INDUSTRIAL TECHNOLOGY
„Wir vernetzen Industrie mit kreativer Maker-Szene” © Panthermedia.net/Mark Agnor
© Panthermedia.net/Mark Agnor

britta biron 18.03.2016

„Wir vernetzen Industrie mit kreativer Maker-Szene”

Industry meets Makers-Initiatorin Sandra Stromberger erläutert ­Hintergründe und Ziele des gestern vorgestellten Projekts.

••• Von Britta Biron

WIEN. Globale Projektteams sind bei der Produktentwicklung keine Seltenheit, umfassen aber meist Mitarbeiter eines Unternehmens und beziehen eventuell einige handverlesene externe Partner ein. Im Zuge der wachsenden Vernetzung und immer komplexerer Anforderungen an Entwicklungsprojekte geht der Trend zu neuen Formen der Kooperation. Die Initiative „Indus­try meets Makers”, die gestern präsentiert wurde, ist ein Beispiel für diese neue Art der Zusammenarbeit. medianet hat mit Sandra Stromberger, Initiatorin des Projekts und Mitglied des Kernteams von DigitalCity.Wien, gesprochen.

medianet: Um was geht es bei ­Industry meets Makers?
Sandra Stromberger: Es ist ein Projekt, bei dem Top-Industriebetriebe Briefings in den Bereichen 3D-Druck, Robotik & künstliche Intelligenz, Industrie 4.0, Internet der Dinge und Smart Digital City ausschreiben und kreative Makers dazu einladen, sie im Rahmen eines mehrmonatigen Programms zu lösen.

medianet:
Wer sind diese Makers?
Stromberger: Das sind Forscher, Studenten, Schüler, Hobbyisten, freie Entwickler, Start-ups oder Kleinunternehmen – kurz gesagt Menschen, die Spaß daran haben, Produkte (wieder verstärkt) in Eigenregie zu entwickeln. Der Do-it-yourself-Trend, den man aus Branchen wie der Musikindustrie schon viel länger kennt, hat sich vor einigen Jahren auch schrittweise im Produktentwicklungsumfeld durchzusetzen begonnen.

medianet:
Gibt es dafür besondere Gründe?
Stromberger: Ja, treibende Kräfte sind die zunehmende Digitalisierung, gepaart mit der Entstehung von Werkzeugen und Infrastruktur, die es Einzelnen als Teil einer global rasch wachsenden, freien Entwickler-Community immer leichter machen, im Alleingang bzw. in flexibler Kollaboration miteinander zu arbeiten. Es entstehen immer mehr Open Source Software- und Open Hardware-Plattformen, die den Austausch soewie Individualentwicklungsprozesse fördern, Marktplätze, über die Modelle geteilt werden und Labs bzw. Spaces, in denen mittels Tools, wie 3D-Druckern, CNC-Maschinen und Lasercuttern, selbst produziert werden kann.

medianet:
Wie entstand die Idee zu Industry meets Makers?
Stromberger: Ich habe vor rund zwei Jahren eine umfassende Industriemarktrecherche durchgeführt, um neue Geschäftsmodelle für die immer digitaler werdende Industrie zu entwickeln. Dabei kam für mich ziemlich klar heraus, dass das Modell der Zusammenarbeit, das wir jetzt mit Industy meets Makers ansteuern, definitiv im Kommen ist, und dass es für uns in ­Österreich von enormem Vorteil wäre, uns möglichst frühzeitig auf diese Entwicklung einzustellen. Ein paar Monate später habe ich Joe Pichlmayr von Ikarus Security kennengelernt, einen der Mitinitiatoren von DigitalCity.Wien. Das ist eine Initiative, bei der sich die Stadt und die Privatwirtschaft zum Ziel gesetzt haben, durch verschiedene Maßnahmen im Schulterschluss den Digitalstandort Wien zu pushen. Ich habe ihm von meinen Ergebnissen erzählt, und dann ging alles recht schnell. Wir haben dann sehr schnell Kontakt mit ersten Industriebetrieben aufgenommen und mit weiteren Playern, die in Wien in der themenrelevanten Forschung und der Maker-Szene bereits aktiv waren, sowie mit Vertretern der Stadt Wien. Ulrike Huemer, CIO der Stadt Wien, hat das Potenzial sofort erkannt und die Initiative von Anfang an sehr unterstützt. In der Folge entstand das Projekt, das jetzt ein Teil des offiziellen Programms von DigitalCity.Wien ist und von der Wirtschaftsagentur Wien gefördert wird, beinahe wie von selbst.

medianet:
Jetzt ist das Projekt startklar. Welche Industriebetriebe sind mit welchen Projekten beteiligt?
Stromberger: An dem Projekt beteiligen sich Infineon, Frequentis, die Greiner Group, T-Mobile/M2M, Copa Data, AIT und Wien Energie. Das Themenspektrum der Briefings reicht im Moment vom Quadrocopter-Bau über Aquaponik-Lösungen, Industrie 4.0- und IoT-Applikationen, 3D-Druck und 3D-Modellierung bis hin zur Entwicklung von Smart City-Planungstools und Solarstrominseln für Wien. Das ist schon eine spannende Mischung, und wir stehen erst am Anfang.

medianet:
Welche Argumente waren aus Ihrer Sicht für die teilnehmenden Unternehmen besonders überzeugend?
Stromberger: Das Kreativitäts­potenzial der Makers und damit die Chance, völlig neue Blickwinkel auf die eigene Materie zu bekommen, an die man selbst noch nicht gedacht hat, innovative Ideen für die Produktentwicklung zu generieren oder neue Anwendungsmöglichkeiten für bestehenden Produkte und Lösungen zu entdecken und darüber hinaus Talente und kreative Entwicklerteams kennenzulernen, mit denen eventuell auch auf freier Basis langfristig zusammengearbeitet werden kann.

medianet:
Können sich noch weitere Unternehmen an dem Projekt beteiligen und mit welchen Projekten?
Stromberger: Ja, bis Mitte Juni können Unternehmen noch an Bord kommen. Die Briefing sollten inhaltlich zu den Meta-Themen passen und vom Schwierigkeitsgrad her in einem Zeitraum von zwei bis drei Monaten lösbar sein.

medianet:
Wie wird das Projekt konkret ablaufen?
Stromberger: Gestartet wird am 1. und 2. April mit einem Kick-off-Event, das in Form eines Barcamps ablaufen wird.

medianet:
Was genau kann man sich darunter vorstellen?
Stromberger: Im Unterschied zu einer Konferenz gibt keine fix vordefinierte Agenda; jeder kann und soll Kurzvorträge, spontane Fragen, Ideen und Inputs in die Diskussion mit einbringen. Wir wollen mit einer kurzen Vorstellung des Projekts, unserer Zielsetzung, der Briefing-Themen und aller Teilnehmer und Teilnehmerinnen beginnen und danach alles weitere der Eigen­dynamik überlassen, die sich durch das Beisammensein der Beteiligten entwickelt. Wir sind schon sehr gespannt, zu welchen Ergebnissen wir dadurch kommen werden.

medianet:
Warum hat man sich für dieses eher ungewöhnliche ­Format entschieden?
Stromberger: Wir glauben, dass diese Art genau den richtigen Auftakt für unser Vorhaben bildet. Wir hatten im Vorjahr schon einige Vorbereitungstreffen, bei denen in Runden von 40 bis 70 Personen darüber diskutiert wurde, wie die Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den Makers während der Pilotprojektphase aussehen könnte. Es hat sich dabei relativ rasch gezeigt, dass diese Frage in keinem Fall pauschal beantwortet werden kann. Denn jeder Industrie-Partner und jeder teilnehmende Maker hat völlig individuelle Vorstellungen und Voraussetzungen, und auch jedes Briefing stellt völlig andere Anforderungen. Auch das Repertoire der Zielsetzungsoptionen ist vielfältig und reicht von Diplomarbeiten und Studienprojekten bis zu Beteiligungsmodellen und Produktions- und Entwicklungsaufträgen.

medianet:
Wie geht es nach dem Barcamp weiter?
Stromberger: Geplant sind drei bis vier Expert-Talk-Abende zu verschiedenen Themenschwerpunkten des Projekts, mehrere Maker-Trainings in Kleingruppen sowie eine Industry meets Makers on Tour, im Zuge derer wir die innovativsten Pilotfabriken, Labs und Hotspots in ganz Österreich besuchen und vorstellen möchten. Der Abschluss­event findet dann am 20. Oktober im Rahmen der Digital Days statt.


medianet:
Wie wahrscheinlich ist es, dass zum Abschlussevent schon konkrete Ergebnisse vorliegen?
Stromberger: Die Anforderungen der Briefings sind zum Teil recht hoch ausgefallen und es ist zu vermuten, dass wir dadurch den Rahmen der ‚klassische Definition' von Makers in einigen Fällen sprengen werden. Aber wir wollten uns davon nicht weiter irritieren lassen. Uns geht es nicht in erster Linie um konkrete Ergebnissse, sondern vor allem darum, eine Community aufzubauen, in der die Zusammenarbeit zwischen der etablierten Industrie und schlauen Köpfen, die sich in freien Konstellationen oder kleineren Teams formieren, zu einem gewohnten und für beide Seiten vorteilhaften Modell wird.

medianet:
Wer ist außer den Industriebetrieben und den Makers sonst noch in das Projekt involviert?
Stromberger: Wir haben ein Netzwerk mit vielen tollen Partnern. Dazu gehören Universitäten, Fachhochschulen, HTLs und Forschungsinstitute, Expertinnen und Experten, Betreiber von Maker Spaces sowie Personen aus der Tech- und Startup-Szene.

medianet:
Was ist aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung bei diesem Projekt?
Stromberger: Definitiv die Verbindung von völlig unterschiedlichen Welten, die hier aufeinandertreffen werden. Dieses Manöver wird nur funktionieren, wenn alle Beteiligten konstruktiv und fair miteinander umgehen. Ich glaube daran, dass das möglich ist, und wenn wir es schaffen, dann haben wir gemeinsamen einen großen Schritt in eine gute Richtung gemacht.

medianet:
Das klingt, als läge ­Ihnen das Projekt auch persönlich sehr am Herzen.
Stromberger: Das tut es tatsächlich. Ich mag unseren europäischen Lebensstil, sehe derzeit aber nicht, dass wir ihn langfristig halten werden können, wenn wir nicht rasch Tempo aufnehmen. Wir müssen im globalen Vergleich (wieder) zu richtigen Innovationstreibern bei neuen Technologien werden. Das Potenzial dazu haben wir in Österreich auf jeden Fall, wir müssen es aber auch gezielt nutzen.

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