INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Ländle-Leuchtturmprojekt „Wälderbahn“ bleibt realistisch © IV Vorarlberg

IV-GF Mathias Burtscher, IV-Präsident Martin Ohneberg, Studienautor Samuel Greber und Univ.Prof. Sebastian Kummer (v.l.).

© IV Vorarlberg

IV-GF Mathias Burtscher, IV-Präsident Martin Ohneberg, Studienautor Samuel Greber und Univ.Prof. Sebastian Kummer (v.l.).

Redaktion 11.01.2018

Ländle-Leuchtturmprojekt „Wälderbahn“ bleibt realistisch

Verkehrsentlastung und Wirtschaftlichkeit nachgewiesen und bestätigt.

DORNBIRN. 2016/17 stellten die Industriellenvereinigung Vorarlberg, Doppelmayr und Kairos mit der „Wälderbahn der Zukunft“ ein Konzept für ein innovatives Leuchtturmprojekt im „Ländle“ vor, das zu zahlreichen Reaktionen führte. („medianet“ hat mehrfach detailliert berichtet.) Während bei der Erstpräsentation die innovative Verkehrsverbindung und die technische Machbarkeit sehr allgemein im Fokus standen, wurde nun in einem weiteren Schritt die konkrete Verkehrsentlastung und Wirtschaftlichkeit wissenschaftlich und praktisch überprüft, nachgewiesen und bestätigt.

„Zu Jahresbeginn 2016 haben wir in unserer Industriestrategie ‚Vom Mittelmaß zur Exzellenz‘ ein innovatives, intelligentes und vernetztes Leuchtturmprojekt angekündigt, welches das Potenzial hat, nach innen zu verbinden und nach außen zu strahlen“, erinnert Martin Ohneberg, Präsident der IV Vorarlberg. „Im August 2016 wurde dann gemeinsam mit Partnern die Wälderbahn als genau solche Initiative präsentiert und auch in unser vertiefendes Konzept zu ‚Vorarlbergs urbaner Weg‘ übernommen.“

Diese Wälderbahn sieht die Kombination einer schwebenden Seilbahn und einer Stadthochbahn als Verbindung zwischen dem Ballungsraum Rheintal und dem ländlichen Bregenzerwald vor. Die vorgestellte Technologie des Vorarlberger Weltmarktführers Doppelmayr bedeutet eine Weltneuheit und ermöglicht neue Verkehrskonzepte. Die vorgeschlagene Route der Wälderbahn verbindet den Bahnhof Dornbirn mit der Station Sägerbrücke (Campus V) und der Talstation der Karrenbahn; von dort geht es hoch auf das Hochälpele, dem höchsten Punkt im Skigebiet und Naherholungsgebiet Bödele, und dann mitten in den Bregenzerwald in den Bereich Bersbuch in Andelsbuch. Jede Minute fährt eine Gondel mit 28 Personen ab. In gut 20 Minuten und über elf Kilometer verbindet das neue System das Rheintal mit dem Bregenzerwald und umgekehrt.

Stimmung mehrheitlich positiv
Nach der Präsentation der Wälderbahn folgte eine intensive Debatte, die von IV-Präsident Ohneberg positiv beurteilt wird: „Fernab von den tagespolitischen Hickhacks wurden über strategische Themen wie die Mobilität der Zukunft, die Verbindung von Ballungsraum und Talschaften und innovative Technologien diskutiert.“

Die IV Vorarlberg hat im April 2017 das Institut für Management & Marketing damit beauftragt, 400 Telefoninterviews zur Wälderbahn durchzuführen. In einem ersten Schritt wurde die zufällig ausgewählte Bevölkerung (Repräsentativität 98%) befragt, ob sie von der Wälder-Seilbahn, die den Bregenzerwald mit der Stadt Dornbirn im Rheintal verbindet, schon gehört haben; 62% gaben an, von der Wälder-Seilbahn gehört zu haben, was angesichts der langen Zeitdauer seit der Präsentation ein sehr hoher Wert ist. Von jenen, die schon davon gehört haben, gaben 53% in einer offenen Antwort an, dass sie eher positiv gegenüber der Wälder-Seilbahn eingestellt sind. 38% sehen das Projekt eher kritisch, neun Prozent haben noch keine konkrete Meinung.

Samuel Greber, selbst gebürtig aus dem Bregenzerwald, verfasste in den vergangenen eineinhalb Jahren die detaillierte Studie „Einsatz von Luftseilbahnsystemen zur Reduzierung des Personenverkehrsaufkommens auf Straßen und zur Verbindung und Belebung des urbanen, suburbanen- und ländlichen Raums anhand des Visisonsprojekts Wälderbahn“. Sein technisches Basiswissen zur Seilbahntechnik resultiert aus seinen Praktika u.a. bei Doppelmayr. Ausführliche Literaturrecherchen, aktuelles Datenmaterial und über 25 Experteninterviews bildeten die Grundlage für die wissenschaftliche Untersuchung, in der im wesentlichen zwei Forschungsfragen beantwortet wurden:

1. Ist die Wälderbahn eine kostengünstige, umweltschonende, schnelle und zugleich straßenverkehrsentlastende Alternative zu den herkömmlichen Verkehrsmitteln?

2. Ist die Wälderbahn als ÖPNV (Öffentlicher Personen- und Nahverkehr) Verbindung wirtschaftlich?

Deutliche Entlastung des Verkehrs
Basis der Studie ist eine detaillierte Analyse der Verkehrssituation und des Pendlerverhaltens (Erwerbs- und Schülerpendler) im Untersuchungsraum Bregenzerwald und Rheintal. Wenig überraschend, wurde augenscheinlich, dass sich während der Pendlerzeiten zwischen Dornbirn und dem Bregenzerwald in einigen Bereichen Staus bilden bzw. der Verkehr stockt. Greber: „Unser Hauptfokus lag auf einer Straßenverkehrsentlastung im Bregenzerwald, daher haben wir gemeinsam mit der ÖBB Landbus GmbH und der Regio Bregenzerwald ein verbessertes Bussystem erstellt, das die Wälderbahn mit einbindet. Laut unseren gemeinsamen Berechnungen könnten aus heutiger Sicht dadurch die besonders betroffenen Gemeinden im Bregenzerwald um rund 270.000 Pendler pro Jahr entlastet werden.“

Weitere Vorteile des ausgearbeiteten ÖPNV-Zukunftskonzepts für den Bregenzerwald inklusive der Wälderbahn (Auszug)
* Verbesserung des Fahrplanangebots durch eine 30 Minuten-Taktung (heute 60 Minuten-Taktung), Wälderbahn mit 1 Minuten-Kabinenintervall

* Trotz Angebotsverbesserung keine zusätzlichen öffentlichen Kosten für das ÖPNV-System und damit nachhaltige Entlastung der Gemeindebudgets

* 30 Busse (davon drei Elektro-Busse) statt bisher 42 und damit Reduzierung der Emissionen, Wälderbahn mit Ökostrom betreibbar

* Erstmals barrierefreie Verbindung für Rollstuhlfahrer, Fahrradfahrer und Kinderwagen zwischen dem Ballungsraum und dem Bregenzerwald

* Das Fahrrad kann sich als das wichtigste Fortbewegungsmittel im Alltag und Berufsverkehr etablieren.

Wälderbahn kann sich „rechnen“
Um die Wälderbahn innerhalb einer üblichen Projektdauer wirtschaftlich zu betreiben, ist es laut der Studie notwendig, ein Zukunftskonzept zu realisieren, das eine touristische Nutzung für die Wälderbahn vorsieht. Hierzu war es notwendig, das mögliche Potenzial detailliert zu analysieren. Zur Kalkulation der Tourismus- und Freizeitnutzung wurde ein Vergleichswert gewählt, der zwischen Karren- und Pfänderbahn liegt. Die Annahmen der zugrundeliegenden Zahlen wurden konservativ getroffen. Die Besonderheit der Wälderbahn ist die beidseitige Befahrbarkeit und direkte Verbindung von Dornbirn als Ballungszentrum und dem Bregenzerwald als Tourismusregion.

Studienverfasser Samuel Greber fasst die Ergebnisse der Wirtschaftlichkeitsrechnung, die durch die bewährte Kapitalwertmethode berechnet wurde und sämtliche Erlöse und Kosten berücksichtigt, folgendermaßen zusammen: „Selbst wenn die öffentliche Hand – also Bund, Land, Gemeinden – oder private Sponsoren keine Subventionen zuschießen, ist die Wälderbahn wirtschaftlich betreibbar.“ In einem konservativen Szenario wäre die Rendite für Investoren immer noch bei fast einem Prozent und damit deutlich über den aktuellen einjährigen Sparzinsen. Würden die öffentlichen oder privaten Zuschüsse erhöht, dann steigt auch die nominale Verzinsung, bei 25% Beteiligung der öffentlichen Hand, wären das fast zwei Prozent.

Deutlich positiver Nutzen
Um die Studienergebnisse auch unter sehr professionellen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu prüfen, hat der renommierte Univ.Prof. Sebastian Kummer, Leiter des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der Wirtschaftsuniversität Wien, ein ausführliches Gutachten erstellt und sämtliche Annahmen kritisch hinterfragt. Das Gutachten bestätigt die umfassende verkehrswirtschaftliche, ökologische und ökonomische Analyse und Beurteilung der Wälderbahn und gibt damit einen gesamthaften Blick auf das Projekt. Kummer: „Allgemein betrachtet, können die in der Studie aufgezeigten Wirkungen einer Umsetzung des Projekts Wälderbahn, nach eingehender Betrachtung der Grundlagen, Recherchen sowie Berechnungen, unterstützt werden. Das vorliegende Projekt kann einen deutlich positiven Nutzen für die Region und ihre Bewohner stiften.“

Das Gutachten zeigt, dass die zugrundeliegenden Annahmen eher konservativ getroffen wurden; zusätzliches Potenzial bestehe etwa bei den prognostizierten Fahrgastzahlen der Wälderbahn. Die Berechnung der Betriebskosten (Personal-, Wartungs-, Energiekosten, Abschreibungen auf die Investitionskosten) wurde ebenso wie jene der Erlösstruktur kritisch hinterfragt und weitgehend bestätigt. Bei der detaillierten Einschätzung zu den ökologischen Auswirkungen sieht das Gutachten zusätzliche Analysen vor. Kummer weiter: „Für eine genaue Betrachtung, wie viel weniger Emissionen produziert werden, wären noch weitere Berechnungen notwendig. Es sind aber positive Umweltaspekte aufgrund der Entlastung der Verkehrssituation und der Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs zu erwarten.“

Das Gutachten gibt, über die Prüfung der Studie hinaus, auch einen Überblick über die zu erwartenden positiven Wertschöpfungswirkungen einer öffentlichen Infrastruktur wie der Wälderbahn in Bezug auf die regionale Bevölkerung und die lokale Wirtschaft. Laut Kummer spricht daher sehr viel für eine Bezuschussung vonseiten der öffentlichen Hand oder der EU: „Es ist sehr stark damit zu rechnen, dass die eingesetzten Mittel über die Laufzeit des Projekts wieder eingespielt werden können, was für ein Infrastrukturprojekt ein durchaus positives Szenario darstellt.“ (pj)

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