HEALTH ECONOMY
Frauen übernehmen das Ruder im Gesundheitswesen © panthermedia.net/alexraths
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Ina Karin Schriebl 08.07.2016

Frauen übernehmen das Ruder im Gesundheitswesen

Immer mehr Frauen rücken im heimischen Gesundheitswesen in wichtige Entscheidungspositionen vor; medianet stellt sie vor.

••• Von Ina Karin Schriebl

Gesundheitsministerin ­Sabine Oberhauser ist künftig auch Frauenministerin. Als ÖGB-Vizepräsidentin forderte sie vor zwei Jahren eine Quote für Frauen in Aufsichtsräten. Und sie hält auch als Frauenministerin daran fest, wie sie in den vergangenen Tagen bereits angekündigt hat. Im Gesundheitswesen selbst zeichnet sich zunehmend ab, dass Frauen nicht nur die Mehrheit der Beschäftigten stellen, sondern auch das Sagen übernehmen. Neben Oberhauser selbst als Ressortchefin hat seit dem Vorjahr auch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger erstmals mit Ulrike Rabmer-Koller eine Frau als Vorsitzende. Ingrid Reischl ist Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse und Vorsitzende der wichtigen Trägerkonferenz, und seit wenigen Wochen hat der Branchenverband Pharmig mit Chantal Friebertshäuser erstmals eine Vizepräsidentin. Dazu kommen die roten Landesrätinnen Sonja Wehsely in Wien sowie Beate Prettner in Kärnten.

Spitzenpositionen

Die Steiermärkische Gebietskrankenkasse ist in den Händen von Obfrau Verena Nussbaum und Generaldirektorin Andrea Hirschenberger. Andrea Wesenauer ist Direktorin der OÖ GKK, und in der Apothekerkammer gibt es mit ­Andrea Vlasek (Wien), Ulrike Mursch-Edlmayr (Oberösterreich) und Kornelia Seiwald (Salzburg) gleich drei Landespräsidentinnen. Auch die AGES hat mit Christa Wirthumer-Hoche eine weibliche Leitung, und Susanne Herbek ist Geschäftsführerin der ELGA GmbH.

Auf die Frage, ob Frauen anders Gesundheitspolitik als Männer machen, antwortet die Gesundheits- und Frauenministerin: „Das glaube ich nicht. Gesundheitspolitik hängt nicht vom Geschlecht ab, sondern viel mehr von der Weltanschauung. Als Sozialdemokratin ist es mir wichtig, dass im Krankheitsfall jede und jeder gleich gut behandelt wird, unabhängig von der Kreditkarte und auch von Geschlecht, Herkunft und sexueller Orientierung. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass man als Frau aufgrund der unmittelbaren Benachteiligungserfahrung vielleicht stärker darauf achtet, dass Frauenanliegen in allen Aspekten der Gesundheitspolitik berücksichtigt werden.” Aber auch das traue sie einem Mann zu, der ausreichend in diese Richtung sensibilisiert ist.
Hauptverbandsvorsitzende Rabmer-Koller ist überzeugt, dass eine gute Mischung der Geschlechter Gesundheitspolitik bereichert. „Frauen können einen anderen Blickwinkel und Entscheidungskriterien einbringen. Sie können in komplexen Verhandlungssituationen gerade in männerdominierten Institutionen sicherlich neue Zugänge und Optionen aufspielen und vielleicht ausweglos scheinende Situationen meistern.”
Ob jemand Politik gut oder nicht gut macht, hänge nicht vom Geschlecht, sondern von der Qualifikation und vom Engagement ab, sagt WGKK-Obfrau Reischl. „Es sollten beide Geschlechter die Chance haben, in leitenden Positionen tätig zu sein, wenn die gleichen Qualifikationen vorliegen.” Was es brauche, sei eine Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern. Allein schon aus Gerechtigkeitsgründen sollten Frauen im selben Ausmaß vertreten sein wie Männer, denn gerade bei den Führungskräften gebe es ein erhebliches Ungleichgewicht, ortet Reischl.

Vereinbarkeit mit Familie

Oberhausers Sektionsleiterin für öffentliche Gesundheit, Pamela Rendi-Wagner, sieht das ähnlich und ortet gerade in den Spitzenpositionen in Krankenhäusern und Medizinunis allerdings noch eine Schieflage in den Führungspositionen: „Je höher, desto männlicher.” Es dürfe für Frauen nicht heißen: „Karriere oder Familie – diese Zeiten haben wir ein für allemal hinter uns gelassen. Die Vereinbarkeit von Karriere und Familie bedeutet aber immer noch für Frauen sehr häufig einen täglichen Spagat. Auch da muss man im System weiter unterstützend ansetzen. Zum Glück passiert da schon sehr viel…”

OÖGKK-Direktorin Wesenauer sieht auch in der Ausbildung Nachholbedarf: „Es ist auch notwendig, die Zugangsprüfungen zum Medizinstudium entsprechend zu gestalten. Es herrscht ein Übergewicht an naturwissenschaftlichen Testthemen. Kriterien wie soziale und kommunikative Kompetenzen werden aber nicht abgefragt.” Sowohl in der Zulassungsphase als auch in der Ausbildung selbst wäre es wichtig, diese Kriterien aufzunehmen, fordert sie.
Die ehemalige Spitalsdirektorin und aktuelle Geschäftsführerin der Elga GmbH, Susanne Herbek, bringt eine weitere Dimension in die Debatte ein: „Gesundheit ist vor allem weiblich. Zahlreiche Studien verdeutlichen, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse haben als Männer. Symptome und Ausprägung bei Krankheiten können bei Männern und Frauen ganz unterschiedlich sein.” Grundsätzlich sei sie der Meinung, dass sich Frauen eher für das Thema ­Gesundheit interessieren als Männer. „Und sie haben dabei auch einen ganzheitlichen Denkansatz: gesunde Ernährung und viel Bewegung an der frischen Luft spielen ebenso eine Rolle wie das geistige und seelische Wohlbefinden. Frauen nehmen deshalb auch eher Vorsorgeprogramme in Anspruch.”
Seien aber Frauen in der Gesundheitspolitik aktiv, dann legt man gern die an die Frau gestellten Erwartungen auf die Politikerin um, kritisiert Herbek. „Dabei handelt es sich aber meines Erachtens in erster Linie um einen Beruf. Diesen mit Interesse und Empathie für das Ressort zu erfüllen und den Gestaltungsspielraum wahrzunehmen sowie die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes und effizientes Gesundheitswesen zu schaffen, das setze ich bei jedem Politiker – ob Mann oder Frau – ­voraus.” Persönlichkeit und Engagement seien ausschlaggebend, nicht das Geschlecht.
Insgesamt nehme die Zahl der Frauen in Spitzenpositionen zu, es sind aber noch immer zu wenig, ist auch Kärntens Gesundheitslandesrätin und LH-Vize Beate Prettner überzeugt. „Es bräuchte noch mehr weiblich besetzte Spitzen­positionen und es gibt in einzelnen Segmenten der Medizin Nachholbedarf. So wünschen sich viele Frauen mehr Gynäkologinnen.” Um mehr Frauen in Spitzenpositionen zu bringen, brauche es Arbeitszeitmodelle, die eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen, sagt sie. „Was die Frauenärztinnen betrifft, gibt es eine bundesweite Reihungskriterien-Verordnung, um die Anzahl der Gynäkologinnen zu erhöhen, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent erreicht ist. Ein Ziel, das ich verfolge, ist, dass zumindest jeder Kärntner Bezirk eine Kassen-Frauenärztin bekommt.”

Rollenbilder

STGKK-Obfrau Verena Nussbaum wünscht sich, dass „wir uns von den gängigen Klischeebildern verabschieden.” Nicht das Geschlecht, sondern die Qualifikation müsse im Mittelpunkt stehen – das gelte für die Gesundheitspolitik genauso wie für alle anderen Bereiche. Die Fixierung auf Rollenbilder, die im Übrigen nicht selten von Männern geprägt werden, habe den Frauen mehr geschadet als genützt, ist sie überzeugt. Ihre Generaldirektorin Andrea Hirschenberger fordert vielmehr dass, die Gesundheitspolitik verstärkt auf den unterschiedlichen Umgang von Frauen und Männern mit der eigenen Gesundheit reagieren muss: „Hier gilt es, sowohl auf dem Gebiet der Prävention als auch im Bereich der Behandlung die passenden Angebote für beide Geschlechter zu schaffen.”

Traditionell fest in weiblicher Hand sind die Apotheken: Jede zweite Apotheke wird von einer Frau geführt, 87,1% aller Angestellten sind Frauen. Der hohe Anteil erklärt sich durch Kombinationsmöglichkeit von Beruf und Familie. Viele Frauen passen das Ausmaß ihrer Arbeitsstunden flexibel der aktuellen Familiensituation an. Durch moderne Teilzeitregelungen sind Frauen kontinuierlich in den Arbeitsprozess integriert, sagt Wiens Kammerpräsidentin Andrea Vlasek: „Für eine Frau ist es noch immer 1,5 mal anstrengender als für einen Mann, eine Führungsposition auszuüben, wenn sie Kinder hat. Die Entscheidung der Frauen in Führungsebene für ein Leben mit oder ohne Kinder fällt oft gegen Kinder aus.” Ihre Kollegin, die OÖ-Präsidentin Mursch-Edlmayr, wünscht sich generell in den Führungsebenen im Gesundheitswesen ein Abbild der Wirklichkeit und Frauen in allen Bereichen, in allen Branchen, in der Politik und systemübergreifend.
Für mehr Frauen im Gesundheitswesen spricht sich die Salzburger Apotheker-Präsidentin Kornelia Seiwald aus: „Natürlich machen Frauen Gesundheitspolitik anders als Männer. Nicht ohne Grund werden Wörter wie Empathie, soziale Intelligenz oder Bauchgefühl zuerst mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert.” Gerade bei einem sensiblen Thema wie der Gesundheit sei das Vorgehen mit Gefühl und Hausverstand sicher zielführender, als sich von harten Zahlen und Fakten leiten zu lassen. „Das rechte Augenmaß ist gerade im Gesundheitswesen extrem wichtig.”

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