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Heute erfolgreich, morgen unkalkulierbar? © ORF/Thomas Ramstorfer
© ORF/Thomas Ramstorfer

Gianna schöneich 15.04.2016

Heute erfolgreich, morgen unkalkulierbar?

Beatrice Cox-Riesenfelder über die Verkaufserfolge des ORF bei der MIPTV und künftige Herausforderungen.

••• Von Gianna Schöneich

WIEN. Vom 4. bis 7. April fand die MIPTV, die größte Fachmesse für den TV- und Digitalmarkt, in Cannes statt. Und nicht nur ­Richard Grasl zeigte sich gegenüber ­medianet über die MIPTV erfreut, als er meinte: „In Cannes erreichen wir alle internationalen Player auf einem Fleck. Neunzig Prozent unserer TV-Verkaufsumsatzes resultieren aus Messen wie dieser, vornweg war auch heuer wieder unser Verkaufsschlager ‚Universum'.”

Auch die zweite Geschäftsführerin der ORF-Enterprise, Beatrice Cox-Riesenfelder, die u.a den internationalen Content Sale beim ORF verantwortet, war mit ihrem Team vor Ort und brachte die ORF-­Eigenproduktionen an den Markt. Im Interview mit medianet sprach sie über Erfolgsformate, den Verkauf von Ideen und sich abzeichnende Trends.


medianet:
Frau Cox-Riesenfelder, wie ist Ihr Resümee der MIPTV?
Beatrice Cox-Riesenfelder: Es hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Die großen US-Studios lassen die MIPTV aus, da die LA Screenings bereits im Mai stattfinden und somit relativ nah sind. Aufgrund von Budgetkürzungen wird nur mehr eine Messe wahrgenommen. Den ORF betrifft das allerdings weniger, wir zielen primär auf den europäischen und asiatischen Markt ab.

medianet:
Also war die MIPTV für den ORF dennoch erfolgreich?
Cox-Riesenfelder: Ja, heuer ganz besonders. Unser Line-up enthielt 33 ‚Universum'-Dokumentationen. Das ist enorm. Auf der Messe selbst werden keine Verträge unterzeichnet, dafür wäre die Zeit gar nicht da. In den nächsten Wochen wird sich noch vervielfachen, was bisher zugesagt wurde.

medianet:
Wird auf der MIPTV vier Tage lang ferngesehen?
Cox-Riesenfelder: Es handelt sich um eine reine Verkaufsmesse. Im Vorfeld werden Termine mit verschiedenen Einkäufern vereinbart. Jeder Verkäufer hat circa 60 Termine an drei Tagen, es bleibt also gar keine Zeit, zu screenen. Wir haben einen Katalog, dieser wird im Vorfeld verschickt und ist auch online verfügbar. Sind Einkäufer interessiert oder entscheiden sie sich zum Kauf, wird im Nachhinein ein Link versendet, über welchen die ­Produktionen gesehen werden können.

medianet:
Das Dokumentationsformat Universum gilt als der ORF-Verkaufsschlager. Was sind Ihre Verkaufsargumente?
Cox-Riesenfelder: Universum ist international. Ein Tierfilm kommt ohne Sprache aus, der lokale Touch bleibt aus. Universum zählt zu den großen Natur- und Tierfilmproduzenten, darüber gibt es nicht viele. Universum ist der einzige Slot, der im ORF schon von vornherein international produziert wird, auch auf Englisch.

medianet:
Bei anderen Produktionen denkt man nicht an den Verkaufbarkeit?
Cox-Riesenfelder: Nein, das geht auch nicht. Der Auftrag des ORF ist, Content für österreichische Gebührenzahler zu produzieren. Die ‚Vorstadtweiber' werden beispielsweise nicht mit dem Hintergrund produziert, dass sie ein internationaler Verkaufsschlager werden. Allerdings gibt es auch Kooperationen mit ausländischen Sendern, beispielsweise Italien; hier wird gemeinsam produziert. Mit kleinen Handgriffen kann außerdem dafür gesorgt werden, dass etwas nicht absolut unverkäuflich ist.

medianet:
Zum Beispiel?
Cox-Riesenfelder: Man sollte vermeiden, zu stark auf die Location oder Spezifika eines Landes einzugehen. Sehr landesspezifisch ist auch der Humor. Wir würden uns schwer tun, über eine koreanische Comedy-Serie zu lachen, das ist eine ganz andere Erzählart. Humor ist sehr länderspezifisch, er ist das regionalste überhaupt. Die Serie ‚Braunschlag' ist bei uns in Österreich ein Hit, sie verkauft sich international aber sehr schwer. Allerdings ist David Schalko ein ausgezeichneter Drehbuchautor, der auch international gefragt ist. Die Drehbücher und das Format haben wir an Sony Pictures verkauft, die machen jetzt etwas komplett Eigenes daraus.

medianet:
Sie verkaufen also auch Ideen?
Cox-Riesenfelder: Genau.

medianet:
Wer kauft gern vom ORF?
Cox-Riesenfelder: Im fiktionalen Bereich verkaufen wir an deutschsprachige Länder, Skandinavien oder Osteuropa. Aber auch Italien ist ein guter Kunde für Serien wie ‚Vier Frauen und ein Todesfall'.

Im Dokumentationsbereich kann man keine Einschränkungen vornehmen. Auf einer Messe verkaufen wir aber auch ältere Produktionen.


medianet:
Wie viel Umsatz macht die ORF-Enterprise für den ORF?
Cox-Riesenfelder: Im Vergleich zu Einnahmen aus Gebühren und Werbung ist das minimal, im einstelligen Prozentbereich.

medianet:
Welche Trends zeichnen sich ab?
Cox-Riesenfelder: TV ist nicht tot. Das ist eine wichtige Message. ­Allerdings geht es stark zu Over-The-Top-Content und Video-On-Demand-Plattformen. Es gibt es Tausende Plattformen, wie auch flimmit, wo der ORF mitbeteiligt ist. Durch Netflix ist das Thema sehr populär geworden.

Wir stehen heute vor einem sehr fragmentierten Markt, es lässt sich nur schwer Geld verdienen, und an die großen Anbieter kommt man nicht heran. Oft bauen die Plattformen auf Revenue-Shares. Erst wenn eines unserer Produkte über eine Plattform gesehen wird, erhalten wir einen Anteil. Wenn Sie nicht wissen, dass Universum auf einer Plattform angeboten wird, werden Sie es auch nicht sehen.


medianet:
Das klingt sehr unkalkulierbar.
Cox-Riesenfelder: Ja, das ist es. Deswegen hat sich der ORF mit seinen Tochterfirmen ORS und ORF- Enterprise an Flimmit beteiligt, damit österreichische Filme und Serien vorkommen. Plattformen wie Netflix wollen nur die Creme de la Creme der Produktionen, die Quotenstars.

medianet:
Wenn die Zuschauer immer häufiger auf VOD-Platt­formen zurückgreifen und auch Over-The-Top-Content immer bedeutender wird, wie verdient eine ORF-Enterprise dann noch Geld?
Cox-Riesenfelder: Das ist eine große Frage. Diese Bewegungen am Markt sind natürlich die interessantesten. Vor acht bis zehn Jahren gab es sehr viele Plattformen dieser Art, die es heute nicht mehr gibt. Wenige sind noch da, jetzt werden es wieder mehr, und es wird sich auch wieder konsultieren. Gegen große Plattformen wird man nicht ankommen, man muss eine Nische finden und diese ausbauen.

medianet:
Wie haben sich die ­Preise im Laufe der Zeit ent­wickelt?
Cox-Riesenfelder: Es wird weniger gezahlt, gleichzeitig bleiben die Kosten für eine Produktion gleich. Geringer kann es nicht werden, es ist ein Limit erreicht worden.

Ein Erfolg kann sein, gleich von Anfang an international zu koproduzieren.
Für die Universum-Produktion ‚Wilder Iran', eine Tierdokumentation, hat der ORF mit dem iranischen Staatsfernsehen zusammengearbeitet; man hat dann Leute vor Ort, die unter anderem die Sprache beherrschen oder Genehmigungen beschaffen können.
Die Weltrechte bleiben hier beim ORF, im Gebiet Iran, kann das iranische Staatsfernsehen über die Dokumentation verfügen. Generell gilt: Wer mehr einbringt, erhält die meisten Rechte. Bei den Einnahmen kann man ungefähr so rechnen: Wenn der ORF 40 Prozent beigesteuert hat, wird er vom Verkaufserlös ebenfalls 40 Prozent erhalten.
Generell gilt, dass diese Kooperationen enorm wichtig sind, gerade im Hinblick auf große Anbieter. Es kann nicht jeder sein eigenes Ding machen, sonst kommt man nicht weiter. Wir müssen in Europa zusammenhalten, nicht nur in diesem Sinne.

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