmal die Primärversorgungszentren und die ELGA. 70% erwarten sich eine bessere Gesundheitsversorgung von der Primärversorgung. Erwartet werden vor allem kurze Wartezeiten und eine umfassende Beratung. Weniger Bedeutung wird langen Öffnungszeiten zugeschrieben.
Stark gestiegen ist die Bekanntheit von ELGA (2011: 37%, 2015: 82%). Interessant: Negative Auswirkungen befürchten nur acht Prozent, wobei hier die Sorge vor Datenmissbrauch ganz oben steht.

Vertrauen liegt nur bei 20%

Der Grund dafür dürfte auch im Informationsverhalten der Menschen liegen: Wichtigste Informationsquelle über Gesundheitsthemen ist für die Bevölkerung inzwischen das Internet mit 55%, noch vor dem Hausarzt (45), Tageszeitungen (17) und dem Facharzt (14%). Bei der Vertrauenswürdigkeit liegt der Hausarzt mit 44% allerdings weiter ganz vorn, dann kommen die Informationsquelle Internet mit 20 und der Facharzt mit 13%.

„Wir sehen, dass das Internet heute die wichtigste Informationsquelle auch für medizinische Fragen ist. Der Bedarf an jederzeit verfügbaren Informationen in Gesundheitsfragen ist groß. Die Herausforderung ist es dabei, den Menschen objektive und qualitätsgesicherte Informationen zukommen zu lassen. Das kann Dr. Google leider nicht leisten”, sagt Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser. Eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die im Internet Gesundheitsinformationen suchen, sei daher das Gesundheitsportal www. gesundheit.gv.at . „Wir stellen dort qualitätsgesicherte medizinische Informationen zur Verfügung.”
Zusätzlich sei mit der Gesundheitshotline „Tweb” ein Angebot geplant, bei dem sich die Menschen darüber informieren können, wie dringend ein medizinisches Problem ist. „Vielfach sind die Menschen einfach verunsichert, ob sie akut einen Arzt brauchen. Wir wollen hier eine jederzeit telefonisch erreichbare erste Anlaufstelle schaffen, die kompetente Auskunft gibt und an die richtige Stelle weiterleitet”, sagt Oberhauser. Das Projekt soll 2017 in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg pilotiert werden.

Ärztekammer bleibt skeptisch

Während die Wahrnehmung der Menschen also gut ist, ortet die Ärztekammer in der Praxis einen Qualitätsverlust. Österreichs Gesundheitswesen fällt im aktuellen European Health Consumer Index (EHCI) 2015 ab und landet auf Platz 12 von 35. Der Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Harald Mayer, sieht darin ein „deutliches Zeichen, wie Österreichs Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren heruntergefahren wurde”. Einen wesentlichen Grund für die Verschlechterungen ortet der Ärztevertreter in laufend zunehmenden Reglementierungen mit der Absicht, alles zu kontrollieren.

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