INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Digitalisierung und Wende erfordern sehr viel Energie © APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand
© APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

29.01.2016

Digitalisierung und Wende erfordern sehr viel Energie

Energieversorger müssen noch viel tun, um sich für die kommenden Herausforderungen der Märkte zu wappnen.

••• Von Britta Biron

Konsumenten, die sich künftig auch selbst mit Energie versorgen wollen, denen der Wechsel ihres Energielieferanten immer einfacher gemacht wird, dazu noch neue Mitbewerber, steigender bürokratischer Aufwand, sinkende Margen, hoher Investitionsbedarf bei Netzausbau und Digitalisierung – die Herausforderungen, denen sich die Energieversorger stellen müssen, sind hoch. Und nicht alle werden dabei erfolgreich sein, wie eine aktuelle, von PwC durchgeführte Befragung von 120 deutschen Energieversorgern (EVU) zeigt.

Mehr als die Hälfte (58%) geht davon aus, dass ihre Anzahl bis zum Jahr 2025 sinken wird. 32% der Befragten glauben, dass jeder vierte EVU vom Markt verschwinden wird; neun Prozent rechnen sogar damit, dass der Rückgang 50% oder mehr betragen wird.
Und das ist keine Schwarzmalerei, wie eine Analyse von Deloitte zeigt. So ist etwa die Profitabilität des Branchenriesen RWE zwischen 2012 und 2015 von 18 auf 13% gesunken, und die Prognosen sehen für die nächsten Jahre im besten Fall eine Stabilisierung auf diesem niedrigen Niveau.

Energie 4.0

„Die Energiewirtschaft hat die Bedeutung des Themas erkannt und forciert die Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Kundenschnittstellen”, sagt Norbert Schwieters, Leiter Energiewirtschaft bei PwC. „Aber in vielen Bereichen besteht noch akuter Handlungsbedarf. Es ist noch ein weiter Weg bis zur vollständigen Digitalisierung der EVUs.”

80% der befragten EVU erwarten, dass die Digitalisierung bis Ende 2017 das gesamte Unternehmen erfasst haben wird und daher neue Geschäftsmodelle vonnöten sind.
„Allerdings fehlt den meisten Unternehmen eine Strategie, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen”, sagt Felix Hasse, der bei PwC den Bereich Digitalisierung der Energiewirtschaft in Deutschland leitet. „Bislang haben nur 17 Prozent der EVUs eine Digitalisierungsstrategie erarbeitet.”
Die Bedeutung des Themas hat die Branche aber bereits erkannt: 56% der Unternehmen gaben an, bereits an einer Digitalisierungsstrategie zu arbeiten oder sie zumindest zu planen, und 72% wollen in den kommenden zwei Jahren ihr Budget für die Digitalisierung erhöhen.
Die heutigen EVUs verstehen sich aber weiterhin vor allem als Infrastrukturunternehmen und konzentrieren sich deshalb bei der Digitalisierung auf ihr Kerngeschäft.

Fokus liegt auf Technik

Befragt nach den Prioritäten, nannten 76% die Optimierung von Geschäftsprozessen und Netzwirtschaft, 62% Business Analytics.

„Unser Eindruck ist, dass die Unternehmen größtenteils eher technisch und toolorientiert agieren und dabei wichtige Themen zu wenig beachten”, so Schwieters weiter.
Dazu zählt etwa die Kundenbindung, die nur bei 56% der Betriebe auf der Digitalisierungs-Prioritätenliste steht, wobei auch hier rein technische Lösungen die Hauptrolle spielen, wie etwa die elektronische Abrechnung (73%), Dienstleistungen zum Energiemanagement (65%), eine interaktive Website (58%) oder Online-Terminvereinbarungen (57%).

Kommunikation ausbaufähig

Allerdings zeigt sich, dass EVUs Schwierigkeiten haben, mit dem Tempo des Medien­wandels Schritt zu halten, weshalb noch viele ­Kanäle für den Dialog mit dem Kunden ungenutzt bleiben.

So verfügen lediglich 35% der Stadt­werke über eine Präsenz in den Sozialen Netzwerken: ähnlich gering (34%) ist der Anteil der Unternehmen, die eine mobile App anbieten oder ihren Kunden aktuelle Verbrauchs­informationen bzw. -analysen anbieten (32%).
Neue digitale Geschäftsmodelle – eine in allen Branchen große Chance der Digitalisierung – sind für nur 46% Energieversorger in den nächsten zwölf Monaten ein wichtiges Thema, und auch längerfristig sind viele EVU eher skeptisch.
Das entspricht aber, wie eine aktuelle Untersuchung des Beratungsunternehmens Oliver Wyman zeigt, nicht den Wünschen der Kunden. Denn private Haushalte sind gegenüber neuen Produkten rund um ihr Zuhause sehr aufgeschlossen und vertrauen Energieversorgern auch zu, diese anbieten zu können.
52% würden Telefonie, Internet, Unterhaltung und Strom aus einer Hand sowie elektronische Assistenzsysteme für Senioren begrüßen, fast ebenso viele (50%) Solaranlage-und-Batterie-Paketlösung, Energieberatung, Haushaltsgeräte oder gebündelte Informationen in einer Stadt-App.

Untreue Kunden

Ähnliche Ergebnisse zeigt eine Untersuchung von Deloitte auch für Österreich: Aktuell würden 47% der Befragten das Internet vom Energieversorger beziehen, 30% das Kabelfernsehen und 27% den Festnetzanschluss. Fast die Hälfte aller Besitzer von Wärmepumpen sowie die über 60-Jährigen würden auch das Elektroauto von ihrem EVU ­beziehen.

Allerdings sind die Österreicher auch alternativen Anbietern gegenüber durchaus aufgeschlossen. Für 66% käme ihre Stadt als Energielieferant infrage, und für gut ein Fünftel (22%) der Elektriker.
2014 haben in Österreich 268.000 Strom- und Gaskunden ihren Lieferanten gewechselt. Experten gehen davon aus, dass die Bereitschaft der Konsumenten, den Energieanbieter zu wechseln, künftig zunehmen wird und neben dem Preis auch innovative Produkte und Dienstleistungen dabei eine größere Rolle spielen werden.
Der Oliver Wyman-Studie zufolge sind das vor allem Energieberatung, Intelligente Stromtarife, Solaranlage-und-Batterie- sowie Hauswärmepakete, Smart Home und Telefonie, Internet, Unterhaltung und Strom aus einer Hand.
„Diese Must-have-Produkte sollten Energieversorger unbedingt in ihrem Portfolio haben, um bestehende Kunden zu halten und neue zu gewinnen”, so Thomas Fritz, Partner im Energiebereich bei Oliver Wyman.

Datenanalyse stärken

Neue Produkte und eine gezieltere Kundenansprache erfordern, dass die EVU die Bedürfnisse ihrer Kunden genau kennen. Dem müssen sich Produktentwicklung und Marketing gleichermaßen bewusst sein und bereit sein, auch neue Wege zu gehen – nicht zuletzt deshalb, da sich Entscheidungs- und Nutzungsverhalten nach Alter, Geschlecht und Einkommen der Kunden unterscheiden. Darüber hinaus sind lokale Spezifika, etwa zwischen urbanen Ballungsgebieten und ländlichen Gegenden, zu berücksichtigen.

Die PwC-Studie zeigt, dass 83% der EVU die Auswertung ihrer vorhandenen Kundendaten verbessern wollen, etwa, um den Haushalten Informationen zum Energieverbrauch oder personalisierte Angebote (z.B. individualisierte Tarife) bieten zu können oder sie durch gezielte Hinweise zu energiesparendem Verhalten in Spitzenlastzeiten anzuregen.
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW) und das Beratungsunternehmen EY haben in der jährlichen Befragung von Stadtwerken und EVU in Österreich, der Schweiz und Deutschland unter anderem auch ermittelt, wie die Unternehmen generell mit dem Thema Innovation, das immerhin 94% als wesentlichen Erfolgsfaktor sehen, umgehen: Über die Hälfte der befragten Unternehmen verfügt über keinen eigenen für Innovationen verantwortlichen Bereich, drei Viertel über keinen strukturierten Prozess im Rahmen der Ideengenerierung, und mehr als die Hälfte über keinen klar definierten Strukturen für die Ideenumsetzung. Zudem fehlt es in 61% der Unternehmen an spezifischen Methoden für das Innovationsmanagement.

Geringe Innovationsfreude

Innovation spielt in der österreichischen Energiewirtschaft insgesamt eine untergeordnete Rolle. Lediglich 24% der Unternehmen werden sich in den kommenden zwei bis drei Jahren mit Innovationen im Bereich ihrer Geschäftsprozesse auseinandersetzen. Neue Geschäftsmodelle sind bei 41% und neue Produkten und Services gar nur bei knapp mehr als einem Drittel (35%) auf der Agenda.

Fragt man nach den Gründen für die schwache Innovationsbereitschaft, so werden in erster Linie Regulierung (74%) und ungünstige politische Rahmenbedingungen (71%) genannt, für 58% sind es fehlende Größe und Skalierbarkeit, 37% gaben zu geringe Investitionsbudgets.
„Weil inzwischen jede siebente Kilowattstunde aus dem Import stammt, entgeht der E-Wirtschaft und Österreichs Volkswirtschaft wichtige Wertschöpfung, was sich auch nachteilig auf Investitionskraft in der E-Wirtschaft auswirkt”, erläutert Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Oesterreichs Energie.
Klar im Fokus der österreichen EVU steht die Entwicklung von Smart Grids, um den wachsenden Anteil der erneuerbaren Energien im Stromversorgungssystem integrieren zu können.
77% sehen in diesem Bereich ein hohes oder sehr hohes Innovationspotenzial, und rund die Hälfte ein erfolgversprechendes Geschäftsfeld für das eigene Unternehmen. Allerdings erfordern diese Maßnahmen hohe Investitionen.

Finanzielle Hürden

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind derzeit allerdings kaum so geartet, als dass die Unternehmen diese problemlos stemmen könnten.Laut der bisher verfügbaren Daten zeigt sich für 2015 beim Stromverbrauch eine Stagnation bei etwa 65 Mrd. Kilowattstunden. Die Preise für Haushaltsstrom sind inzwischen wieder auf dem Niveau des Jahres 2008, was einem Rückgang um rund 14% seit 2012 entspricht. Die Strompreise für Gewerbebetriebe und Industrie liegen aktuell um mindestens fünf Prozent unter den Werten von 2008.

Damit gehört Österreich zu den günstigsten Ländern der EU14 mit Ausnahme der Atomstromproduzenten – sehr erfreulich für die Verbraucher, aber schlecht für die Einnahmensituation der Unternehmen.

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