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Alles neu macht der Mai, alles neu auch bei „Heute” © medianet/Katharina Schiffl

RedaktionChristian Nusser, Chefredakteur, und Maria Jelenko, stv. Chefredakteurin Heute, Leitung digitale Medien.

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RedaktionChristian Nusser, Chefredakteur, und Maria Jelenko, stv. Chefredakteurin Heute, Leitung digitale Medien.

Helga Krémer 12.05.2017

Alles neu macht der Mai, alles neu auch bei „Heute”

Die Chefredakteure Maria Jelenko und Christian Nusser über Umstellungen, Einstellungen und die neue App.

••• Von Helga Krémer

Heute, die größte Gratis-Tageszeitung und die Tageszeitung mit der zweithöchsten Leserzahl in Österreich, erschien auf den Monat genau zum ersten mal vor 13 Jahren. Zum Geburtstag gibt’s eine neue App, und weil bei Teenagern die Welt des Öfteren gern Kopf steht, eben auch das. Aber dazu später mehr. medianet traf die Heute-Chefredaktion, Maria Jelenko und Christian Nusser, zum Interview.


medianet: Was kann denn die neue, aktualisierte App?
Maria Jelenko: Das Neue an der App ist eigentlich etwas Bahnbrechendes. Wir haben, von der Technologie her, einen Meilenstein gesetzt: Die App ist nicht eindimensional, sondern vierdimensional. Von der Entwicklung ist das so, dass man – wie bei einem Würfel – vier Seiten hat. Und die Leser nicht nur vertikal scrollen, sondern auch horizontal. Die App ist so aufgeteilt: Nachrichten – eh klar, aber auch User-Content, virale Hits und Entertainment sowie Ihre persönliche Nachrichtenseite.
Christian Nusser: Wir haben eine lange Biografie in der Zusammenarbeit mit unseren ­Leserinnen und Lesern und haben ja auch im Print-Bereich immer eine Unzahl an Fotos bekommen – von Unfällen über Alltagsbegebenheiten, und wir haben das jetzt einfach in eine digitale ­Ebene transformiert. Wir sind auch in Wien vermutlich unerreicht, was die Menge an Fotos anlangt, die wir geschickt bekommen.

Das haben wir jetzt quasi zu einer eigenen – wir nennen es Dimension – gemacht. Neben den Nachrichten ist die zweite Dimension die, wo wir Leser-Content abbilden: Das sind ­Fotos, Videos, Kommentare, eben alles, was Interaktion bedeutet. Und dann gibt es die dritte und vierte Dimension. Die dritte ist Fun: Wir nennen es Timeout, das ist alles, was man mit Spaß und Entertainment verbindet. Und die vierte ist die, wo man sich selber einstellen kann, welche Nachrichten man haben will. Da kann man sich einfach Inhalte wählen oder die wegklicken, die man nicht braucht.

Jelenko: Wir wollen die Leser auffordern, sich zu engagieren, Bilder zu schicken, Videos zu schicken. Wir glauben an die Zukunft des Journalismus in demokratischerer Form. Das ­Leser-Engagement wird wichtiger sein, und ich glaube, dass wir da einen großen Schritt in die Zukunft gemacht haben.

medianet
: Das heißt, ich kann um die Ecke scrollen? Habe quasi mehrere Apps in einer?
Jelenko: Wir haben die letzten Wochen in der Zeitung immer wieder die App vorgestellt, präsentiert und erklärt, wie es genau funktioniert. Es ist sicher am Anfang ungewohnt, weil es Derartiges es eben nicht gegeben hat.

medianet:
Ist die App mit der mobilen Version von Heute vergleichbar?
Jelenko: Es gibt einerseits die mobile Heute und es gibt die App. Die vier Dimensionen hat nur die App.

medianet:
Wie ist die Genese? Print – Online – App?
Nusser: Wir trennen nicht mehr Print, Online und die App; wir haben vor knapp einem Monat die beiden Redaktionen zusammengeführt.
Jelenko: Wir legen den Fokus auf Online. Und dann erst auf die Zeitung. ‚Man findet die Zeitungsgeschichten halt auch online' – das findet nicht statt. Wir haben einen ganz anderen Ansatz verfolgt, nämlich, dass wir zuerst für unsere mobilen Produkte schreiben und dann wird am Abend aus diesen Artikeln die Zeitung gemacht. Aus dem ‚Best-of' aller mobilen Heute-Artikel von heute machen wir die Heute-Print-Ausgabe für morgen.

medianet:
Quasi umgekehrt zu allen anderen …?
Jelenko: Ganz genau, wir beobachten den ganzen Tag: ‚Was läuft gut.' Oder wir sehen: ‚Aha – diese Geschichte läuft super', dann ist die sicher ein Kandidat, dass die auch im Print vorkommen wird. Und nicht umgekehrt, dass man zuerst Print plant. Es ist auch unser Tagesablauf komplett umgestellt.

medianet:
War das mühsam?
Nusser: Jein. (alle lachen)
Jelenko: Es war psychologisch, im Kopf, schon ein bissel mühsam.
Nusser: Ja, natürlich. Sicher. Es erfordert unglaublich lange Vorarbeit. Man muss viel erklären, man muss viele Ängste nehmen …
Jelenko: … und Überzeugungsarbeit leisten.
Nusser: Ganz klar. Wir hatten im Print bisher eine 5-Tage-Woche. Das heißt, die Umstellung von einer anderen Tageszeitung in den Digitalbereich ist etwas leichter, weil die ja schon sieben Tage arbeiten. Unsere Woche war ja Sonntag bis Donnerstag, und die Printredaktion hatte Freitag und Samstag frei. Das Sensationelle ist, dass Folgendes gelungen ist: man hat den älteren Mitarbeitern nähergebracht, dass das für sie eine Chance ist, dass das ein zukunftsträchtiges Objekt ist und dass es Spaß macht. Und jetzt merken sie nach einem Monat, dass das Digitale nichts ist, vor dem man sich fürchten muss, sondern etwas ist, was ihren Journalismus, ihre Arbeit belebt.

Wir haben das innerhalb des letzten Monats im Newsroom schon sehr friktionsfrei hingebracht.


medianet:
Gab’s Umstellungen?
Nusser: Wir haben das Personal aufgestockt. Wir sind einen anderen Weg gegangen, als es viele andere Medien machen, die umstellen. Die nutzen das ja meist für ein Sparprogramm à la: ‚Ich brauch nicht mehr zwei Redaktionen, da mach ich eine und da kann ich ja im Galopp ein paar Mitarbeiter verlieren.' Wir haben in Wirklichkeit punktuell verstärkt.
Jelenko: Wir haben knapp unter zehn Leute aufgenommen. Wir haben auch ein eigenes Community-Center geschaffen, das es vorher nicht gab, und so verzahnt, dass es nicht so ist, dass die Onliner bei den Printlern sitzen, sondern wir unterscheiden da jetzt nicht mehr zwischen Online und Print. Die Ressorts arbeiten alle online. Punkt.

medianet:
Für jemanden, für den zuerst immer Papier und dann irgendwann Online gekommen ist, stellt Ihr die Welt gerade auf den Kopf …
Jelenko: Es ist auch so, dass wir die Welt auf den Kopf gestellt haben. Es ist revolutionär, obwohl es eigentlich gar nicht so kompliziert ist. Wir machen einfach den ganzen Tag Online, wir alle, und am Abend wird einfach aus dem ‚Best-of' die Zeitung gemacht.
Nusser: Der Unterschied ist natürlich im digitalem Bereich sehr brutal: Sie bekommen relativ schnell ein Feedback. Das muss ein Print-Redakteur erst lernen. Der Print-Redakteur geht davon aus, er schreibt einen brillanten Kommentar, und 110 Prozent seiner Leser lesen den am nächsten Tag. Im Online-Bereich merkt er dann, in Wirklichkeit ist es nur ein Promille. Das ist ein Feedback, mit dem man erst lernen muss umzugehen.
Jelenko: Und das Zweite, was schon auch einen Unterschied ausmacht – das lernen die Redakteure auch, dass ihre Arbeit nicht, und das möchte ich jetzt auf keinen Fall mindern, bloß aus ‚Recherche und runterschreiben' besteht, sondern sie machen sich Gedanken, wie man den Leser zusätzlich erreichen kann. Mit Umfragen, mit Videos, wie kann ich die Geschichte noch weiterspinnen. Mit allem, was das Multimediale eben zu bieten hat. Das macht die Geschichte viel runder, finde ich. Es ist nicht so statisch wie Print, wo du nur Text und vielleicht ein Bild dazu hast.
Nusser: Es führt den Journalisten wieder sehr schnell dorthin zurück, wo er eigentlich einmal war – nämlich sehr nah am Leser zu sein. Was ich vorher mit Feedback gemeint habe, dass er ganz genau überlegen muss, was könnte interessant sein, was nicht. Es demokratisiert ein bisschen das Verhältnis zum Leser und bei uns eben besonders, weil wir so eine starke Lesereinbindung haben.

Zur Info:
Die Gratis-App „Heute – Die Tageszeitung” ist für Android auf Google Play und für für iPhones im iTunes App Store verfügbar.

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