INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Die Supply Chains müssen neu konzipiert werden © APA/AFP/Kazuhiro Nogi
© APA/AFP/Kazuhiro Nogi

16.10.2015

Die Supply Chains müssen neu konzipiert werden

Die Industriebetriebe müssen ihre Lieferketten für die vielen neuen Herausforderungen der Zukunft fit machen.

••• Von Britta Biron

Sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, war noch nie eine gute Lösung, um voranzukommen. Und angesichts der kommenden Entwicklungen wäre die „das hamma immer schon so gemacht”-Mentalität die direkte Fahrkarte aufs Abstellgleis. Stattdessen gilt es, sogar noch einen Zahn zuzulegen, denn die Liste der künftigen Herausforderungen, denen man sich stellen und für die man passende Strategien parat haben muss, ist lang.

„Generell sehen wir, dass Supply Chain-Manager künftig eine noch höhere Komplexität bewältigen müssen”, erklärt Reg Kenney, President Engineering & Manufacturing, DHL Customer Solutions & Innovation. Im Report „Building the World – Perspective on Future Engineering & Manufacturing Supply Chains” hat der DHL-Fachbereich anhand der Befragung von Industriemanagern und der Analyse verschiedener Studien die wichtigsten Einflussfaktoren aus Wirtschaft, Umwelt, Politik, Gesellschaft und Technologie ermittelt und daraus die zentralen Auswirkungen auf die künftige Logistikketten abgeleitet.

Neue Spielregeln

In den nächsten 10 bis 20 Jahren ist mit zum Teil radikalen Umwälzungen innerhalb der Weltwirtschaft zu rechnen.

Während Europa mit Deutschland (Rang 5), Frankreich (Rang 8) und Großbritannien (Rang 10) nach Asien derzeit noch die stärkste Region im Ranking der Top-Volkswirtschaften ist, wird 2050 mit Deutschland nur mehr ein einziges EU-Land unter den Top-Ten vertreten sein. Im Gegenzug gewinnen die Schwellenländer an Bedeutung: ­Bereits heute hat China die USA überholt und wird den Vorsprung sogar noch weiter ausbauen. Auch Indien wird sich, so die Prognosen, vor die USA schieben und mit Nigeria (aktuell auf Rang 20) wird 2050 erstmals auch ein afrikanischer Staat zu den Top-Ten-Volkswirtschaften zählen.
Etliche Industriebetriebe haben Teile ihrer Fertigung bereits in die künftigen Boom-Länder Asiens verlagert. Dabei sind nicht allein die niedrigen Lohnkosten ein wichtiges Argument. Denn auch als Absatzmärkte werden die Schwellenländer für die westlichen Unternehmen zunehmend interessant und im Sinne einer möglichst großen Nähe zu diesen Neukunden ist eine lokale Fertigung mit niedrigen Transportkosten sinnvoll.
Für die nächsten 10 bis 15 Jahre sehen die DHL-Analysten aufgrund der Interviews mit vielen Industriemanagern allerdings keine weiteren großen Verlagerungen der Produktion voraus. Die meisten Unternehmen planen, die neuen Märkte in Asien von den bereits bestehenden Niederlassungen aus zu bearbeiten.
Hauptgründe dafür sind neben den hohen Investitionen, die mit neuen Fabriken verbunden wären, vor allem die in etlichen dieser Länder instabilen politischen Verhältnisse und die mangelhafte bzw. fehlende Basisindustrie.
Aus den Schwellenländern erwarten sich die befragten Unternehmen aber nicht nur neue Kunden, sondern auch neue Konkurrenz. So sei unter anderem damit zu rechnen, dass der staatliche chinesische Flugzeugbauer Comac ein durchaus ernstzunehmender Mitbewerber für Airbus und Boeing sein wird, und auch die chinesischen Roboter-Hersteller nehmen verstärkt die Auslandsmärkte ins Visier.

Mehr Produktvarianten

Die Personalisierung von Produkten, die, ausgehend von der Luxus­industrie, immer mehr Segmente der Konsumgüter betrifft, setzt sich jetzt auch verstärkt auch in der Industrie durch.

Einer Untersuchung von Siemens zufolge ist während der letzten 10 Jahre die Zahl der Produktvarianten bereits um 250% gestiegen, und laut einer Befragung, die der VDMA im Vorjahr unter seinen Mitgliedsbetrieben durchgeführt hat, gehen 74% der Unternehmen davon aus, dass in ihren Branchen die Nachfrage nach maßgefertigte Produkte zunehmen wird. Gleichzeitig verkürzen sich aber die Lebenszyklen der Produkte. Im Industriebereich zwar nicht so drastisch wie bei Konsumgütern, aber wie eine Untersuchung von Roland Berger gezeigt hat, hat sich etwa in den Branchen Automotive, Chemie, Pharmazie und Maschinenbau zwischen 1997 und 2012 der durchschnittliche Produkt­lebenszyklus um rund ein Viertel verkürzt.
Damit einher geht nicht nur, dass Unternehmen mehr in Forschung & Entwicklung investieren müssen, um in immer kürzeren Intervallen neue Produkte auf den Markt zu bringen, sondern der direkte Kontakt mit den Anwendern wird deutlich stärker als bisher in den Fokus der Industrie rücken. Generell zeige sich, so der DHL-Report, dass der einstige B2B-Markt immer mehr Züge des B2C-Markts annimmt.
Das bedeutet unter anderem auch, dass Industriebetriebe ihre Marketingaktivitäten darauf abstimmen müssen und neue Fertigungs- und Vertriebskonzepte entwickeln müssen. Ein Beispiel dafür ist der 3D-Druck, der sich in immer mehr Bereichen durchsetzen wird.
Neben den Änderungen des Marktumfelds und des Kundenverhaltens sehen sich die Industrieunternehmen auch mit immer höheren Compliance-Anforderungen konfrontiert. Laut einer PwC-Studie werden in den nächsten Jahre Gesetze und Normen eine der größten Hürden für Wachstum – gleich hinter der geringen Nachfrage.
Als weiteren Schlüsselfaktor für künftigen Erfolg oder Misserfolg sehen die von DHL befragten Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit. Denn neben den Gesetzgebern legen auch immer mehr Kunden und Investoren Wert auf eine möglichst grüne Industrie. Dabei geht es nicht allein darum, „innerhalb der eigenen vier Wände” aktiv zu sein, sondern die gesamte Lieferkette mit einzubeziehen. Bisher fehlen den meisten Betrieben aber die dafür notwendigen Kontroll- und ­Einflussmöglichkeiten auf ihre ­Lieferanten, die oft für gut die ­Hälfte des ökologischen Fußabdrucks eines Produkts verantwortlich sind.

Die Risiken nehmen zu

Fast paradox ist, dass, obwohl die Industrie ihre Aktivitäten hinsichtlich Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz sowie Reduzierung ihres Öko-Footprints erhöht, die ökologischen Risiken trotzdem zunehmen.

Der Klimawandel führt zu immer größeren Umweltkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und Stürmen. Schätzungen zufolge werden die damit verbundenen volkswirtschaftlichen Kosten bis 2030 bei 288 Mrd. € liegen. Direkt betroffen sind zwar in erster Linie Länder in Süd- und Südost-Asien sowie in der Sub­sahara-Region, die negativen Auswirkungen von Umweltkatas­trophen auf Produktionsstätten, Transportwege und Rohstoffmärkte bekommen in einer global vernetzten Wirtschaft aber klarerweise alle Teilnehmer zu spüren.
Eine zunehmende Bedrohung orten die befragten Industriemanager auch aus der geopolitischen Ecke – und das nicht zu Unrecht. Denn laut Verisk Maplecroft, einem auf Riskoanalysen spezialisiertem Beratungsunternehmen, ist der Anteil jener Länder, die aufgrund politischer Instabilität, restriktiver Wirtschaftspolitik, bewaffneter Konflikte oder Piraterie als Highrisk gelten, von 32% (2012) auf 36% (2014) gestiegen.
Zu einem globalen Problem wächst sich der Fachkräftemangel aus. Viele der für die DHL-Studie befragten Manager gaben an, schon jetzt kaum genug Personal für das laufende Geschäft zu haben, geschweige denn, alle geplanten neuen Projekte realisieren zu können.
Berechnungen von Deloitte zufolge werden allein in den USA in den nächsten 10 Jahren 3,5 Mio. Industriejobs vakant, von denen voraussichtlich 2 Mio. nicht besetzt werden können.
Der Grund für die fast weltweite Problematik ist nicht nur, dass wegen der sinkenden Geburtenraten in den westlichen Ländern die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung sinkt, sondern dass durch die zunehmende Automatisierung der Prozesse vor allem gut ausgebildete Fachkräfte benötigt werden und gerade bei diesen wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage größer.
Vor allem auch, weil der weitere technische Fortschritt immer neue Fertigkeiten erfordert, die erst noch in die Bildungssysteme integriert werden müssen. Dazu zählt etwa die Kombination aus Chemie, Mechanik und Elektronik oder das Know-how, das erforderlich ist, um die rasant steigenden Datenmengen durch das Internet der Dinge nicht nur zu sammeln und zu speichern, sondern auch auswerten zu können.
Vorsichtigen Schätzungen zufolge wird die Datenmenge 2020 bei 40.000 Exabytes liegen und werden 25 Mrd. Geräte – vom Industrie­roboter über Autos und Haushaltsgeräte bis zur smarten Matratze – weltweit im Netz sein.

Mehr Zusammenarbeit

Ein Konzept, um der zunehmenden Komplexität zu begegnen, ist die Kooperation. Und es zeigt sich, dass die Industrie in verschiedensten Bereichen zunehmend darauf setzt. So formieren sich nach dem Vorbild der Automobil-Industrie immer mehr Cluster, in denen Unternehmen, Universitäten, Forschungsins­titute branchen- und länderübergreifend ihr Know-how bündeln. Und im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Produktion und Logistik bilden sich verstärkt Partnerschaften zwischen produzierender Industrie und IT.

„Kunden erwarten ein breiteres Produktportfolio, das gezielter auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. In Verbindung mit den Marktverschiebungen, der höheren Anzahl an Dienstleistern, fehlenden Arbeitskräften sowie dem Einsatz neuer Technologien führt dies dazu, dass Unternehmen ihre aktuellen Supply-Chain-Modelle überdenken müssen”, fasst Kenney zusammen.

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