MARKETING & MEDIA
Mitlesefaktor, anders definiert
sabine bretschneider 26.05.2017

Mitlesefaktor, anders definiert

Tagtäglich wartet die Digitalisierung mit Überraschungen auf. Heute: „Bestseller”.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

GEHÖRT GELESEN. Mit einer lustigen Idee ist Amazon jetzt in den USA gestartet: „Amazon Charts” listet jetzt nämlich nicht mehr nur die meistverkauften Titel auf, sondern auch die meistgelesenen. Wie das möglich ist? Nun, zumindest in einer geschickten Annäherung an die Fakten: Für die „most read” werden nämlich die tatsächlichen Lese- und Hörvorgänge der Amazon-Kunden ausgewertet – also, zusätzlich zu den Verkäufen „analoger” Bücher, sämtliche Kindle- und Hörbuch-Aktivitäten. Dass Amazon „mitliest”, ist jenen Nutzern ohnehin schon aufgefallen, die nicht geschickt genug waren, diverse Zusatzfunktionen von Vornherein abzudrehen.

Ein weiteres Angebot, das Amazon seinen Lesern demnächst macht, ist etwa die Zusatzinfo „Geschwindigkeit, in der ein Buch gelesen wurde”. Dies interpretiert man mit dem Attribut „unputdownable” („Kann man gar nicht mehr aus der Hand legen, bevor man fertig ist”), wobei Feinheiten wie die Tatsache, dass Harry Potter flotter durchgeackert ist als beispielsweise der neue Sloterdijk, noch keine Rolle spielen. Dazu kommen Leser-Bewertungen, regionale Vorlieben – und natürlich der Verweis auf den digitalen Einkaufskorb. Rein spekulativ ergäben sich daraus noch ganz andere spannende Rankings: Etwa jene Bücher, die alle gekauft haben, aber keiner je fertig gelesen hat. Möglich ist das übrigens jetzt schon. „Popular Highlights” etwa heißen bei Amazon die fünf beliebtesten Passagen, die von anderen Lesern (in E-Books) markiert wurden.
Ein US-Mathematiker hat sich kürzlich genau diese Highlights in populären Bestsellern angesehen. Seine Hypothese: Wurde ein Buch ganz gelesen, müssten sich die Highlights über das ganze Buch verteilen. Gibt es nur am Anfang Markierungen, deutet das auf einen eher disruptiven Lesegenuss. Ergebnis: Den schlechtesten Lesewert hatte ein Superstar der vergangenen Jahre: Thomas Piketty, „Das Kapital im 21. Jahrhundert”, 1.000 Seiten. Hätten Sie’s erraten? Lesen Sie dazu auch unseren dieswöchigen Schwerpunkt „Digital Retail” ab Seite 59.

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