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„Journalisten sind längst keine Gatekeeper mehr” © Panthermedia.net/Everett225
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Dinko Fejzuli 26.05.2017

„Journalisten sind längst keine Gatekeeper mehr”

Experten-Diskussion: In Zeiten der Digitalisierung, von Facebook, Google und Fake News sind traditionelle Journalisten eher in der Funktion der Kuratoren.

••• Von Dinko Fejzuli

Das Beratungsunternehmen Kraftkinz lud am 18. Mai zur ROC Diskussionsplattform #47 auf der Suche nach Antworten auf brennende Fragen rund um die Medienlandschaft der Zukunft in Zeiten der Digitalisierung.

Denn Fakt ist: Klassische Tageszeitungen und Magazine sowie Fernsehen und Radio und Journalistinnen und Journalisten selbst sind durch die Macht von Social Media-Plattformen in ihrer Existenz bedroht.
Neben den Impulsgebern Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter, ProSiebenSat.1 Puls 4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, Journalistin und Redaktionsmanagerin Eva Weissenberger sowie Vangardist Media-Geschäftsführer Julian Wiehl diskutierten Unternehmensvertreter von ÖBB, A1 Telekom, IBM, Raiffeisen, Leykam, Fujitsu u.a. über innovative ­Lösungsansätze, damit Medien in der Welt von morgen überhaupt noch relevant sind.

Journalisten und ihre Rolle

Birgit Kraft-Kinz gab als Gastgeberin und Moderatorin des Abends den Anstoß zur Diskussion und wollte von Eva Weissenberger wissen, wie sich die Rolle der Journalisten bzw. Medien mit der Digitalisierung verändert hat. Für diese ist klar, dass Journalisten keine Gatekeeper mehr sind, sondern etwa bei gut laufenden Tageszeitungen eher Kuratoren. Sie können über die Qualität entscheiden, selten haben sie aber thematisch freie Hand. Mit „normalen” Medien ließe sich kein Geld mehr verdienen. Alte Medienhäuser sollten nach dem „Grüne Wiese”-Prinzip arbeiten, müssen umdenken und die Digitalisierung als Chance nutzen, so Weissenberger.

Für Julian Wiehl funktioniert das Business im Internet mit Nischenmedien, wie sein Vangardist-Magazin beweise. Dennoch hätten viele Medien das Vertrauen verspielt, da sie zu politisch gesteuert seien. „Marken und Blogger sind die neuen Medienbotschafter, umgekehrt werden Medienunternehmer markenabhängig”, so Wiehl.
Fernsehmacher Markus Breitenecker formulierte es provokanter: für ihn sind klassische Medien keine Gatekeeper mehr, weil sie beschlossen hätten, ­ihren gesamten Inhalt an Facebook und Google zu verschenken.
Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter wiederum ist überzeugt, dass qualitätsvolle Medien wie Tageszeitungen sehr wohl noch ernst genommen werden. Der Kurier habe trotz Preiserhöhung wenige Abonnenten verloren; schwierig sei es nur, neue junge Leser und Abonnenten anzulocken.
Der hitzigste Diskussionspunkt waren Facebook und Google sowie die damit verbundenen Fake News und der Wahrheitsanspruch von Medien.
Klar bezog Markus Breitenecker Position. Für ihn ist das größte Problem lokaler Medienmacher, dass die Internet­giganten Facebook und Google den Markt vereinnahmen. „Sie geben sich als Plattform aus, sind aber börsenotierte Unternehmen und erfüllen alle Kriterien eines Medienunternehmens. Sie ranken Artikeln nach einem Algorithmus und nutzen User als Gratis-Journalisten aus. Sogar bezahlte Journalisten sind davon gesteuert”, so Breitenecker.
Für Helmut Brandstätter ist Facebook gleich Fake News. Als echtes Medium versuche man hingegen immer die Wahrheit zu schreiben. Doch auch Journalisten werden angelogen, wie man am Beispiel der Silvesternacht in Köln gesehen habe.
Beim Thema Fake News ortet Julian Wiehl zudem einen Generationenkonflikt. „Junge Menschen glauben Social Media fast ungefiltert, siehe US-Wahlen mit Trump-Sieg”, so der Vangardist-Gründer.

Gesetz gegen Fake News?

Strafrechtlich drastischer würden Eva Weissenberger sowie Markus Breitenecker durchgreifen: Es sollte verboten werden, Fake News zu veröffentlichen. Hier brauche es dringend andere Gesetze. Denn als Medium unterliegt man dem Medienrecht – Facebook aber nicht. Deshalb dürften dort leider öffentlich diskreditiert und Lügen verbreitet werden.

Conclusio und Key-Aussagen der Diskussionsrunde waren: Soll man wirklich weiterhin Gratis-Inhalte liefern? Zudem müssen alte Medienhäuser neue Geschäftsmodelle entwickeln und die Digitalisierung als Chance nutzen, um den Spagat Print und Web zu schaffen. Es sollten auch gleiche Rahmenbedingungen und Rechte für alle gelten, d.h., es müssen neue Gesetze beschlossen werden, damit Social Media-Plattformen als Medien­unternehmen gesehen werden.

Zahlreiche Diskutanten

Es diskutierten: Helmut Brandstätter (Chefredakteur Kurier, Fernsehmachern und Journalist), Markus Breitenecker (Geschäftsführer ProSiebenSat.1 Puls 4), Eva Weissenberger (Journalistin und Redaktionsmanagerin), Julian Wiehl (Geschäftsführer Vangardist Media), Gastgeberin Birgit Kraft-Kinz sowie Cornelia Auer (Vero Management AG), Mirjana Covic (ÖBB Infrastruktur), Wolfgang Eberhardt (Nespresso Österreich), Martin Graf (Energie Steiermark), Georg Grassl (Henkel Central Eastern Europe), Verena Gruber (Europäisches Forum Alpbach), Marco Harfmann (A1 Telekom Austria), Marion Koidl (IBM), Sebastian Krause (Journalist), Johanna Lesjak (Fujitsu), Walter Mösenbacher (Raiffeisen e-force), Stephan Neisser (Corporate Advisor & Investor Relations), Daniela Nowotny (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft), David R. Prasser (StartUs), Josef Scheidl (Leykam Let’s Print), ­Silvia Schöpf (eww).

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