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Große Marktbereinigung © Wintershall

Vor allem für Unternehmen, die in der Nordsee Öl fördern, ist die Lage kritisch. Denn hier sind die Kosten hoch und viele kleine, finanzschwache Player aktiv.

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Vor allem für Unternehmen, die in der Nordsee Öl fördern, ist die Lage kritisch. Denn hier sind die Kosten hoch und viele kleine, finanzschwache Player aktiv.

britta biron 29.04.2016

Große Marktbereinigung

Den Kampf gegen niedrigen Ölpreis und hohe Verschuldung werden etliche Player der Öl- und Gasindustrie heuer verlieren.

••• Von Britta Biron

MÜNCHEN. Niedrige Öl- und Gaspreise mögen für die Verbraucher ein Vorteil sein, für die Staatshaushalte der Förderländer und natürlich auch die Unternehmen des Öl- und Gassektors stellen sie ein gewaltiges Problem dar.

„Die Oilfield Service-Industrie hat 2015 einen tiefen Abschwung erlebt – und dieser Abschwung ist noch nicht vorbei. Wir stellen uns auch für 2016 auf ein schwieriges Geschäftsjahr ein”, umreißt etwa SBO-Vorstandsvorsitzender ­Gerald Grohmann die aktuelle Lage. Dabei zählt das österreichische Unternehmen noch zu jenen, die allen Hindernissen zum Trotz im Vorjahr ein positives operatives Ergebnis einfahren konnten.
Die Internationale Energie Agentur (IEA) geht für heuer von einem weiteren Anstieg des weltweiten Ölbedarfs aus. Allerdings werden die Ausgaben für Exploration und Produktion in den Nicht-OPEC-Staaten um 20% und die Fördermengen auf 57 Mio. Barrel pro Tag sinken. Unklar sei zudem, wie lange die OPEC an ihrem Kurs festhalten könne, die Produktion auf über 30 Mio. Barrel pro Tag zu halten.

Keine Besserung in Sicht

Mit einer raschen Erholung rechnet daher kaum jemand. „Die Frage ist nicht, wie tief der Ölpreis noch fällt, sondern wie lange er noch auf dem niedrigen Niveau verharrt”, bringt es einer der von A.T. Kearney für eine aktuelle Analyse befragten Manager auf den Punkt.

„In diesem Jahr trennt sich die Spreu vom Weizen: Wenigen finanzstarken Unternehmen steht eine große Zahl potenzieller Kaufkandidaten gegenüber, denen durch den niedrigen Ölpreis und hohe Schulden die Puste ausgeht”, so Tobias Lewe, Leiter des Energiebereichs in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika bei A.T. Kearney.
Besonders betroffen von der schwierigen Marktlage sind, so die Analyse, Unternehmen mit ­älteren Ölfeldern, vor allem jene in der Nordsee, denn Exploration und Förderung sind hier überdurchschnittlich teuer.

Problemfall Nordsee

Von den 50 größten Ölfeldern in dieser Region, die für die Studie untersucht wurden, kann nur knapp ein Viertel des Öls auch bei einem Ölpreis von unter 30 USD pro Barrel kostendeckend gefördert werden, in mehr als der Hälfte der Ölfelder liegt der Break-even unter 45 USD pro Barrel.

Als einen Hauptfaktor dafür, dass in der Nordsee die Voraussetzungen, unter den aktuellen Bedingungen wirtschaftlich zu arbeiten, schlecht sind, identifiziert die A.T. Kearny-Untersuchung die komplizierten Infrastrukturen. So umfasst die Brea Area 30 Plattformen mit insgesamt elf Förderunternehmen.
Zudem sind in der Nordsee auch zahlreiche kleinere, unabhängige Unternehmen aktiv, die in Hochpreis-Zeiten auf Fremdfinanzierung gesetzt haben und die sich jetzt mit wachsenden Liquiditätsengpässen und infolge schlechter Finanzkennzahlen ausfallender Kreditzusagen konfrontiert sehen.
Durch die enge Verflechtung würde der Ausfall eines solchen Unternehmens einen Dominoeffekt auslösen und sich auch nachteilig auf die anderen Betriebe auswirken – etwa weil die Kosten für die Erhaltung der Infrastruktur dann von weniger Beteiligten getragen werden müssten.

Neue Strategien notwendig

„Eine weitere Abwärtsspirale bei den Unternehmen, die in der Nordsee fördern, lässt sich nur vermeiden, wenn sie ihre Kostenstruktur durch weitere Einsparungen, mehr Kooperation und Standardisierung weiter nachhaltig verbessern”, so Lewe.

Er empfiehlt neben einer intensiveren Zusammenarbeit zwischen Betreibern und Zulieferern auch die gemeinsame Nutzung nicht-kompetitiver Ressourcen wie ­Logistik und Transport. „Hier kann der Öl- und Gassektor viel von anderen Branchen wie der Automobilindustrie lernen – etwa Standardisierung, modulares Design oder Produktion just in time.”
Auch weltweit sieht die aktuelle M&A-Studie von A.T. Kearney die Branche vor einer Ära grundsätz­licher Marktbereinigung.
Erst vor Kurzem hatten zwei US-amerikanische Ölförderunternehmen, Goodrich Petroleum und Energy XXI, wegen hoher Verschuldung Gläubigerschutz beziehungsweise Insolvenz angemeldet. Dies mache deutlich, dass auch die zum Teil aggressiven Kostensenkungsmaßnahmen der vergangenen Zeit nicht den erwünschten Effekt ­hatten und nun vielmehr ein grundsätzlicher Strategiewechsel gefragt sei.
Ein Schritt, vor dem viele Unternehmen aber noch zurückschrecken, oder wie es einer der befragten Manager formuliert: „Was wir glaubten zu wissen, gilt nicht länger. In dieser Situation tendiere ich dazu, nichts zu machen, anstatt ­eine dumme Entscheidung zu ­fällen.”
„Von vielen schwachen und nicht wettbewerbsfähigen Betreibern wird das kommende Jahr schwierige Entscheidungen und eine große Portion Überlebenswillen abfordern”, prognostiziert Lewe. „Kreative Strategen haben dagegen gute Chancen, ihr Unternehmen in einem umfassenden Transformationsprozess erfolgreich für die ­Zukunft auszurichten.”

Selektive Merger im Trend

Fusionen und Übernahmen eröffneten innovationsfreudigen und finanziell gut aufgestellten Anbietern auch in diesen turbulenten Zeiten interessante Optionen.

„Viele Firmen können von der Marktsituation profitieren, zusätzliche Reserven und ihre Produktion ausbauen”, sagt Richard Forrest, der die Beratungssparte Energie und Prozessindustrie bei A.T. Kearney global verantwortet. Er rechnet vor allem mit selektive Akquisitionen. Eines der jüngsten Beispiele dafür ist die Übernahme von 68% am US Oilfield Service-Unternehmen Downhole Technology LLC durch SBO.
„Damit erweitern wir unser Portfolio im attraktiven Produktbereich Well Completion, stellen SBO breiter auf, erweitern unser Know-how sowie unsere Kundenbasis und schaffen einen Mehrwert für unser Unternehmen und unsere Aktionäre”, erläutert der SBO-Chef die Gründe für die Investition in Höhe von rund 103 Mio. €.

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