MARKETING & MEDIA
Nieder mit dem Konformitätsdruck © APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz
© APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz

Redaktion 18.11.2016

Nieder mit dem Konformitätsdruck

Bestseller-Autor Marc Elsberg war Gast beim VIP-Event der Networking-Reihe „Digital Business Trends” von APA & styria digital one.

Datenkraken können unser Verhalten manipulieren, Entscheidungen werden immer häufiger aufgrund von Algorithmen getroffen, und die zunehmende Überwachung wird bald auch negative Auswirkungen auf ­Unternehmen haben.

Davon gab sich der Wiener Bestseller-Autor Marc Elsberg im Rahmen eines VIP-Events der Networking-Reihe „Digital Business Trends” von APA – Austria Presse Agentur und styria digital one (sd one) gestern, Donnerstagabend, in Wien überzeugt.
Besonders strich er die Bedeutung der Privatsphäre hervor. Es stimme einfach nicht, dass sie ohnehin nicht so wichtig sei, wenn man nichts zu verheim­lichen habe.
„Bei der Privatsphäre geht es nicht darum, kriminelle Machenschaften zu verbergen. Es ist die Sphäre, in der das Individuum entsteht. Und ohne die kommt es zu einem Konformitätsdruck”, so der durch die Wissenschaftsthriller „Zero. Sie wissen, was du tust” und „Blackout. Morgen ist es zu spät” bekannte Autor.

Gegen Konformitätsdruck

Dieser Druck nehme mit dem Ausmaß der Überwachung zu. Wenn in einer Kindergartengruppe in drei Büchern der abgebildete Luftballon blau, in einem vierten Buch rot sei, werde das vierte Kind, das den roten Ballon gesehen habe, sehr wahrscheinlich lügen, und sagen, dass er blau gewesen sei, weil es von Pädagogin und Gruppe beobachtet wird.

„Wenn wir in einer offenen Gesellschaft leben wollen, in der Vielfalt wichtig ist, darf man diesen Konformitätsdruck nicht zulassen. Mich wundert, dass die Wirtschaft da nicht aufschreit. Innovation und Kreativität sind schließlich für Unternehmen wichtig”, erklärte Elsberg. Diese Kompetenzen könnten den Mitarbeitern von morgen fehlen.
Problematisch sei auch, dass man an der Nutzung bestimmter Dienste und Anwendungen praktisch nicht vorbeikomme, wenn man an der modernen Welt teilnehmen wolle. Zwar könnten einzelne Maßnahmen getroffen werden, wie die Verschlüsselung von E-Mails oder ein regelmäßiger Browser-Wechsel. Das seien aber eher symbolische Schritte als ein wirksamer Schutz. Die Datenspur, die man hinterlasse, werde inzwischen auch ständig bewertet – nach Kaufkraft, Auto, Wohngegend oder Kreditwürdigkeit. Dieser Entwicklung könne man sich kaum mehr entziehen. „Du kannst nur ein Rating haben, das schlechter ist als ‚miserabel’ – und das ist gar keines zu haben.”

Datenkraken Google & Co

Viel diskutierte Ansätze, das Recht über die kommerzielle Verwertung seiner Daten selbst zu haben, seien grundsätzlich nicht schlecht, „letztendlich ist das aber auch nur ein Geschäftsmodell”, sagte Elsberg.

Wenn man Jugendlichen anbieten würde, dass sie 150 € im Monat für ihre Daten kassieren könnten, würden wahrscheinlich viele einwilligen. „Das heißt, die klassischen Belohnungs­systeme der Marktwirtschaft greifen auch da.” Aber wem sei schon bewusst, was das bedeute? „Das geht an den Kern unserer Persönlichkeit”, so der Experte.
Datenkraken wie Google oder Facebook könnten mittlerweile auch die Emotionen und (Wahl-)Entscheidungen der User manipulieren, ohne dass das auffallen würde. „Das schafften Medien früher auch. Die Menschen haben hier aber gelernt zu erkennen, wo die Information herkommt beziehungsweise welche Agenda dahintersteckt.” Bei Social Media sei das praktisch unmöglich zu durchschauen. So könnte die motivierende Meldung „Ich habe gewählt. Du auch schon?” nur bei Leuten angezeigt werden, die voraussichtlich „Kandidat X” wählen.

Blutzuckerspiegel

Was die Vorhersagekraft von ­Datenauswertungen betrifft, gebe es unterschiedliche Einschätzungen. „In den USA wollte man herausfinden, wie wahrscheinlich ein Rückfall von Kriminellen ist, um die Arbeit der Bewährungshelfer zu erleichtern. Per Datenanalyse wurde man dann in Gruppen eingeteilt”, gab Elsberg ein Beispiel.

Wem zugeschrieben worden sei, ohnehin zu 90% wieder rückfällig zu werden, der habe Pech gehabt. Den zehn Prozent, die sich wieder integriert hätten, werde hier eine Chance genommen.
Eine andere Auswertung habe gezeigt, dass man nach dem Frühstück oder Mittagessen der Bewährungshelfer viel größere Chancen auf eine positive Beurteilung habe. „Ist es gerechter, wenn der Blutzuckerspiegel entscheidet? Oder nur anders?”, so Elsberg. (fej/red)

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL

Ihr Kommentar zum Thema