HEALTH ECONOMY
Pharmahandel pocht auf bessere Bedingungen © Markus Gmeiner

Nahversorger Apothekerverbandspräsident Jürgen Rehak möchte die Apothekern stärker als bisher als Nahversorger in Sachen Gesundheit positionieren.

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Nahversorger Apothekerverbandspräsident Jürgen Rehak möchte die Apothekern stärker als bisher als Nahversorger in Sachen Gesundheit positionieren.

Ina Karin Schriebl und Martin Rümmele 08.09.2017

Pharmahandel pocht auf bessere Bedingungen

Wahlserie: Pharmagroßhandel und Apotheken orten Spardruck und fordern mehr Patientenorientierung.

••• Von Ina Karin Schriebl und Martin Rümmele

In Österreich werden immer mehr vor allem sehr teure Arzneimittel unter Umgehung des Großhandels direkt an die Apotheken geliefert. Diese Arzneimittel sind dann für den Patienten nicht wie gewohnt spätestens am nächsten Tag in der Apotheke verfügbar. Eine Therapieunterbrechung von auch nur einem Tag hat bei diesen hochwirksamen Produkten fatale Folgen für den Patienten”, sagt ­Monika Vögele, Generalsekretärin des Großhandelsverbands Phago. Sie wünscht sich eine Novellierung des Arzneimittelgesetzes nach deutschem Vorbild. In Deutschland gebe es schon seit 2009 eine Belieferungspflicht der pharmazeutischen Industrie an den vollversorgenden Arzneimittel-Großhändler.

Gesetzlicher Auftrag

Die österreichischen Arzneimittel-Vollgroßhändler hätten einen gesetzlich festgelegten Versorgungsauftrag. „Das Sortiment des Großhandels wird zunehmend eingeschränkt, wenn Produkte von der Industrie direkt an die Apotheken geliefert werden. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Wir fordern daher Rahmenbedingungen, die uns auch künftig ermöglichen, unseren Versorgungsauftrag nachzukommen”, stellt Vögele klar. Sie wünscht sich von den Parteien mehr Weitblick und eine Fokussierung auf den Patienten.

„Wir sollten Gesundheitspolitik nicht mit Parteipolitik vermischen. Es kann kein großer Wurf gemacht werden, wenn wichtige Gesundheitsthemen nur bis zu einem Wahltag gedacht werden”, meint der Phago-Präsident ­Andreas Windischbauer. Er wünsche sich eine Gesundheitspolitik, die sich an Gesundheitszielen für die Bevölkerung orientiert.
Als Rückgrat der Arzneimittelversorgung garantiere der Verband, dass der nationale Arzneimittelvorrat stets bereitgestellt werden kann und Arzneimittel vor Ort sind, wenn sie rasch benötigt werden. „Es ist eine Tatsache, dass wir jedes Jahr weniger Geld für mehr Leistung bekommen. Wenn günstige Dauer­therapien weiter den Weg zum Patienten finden sollen, braucht der Großhandel einen besseren Deckungsbeitrag. Ansonsten können wir unsere Infrastruktur nicht mehr aufrechterhalten.”

Erstanlaufstelle Apotheke

Ganz klar ist für Windischbauer, dass es eine Finanzierung aus einer Hand braucht, um das Gesundheitssystem effizienter zu machen. Und gesetzliche Rahmenbedingungen, die es dem Großhandel ermöglichen, auch künftig alle notwendigen Arzneimittel an die Apotheken liefern zu können.

Der Apothekerverband fordert zudem, bei der Aufwertung der Primärversorgung die Apotheker stärker einzubinden. Verbandspräsident Jürgen Rehak wünscht sich eine Forcierung der Apotheken als Erstanlaufstelle bei gesundheitlichen Fragen zur Entlastung der Ordinationen und Ambulanzen. „In Zukunft sollen die Apotheken mit diesen Maßnahmen verstärkt als Erstanlauf- und Präventionsstelle genutzt werden”, sagt Rehak. „Erfahrungen aus anderen Ländern und Studien zeigen, dass sich eine Vielzahl von Problemfeldern bereits vor einem Arzt- oder Ambulanzbesuch lösen lässt – zum Beispiel in einer Apotheke.” Das Know-how der akademisch ausgebildeten Pharmazeutinnen und Pharmazeuten werde aber im aktuellen System viel zu wenig genützt.
Parallel brauche es auch eine Qualitätssicherung im Einsatz und in der Nutzung durch standardisierte Abläufe, sagt der Verbandspräsident. „Die sichere und effiziente Anwendung und Therapieumsetzung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die baldige Genesung erkrankter Menschen. Der falsche Medikamenteneinsatz führt ebenso wie die Polymedikation oft zu unerwünschten Verzögerungen der Genesung, zu neuen Problemen und belastet die Menschen und das Gesundheitssystem.” Rehak wünscht sich zudem eine Sicherung und den Ausbau der Arzneimittelversorgung – „insbesondere durch standardisierte Nutzung der bestehenden digitalen Infrastruktur der Apotheken zur Verbesserung der sicheren Arzneimittelverwendung.”

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