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Ideenagentur abseits des Shareholder-Value-Diktats © leadersnet.at/Christian Mikes

Am Siegertreppchen: die Wien Nord-Agenturchefs Eduard Böhler, Edmund Hochleitner, Markus Mazuran und Andreas Lierzer (v.l.n.r.)

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Am Siegertreppchen: die Wien Nord-Agenturchefs Eduard Böhler, Edmund Hochleitner, Markus Mazuran und Andreas Lierzer (v.l.n.r.)

27.11.2015

Ideenagentur abseits des Shareholder-Value-Diktats

Erfolgreichste Agentur bei CCA- und IAA-Award: die Chefs von Wien Nord über Auszeichnungen, Unabhängigkeit & Transparenz.

••• Von Jürgen Hofer


WIEN. Erfolgreichste Agentur beim CCA, erfolgreichste Agentur beim Effie: Im Gespräch mit medianet offenbart Wien Nord nicht nur kreative Rezepte, sondern auch einen unverstellten Blick auf die Kommunikationsbranche.

Nationale und internationale Awards in Serie – wenn man so viele Auszeichnungen bekommt, wie wichtig sind dann Preise für Wien Nord überhaupt noch? Wie erwartet relativiert Geschäftsführer Markus Mazuran: „Es ist natürlich schön, wenn die Anerkennung auch aus der Branche folgt, aber die Bestätigung der Arbeit muss immer vom Markt kommen.”
Kreative Erfolge feiere man natürlich mit dem Kunden, sie motivieren aber vor allem auch das Team. Und, wie Geschäftsführer Eduard Böhler ergänzt: „Um die besten Leute für uns zu begeistern, sind Auszeichnungen ein wichtiger Faktor.” Denn Teamarbeit gehe bei der Agentur, die für familiäres Arbeitsklima bekannt ist, über alles. So achte man darauf, den kreativen Prozess trotz regelmäßigen Termindrucks freudvoll zu gestalten.
„Wenn Kreation nicht mit einer gewissen Leichtigkeit funktioniert, kommt nie etwas Gutes dabei heraus”, erläutert Böhler die Philosophie. Ziel der Agentur sei es, eine Kultur zu schaffen, in der herausragende Kreation erst möglich werde. „Mit Druck bekommt man zwar Output, aber qualitativ garantiert keinen hochwertigen. Jeder soll sich bei uns entwickeln können und vor allem gern in die Agentur gehen – und nicht mit einem Kloß im Hals”, so Mazuran, der ergänzt, dass man auch nur so wirkliche ­Talente anwerben könne: „Freidenker kannst du nicht einsperren, sondern musst ihnen ein Umfeld geben, wo freies Denken ermöglicht und gefördert wird.”

Unabhängigkeit als Garant

Diese Philosophie könne man aber vor allem deswegen verfolgen, weil man als Eigentümer der Agentur nur sich selbst verpflichtet sei: „Bei uns gibt es kein Diktat des Shareholder-Values, denn die Shareholder sind eben wir selbst – und wir können frei von Netzwerkzwängen beraten.” Und Mazuran weiter: „Wir sitzen persönlich beim Kunden am Tisch, um dessen Probleme zu lösen – und nicht, um internationale Vorgaben zu erfüllen.”

Dabei stellt sich als eigentümergeführte Agentur auch die Frage nach dem Selbstverständnis – immerhin feiert die Agentur in ihrer ursprünglichsten Form im nächsten Jahr 2016 ihr 20-jähriges Bestehen. „Das Bestreben nach Schubladisierung ist ja eigentlich immer falsch”, kontert Böhler.
„Der Begriff Werbeagentur ist ja schon lange zum Unwort geworden. Und sich als Kreativagentur zu bezeichnen, ist fast schon geschäftsschädigend, weil man auf einen Kreativkasperl reduziert wird, der keine dahinterliegende Strategie bietet”, überzeichnet Böhler bewusst. „Eigentlich sind wir eine Ideenagentur, denn wir beschäftigen uns mit der Frage, was Menschen fasziniert und welche Werkzeuge und Kanäle man benötigt, um sie damit zu erreichen. Wir liefern in erster Linie Ideen – und natürlich in weiterer Folge auch die Umsetzung.”
Solche Ideen lieferte man beispielsweise heuer zum umfassenden Markenrelaunch der AMA, der Agrarmarkt Austria, wo man einen „intensiven strategischen Prozess” mit dem Kunden durchlaufen habe.
Hier geht es – nicht nur in der werblichen Ausrichtung – um volle Transparenz in der Lebensmittelqualität. Ein breites Informationsangebot durchleuchtet den gesamten Entstehungsprozess von Lebensmitteln und erläutert, welche Parameter für Qualität wichtig sind.
„Unsere Arbeit läutet hier auch den Beginn eines intensiven Dialogs zwischen der AMA und ihren Stakeholdern ein, so intensiv und damit auch transparent wie nie zuvor”, schildert Markus Mazuran die neue Herangehensweise.

Offenheit als Leitmotiv

Diese offene Form der Marktkommunikation sehen die Agenturchefs als generellen Trend: „In einer Welt, wo die technische Möglichkeit gegeben ist, jeden Informationsinhalt sofort abzugleichen und gegenzuchecken, wird es auf Dauer auch keine Marken mehr geben, die es sich leisten können, intransparent zu sein”, ist sich Eduard Böhler sicher und ergänzt: „Das heißt auch: die klassische Werbelüge hat schon lange ausgedient.” Das komme der Agentur sehr entgegen, so die Verantwortlichen, weil man immer schon einen sehr kritischen Zugang zur Marktkommunikation gepflegt habe: „Die Frage muss immer lauten: Wie schaffen wir es, von den relevanten Zielgruppen authentisch wahrgenommen zu werden? Das ist auch eine viel schönere Aufgabe, als sich zu überlegen, wie man es schafft, diese trickreich zu überlisten.”

So sei Werbung viel interessanter als vor 20 Jahren, aber auch anspruchsvoller. „Es ist eine riesige Herausforderung, mit diesen vielen neuen Kanälen und der neuen Mündigkeit der Konsumenten umzugehen, hier muss man viel sensibler und präziser in der Konzeption sein. Und das wirkt sich auch auf das Karma der Agentur positiv aus”, so Böhler mit Augenzwinkern.
Gebe es manchmal auch Kunden, die diesen Weg nicht mittragen wollen? Markus Mazuran wird hier deutlich: „Wenn wir das Gefühl haben, ein Kunde teilt unsere Werthaltungen nicht, verzichten wir lieber auf den Auftrag. Das bringt im Endeffekt auch keinem etwas.”

Markenintelligenz zeigen

„Wir wollen Qualität mit Relevanz produzieren”, führen die Geschäftsführer weiter aus. Am Beispiel Opel, wo man mit der Taubenaktion Platin beim Effie holte, sah das so aus: Die Kreativen lancierten das Gerücht, dass Opel Tauben so trainiert, dass sie gezielt auf VWs ihre Notdurft verrichten, und Opel diese „Kampftauben” zum GTI-Treffen am Wörthersee schickt.

Während man sich am Wörthersee schon mit Abdeckplanen auf den Feind aus der Luft einrichtete, kam schlussendlich alles anders: Opel und Wien Nord setzten ein ­Signal des Friedens und der Versöhnung mit der Wolfsburger Tuning-Szene – und ließen am Ende statt der Kampftauben weiße Friedenstauben aufsteigen.
„Die Aktion scheint verrückt, hat aber einen soliden strategischen Hintergrund; hinterfragt sie doch die Eigendynamik und Militanz von Online-Communities. Für diese Form der Markenintelligenz gab es dann eben auch das Go von oberster Stelle in Rüsselsheim.” Video dazu unter:
http://tinyurl.com/opeltaube

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