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Eine Radiofrau durch und durch © medianet/Katharina Schiffl
© medianet/Katharina Schiffl

Dinko Fejzuli 28.04.2017

Eine Radiofrau durch und durch

Seit Jänner ist FM4-Chefin Monika Eigensperger neue ORF-Radiodirektorin – medianet traf sie zum Interview.

••• Von Dinko Fejzuli

Im Jahr 1980 stößt Monika ­Eigensperger als 20-Jährige zum ORF und wird freie Mitarbeiterin. Bereits drei Jahre später verantwortete sie den Aufbau diverser Jugendsendungen in Ö3.

Seit dem 1. Jänner 2017 ist sie die neue Hörfunkdirektorin des ORF und folgte in dieser Funktion Karl Amon nach, der sich in den wohlverdienten ­Ruhestand verabschiedete.
medianet bat Eigensperger zum Antrittsinterview über ihre ersten 100 Tage im Amt.

 

medianet: Frau Eigensperger, Sie sind nun sei gut 100 Tagen die neue Hörfunkdirektorin des ORF. Was hat Sie persönlich an dieser Position gereizt?
Monika Eigensperger: Als ORF- Generaldirektor Alexander Wrabetz bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Wiederwahl gesagt hat, dass einer der Channelmanager auch die Funktion des Radiodirektors übernehmen könnte, da habe ich mir gedacht, ‚wunderbar, das ist genau das Richtige für mich'. Und deshalb habe ich mich spontan mit meinem Konzept beworben.

In der Nacht vor der Wahl der Direktoren und Landesdirektoren durch den ORF-Stiftungsrat bekam ich einen Anruf, dass ich um acht Uhr früh auf den Küniglberg kommen sollte …


medianet:
… da haben Sie sich gedacht, dass es etwas geben könnte …
Eigensperger: … wenn ich um acht Uhr auf den Küniglberg soll, dann denke ich natürlich, dass es etwas geben könnte, und bin sicherheitshalber vorher noch zum Frisör gegangen. (lacht)

 

medianet: Warum haben Sie sich denn für den Posten der Radiodirektorin gerade jetzt beworben?
Eigensperger: Ich bin eine Radiofrau, durch und durch. Ich habe viele Jahre bei Ö3 gearbeitet, das große Glück gehabt, FM4 als völlig neuen Sender aufbauen zu dürfen, und habe zu Beginn meiner ORF-Tätigkeit auch Sendungen für Ö1 gemacht.

Ich kenne daher sehr viele Kolleginnen und Kollegen der ORF-Radios und ich schätze ihre Arbeit sehr. Und grundsätzlich halte ich es für sehr wichtig, dass Radio eine wichtige Rolle spielt.

 

medianet: Trotzdem ist der Job der ORF-Radiodirektorin eine Herausforderung …
Eigensperger: Absolut: Einerseits hat sich nichts daran geändert, dass die Positionierung der ORF-Radios ganz hervorragend ist, obwohl es fast 80 Mitbewerber gibt. Von drei gehörten Radiostunden täglich gehen mehr als zwei Stunden auf das Zeitkonto der ORF-Radios.

Andererseits werden die Grenzen zwischen den Mediengattungen immer fließender, die Trennlinien verschwinden, und es wird immer wichtiger – vor allem wenn man junge Menschen ansprechen möchte –, Angebote auf jenen Kanäle zu machen, auf denen junge Menschen Medien konsumieren. Dinge wie Online, Bewegtbild und Social Media sind darum auch für uns unerlässlich. Deshalb ist es auch nicht erfreulich, dass wir einige Dinge nicht haben, weil die Genehmigungsverfahren zum Teil langwierig sind.


medianet:
Die private Konkurrenz wird das anders sehen …
Eigensperger: Wir produzieren unseren Content für unsere ­Zuseher, Hörer und User, und es ist nicht nachzuvollziehen, warum wir ihn nicht auf jenen Kanälen, auf denen diese zu finden sind, zur Verfügung stellen dürfen.

medianet: Weil die Privaten unter Umständen meinen, dass sie zum Beispiel dadurch den Werbe­markt verstopfen würden.
Eigensperger: Es geht gar nicht so sehr um die Vermarktung, sondern darum, dass wir dorthin gehen müssen, wo auch unser Publikum ist.

medianet:
Mit DAB+ lassen Sie aber einen dieser Kanäle aus.
Eigensperger: Wenn man diesen Kanal mit den sonstigen digitalen Möglichkeiten vergleicht, dann ist er recht eingeschränkt. Ich war vor ca. 25 Jahren auf der Funkausstellung in Berlin und dort wurde damals DAB als die Novität präsentiert. Mittlerweile ist das Internet omnipräsent, und die Menschen konsumieren Radio online. Ich sehe auch nicht ein, warum man für diesen neuen Kanal neue Geräte anschaffen soll. In jedem Haushalt stehen im Schnitt sieben Radios.

Ich glaube nicht, dass die Konsumenten bereit sind, diese wegzuwerfen und sieben DAB-fähige Geräte stattdessen zu kaufen. Würde man von UKW auf DAB umstellen, schließt man daher viele Menschen vom Rundfunkempfang aus. Für mich als Radioleidenschaftliche kann das sicher nicht das Ziel sein.

 

medianet: Apropos ausschließen: Ein Vorwurf, dem sich vor allem Ö3 stellen muss, ist, dass man die deutschsprachige Musik eher stiefmütterlich behandelt und man hier zu wenig innovativ sei.
Eigensperger: Als erstes habe ich ein Problem mit der Formulierung ‚deutschsprachige Musik', denn wenn man sich ansieht, wie viele Musiker in Österreich produzieren und wie viele von ihnen dies nicht in deutscher Sprache tun, dann ist dieser Vorwurf absurd.

Es kann ja keine Sprachbarriere eingezogen werden. Und was die Förderung österreichischer Musik betrifft, so war und ist mir diese ein echtes Anliegen, und mit FM4 meistern wir hier täglich den Praxistest mit Bravour.


medianet:
Und Ö3?
Eigensperger: Bei Ö3 etwa eine freiwillige Selbstkontrolle; im vergangenen Jahr hat sich der Anteil österreichischer Musik auf Ö3 merklich erhöht. Wir sind hier gut unterwegs – und wenn man dann alle zehn Jahre eine oder, wie aktuell, zwei Bands wie ‚Bilderbuch' oder ‚Wanda' hat, die über die österreichischen Grenzen hinaus mit ihrem Tun Beachtung finden, dann ist das umso schöner. Das ist ein sehr kräftiges und erfolgreiches Lebenszeichen österreichischer Musik.

medianet:
Bleiben wir noch kurz bei Ö3: Hier sind die Hörer mit dem Sender quasi älter und reifer geworden. Welche Pläne haben Sie hier?
Eigensperger: Ö3 ist in allen im Radiotest ausgewiesenen Altersgruppen die Nummer eins – als Einzelsender sowieso, und selbst wenn man alle Privatsender zusammenzählt, ist Ö3 noch immer die Nummer eins. Wenn man also täglich mehr als 2,5 Mio. Menschen erreicht, dann halte ich jedes Krisengeplappere für eine Wahrnehmungsverschiebung. Ö3 ist ein Sender, der von seiner Art ja kein Spartensender, sondern eben breit aufgestellt ist und das in einer unnachahmlichen Art und Weise.

medianet:
KroneHit hat auch nicht ganz eine Mio. Hörerinnen und Hörer täglich, und da hört man manchmal den Vorwurf: Wenn man dort sechs Lieder am Stück spielt, spielt Ö3 eben sieben.
Eigensperger: Wie viele Lieder am Stück gespielt werden, als kreativen Wettbewerb zu betrachten, halte ich nicht für sehr originell.

medianet:
Auch beim Thema Wort-Musik-Anteil gibt es seitens der Privaten immer wieder die Kritik, dieser sei nicht ausgewogen.
Eigensperger: Natürlich ist Musik bei Ö3 ein sehr wichtiger Faktor, aber auch das Wort – von Unterhaltung im besten Sinne bis zu verlässlicher Information rund um die Uhr.

Zu diesem Thema gibt es eine aktuelle Untersuchung, die gerade Ö3 Bestnoten beim Thema Informationskompetenz zuweist – zu Recht, denn wir haben exzellente Journalisten, um die besten Nachrichten des Landes für die Hörerinnen und Hörer zu präsentieren.
Und wer noch mehr Information und Hintergrundberichte möchte, findet diese in einer ebenfalls exzellenten Qualität auf Ö1.


medianet:
Aber anders als im Fernsehen zappen Radiohörer nicht, sprich, der Sender wird de facto nie gewechselt …
Eigensperger: Doch das tun sie, je nach der Situation, in der sie sich gerade befinden. Natürlich habe ich ein anderes Hörverhalten, wenn ich im Stau stehe, im Büro sitze – oder am Wochenender wirklich Zeit habe, mir konzentriert ein Feature in Ö1 anzuhören.

Zu verlangen, dass jeder ORF-Radiosender jedes Genre abliefert, kann nur eine Konkurrenzausschalttaktik sein.


medianet:
Ein Thema, mit dem Sie sich ebenfalls beschäftigen müssen, ist der Umzug auf den Küniglberg. Manche befürchten, dass durch das Zusammenziehen die Vielfalt der Inhalte bedroht sein könnte.
Eigensperger: Ein Zusammenziehen bedeutet nicht weniger Vielfalt, warum auch? Ich kann ausschließen, dass es hier zu irgendwelchen Einschränkungen kommt.

Das Wesen des ORF ist es nämlich, dass die einzelnen Kanäle, Angebote und Produkte die Vielfalt des ORF wiedergeben. Gerade diese Vielfalt ist eine der Stärken des ORF, denn sie spiegelt die unterschiedlichen Meinungen wider. Eine Vereinheitlichung wäre ein Feind des Erfolgs.


medianet: Zum Schluss noch eine Frage zum ‚Österreichischen Radiopreis', wo gerade die Jurierung läuft und bei dem sowohl ORF- als auch privater Radio-Content gemeinsam auf einer Bühne ausgezeichnet wird: Wie sehr ist dieser Preis auch das Zeichen eines zarten Pflänzchens in Form eines Schulterschlusses heimischer Medienmacher gegen die ­Facebooks und Netflixe dieser Welt?
Eigensperger: Ich hoffe, dass er es ist, denn in Wirklichkeit kämpft das kleine Österreich auf der einen Seite wie ein gallisches Dorf gegen die internationalen Medienmacher, und auf der anderen Seite sind wir auch noch ein kleines deutschsprachiges Land neben einem großen deutschsprachigen Nachbarn, wo aufgrund der Landesgröße Innovationen leichter zu finanzieren sind.

In Wirklichkeit sollten wir uns hier in Österreich viel mehr vernetzen, und aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, bei einigen Themen auch Kooperationen zwischen ORF und Privaten anzudenken.
Und gerade unter diesem Aspekt halte ich es für besonders kontraproduktiv, auch für die Privaten, den ORF von kommenden Zukunftsperspektiven abschneiden zu wollen.

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