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Onlinewelt: „Die Ziellinie verläuft nie gerade” © Marko Kovic/DMX Austria
© Marko Kovic/DMX Austria

Gianna schöneich 03.06.2016

Onlinewelt: „Die Ziellinie verläuft nie gerade”

Claude Ritter, Co-Gründer des Start-ups Book A Tiger, sprach auf der DMX Austria. Der Keynote-Speaker im Interview mit medianet.

••• Von Gianna Schöneich

WIEN. 2014 geht die Website „Book A Tiger” online. Der Hintergrund der Seite: Tigerfell. „Die Seite sah furchtbar aus, und es gab nicht die Möglichkeit, online zu bezahlen. ­Also keinerlei Vorteile gegenüber der alten Welt”, so Claude Ritter über den Beginn des Unternehmens Book A Tiger, eine Softwareplattform, die Kunden und Reinigungskräfte zusammenbringt. Trotz fehlender Vorteile ging die Idee von Ritter und seinem Co-Gründer Nikita Fahrenholz auf. „Weil die Menschen erwarten, dass sie auf Google ‚Putzkraft Berlin' suchen und buchen können.” Heute deckt das Unternehmen die D-A-CH-­Region und die Niederlande ab und beschäftigt mittlerweile mehrere Hundert Personen. Von 1. bis 2. Juni fand in Wien die DMX Austria, die Fachmesse für Digital Marketing und E-Business, statt. Im Interview mit medianet sprach Keynote-Speaker Ritter über alte wie neue Welten und das Geheimnis des Tigerfells.

medianet:
In einem Interview ­haben Sie einmal gesagt, Sie hätten Ihre eCommerce-Unternehmen gegründet aus dem Bedürfnis heraus, etwas besser zu machen. Was macht Book A Tiger besser?
Claude Ritter: Viele Menschen, die eine Reinigungskraft beschäftigen, tun dies schwarz. Die Männer und Frauen sind also beispielsweise nicht versichert. Book A Tiger bietet somit eine Alternative zum Schwarzmarkt. Wenn man uns mit anderen Reinigungsfirmen vergleicht, so ist der Umgang mit anderen Unternehmen dieser Art oft mühsam. Man muss zum Beispiel telefonieren, dann kommt es zum Auftrag, man wartet eine Woche und dann erfolgt die Ausführung. Man startet also nicht die App und los geht es. Wir bieten eine moderne Art des Service und des Buchens.

medianet:
Im Februar wurde das Geschäftsmodell von Book A Tiger ‚radikal geändert', wie es in einer Aussendung hieß. Was kann man sich darunter vorstellen?
Ritter: Im Februar haben wir unsere Reinigungskräfte fix angestellt. Zuvor hatte das Unternehmen 60 Angestellte, jetzt sind es mehrere Hundert. Allerdings haben viele Reinigungsfirmen fest angestellte Mitarbeiter. Das ist keine wahnsinnige Neuigkeit. Was neu ist, ist, dass ein Anbieter wie wir, der aus einer Marktplatz-Sharing-Community kommt, Menschen anstellt. Das ist für uns ein großer Schritt gewesen. Außerdem reinigen wir jetzt auch die Räume kleinerer und mittlerer Unternehmen. Für große Reinigungsfirmen lohnt es sich meist nicht, ein Büro mit 600 m² zu reinigen. Diese Kombination, die Reinigung von Privathaushalten und der B2B-Bereich für KMUs, ist optimal.

medianet:
Im letzten Jahr musste die Putzvermittlung Helpling 20 Prozent ihrer Belegschaft entlassen und sich aus vier von 14 Ländern zurückziehen. Ist es da eine gute Idee von Book A Tiger, Mitarbeiter fix anzustellen?
Ritter: (lacht) Ich glaube generell, dass es gut ist, Menschen einzustellen. Helpling ist schnell in vielen Ländern gestartet, und wo das Geschäftsmodell nicht aufging, musste man Büros wieder schließen. Ich glaube das ist das Resultat von ‚zu schnell zu vieles'.

medianet: Welchen Vorteil haben die Fixanstellungen für Book A ­Tiger?
Ritter: Wir können die Mitarbeiter ausbilden. Wir haben ein Programm ‚Tiger Academy'; dieses beinhaltet ein Offline Trainingsprogramm, in dem gelernt wird, wie Dinge geputzt werden. Das Online-Programm besteht aus Videos und Onlinetests. Außerdem dürfen wir als Arbeitgeber unseren Mitarbeitern Arbeitsanweisungen geben, wie beispielsweise bestimmte Arbeitskleidung zu tragen. Das kann man bei einem Selbstständigen nicht. Generell geht es um das ­gesamte Serviceerlebnis und die Qualität, die dadurch besser gewährleistet werden kann.

medianet:
Welche Marketing-Aktivitäten gibt es im Unternehmen?
Ritter: Alles. Wir haben einen ganzen Blumenstrauß von Marketing-Aktivitäten, die natürlich länderabhängig sind. In der Schweiz setzen wir momentan stark auf TV-Werbung. Viel machen wir auch im Print, allerdings immer begleitend zu Radio- oder TV-Kampagnen. Online setzen wir unter anderem auf Suchmaschinenmarketing oder Facebook. Unser Service ist etwas erklärungsbedürftig und wir sind etwas teurer, das muss man den Menschen näherbringen, weshalb wir auch Lead Marketing nutzen. In Mobile Marketing müssen wir noch mehr investieren.

medianet:
Wie ist die Werbeaktivität verteilt?
Ritter: Rund 80 Prozent unserer Werbeaktivität werden in Deutschland online umgesetzt, 20 Prozent offline. Wir setzen grundsätzlich verstärkt auf Online-Maßnahmen.

medianet:
Book A Tiger hat mittlerweile auch ein eigenes Reinigungsmittel ‚Tiger Clean'. Ebenfalls eine Marketingmaßnahme?
Ritter: Bisher gibt es das Mittel noch nicht für den Privatgebrauch. Wir wollen ein One-Stop-Shop sein. In Zukunft soll man über uns auch Handwerker oder Gärtner buchen können. Die Idee ist: Wenn es um den Haushalt geht, wendet man sich an Book A Tiger. Deswegen bringen wir auch unser eigenes Reinigungsmittel mit, damit sich unsere Kunden um die Bereitstellung nicht mehr kümmern müssen.

medianet:
Sie werden heute auf der DMX Austria einen Vortrag halten. Was dürfen sich die Besucher der Messe erwarten?
Ritter: Ich glaube daran, dass Firmen erfolgreich sein können. Aber vor allem, indem kleine Schritte gemacht werden – diese Botschaft möchte ich heute vermitteln.

Kauft man eine Software, macht man einen großen Schritt, man investiert viel Geld. Es kann aber beispielsweise passieren, dass sich das Geschäft ändert und dann passt die gekaufte Software nicht mehr. Man sollte flexibel bleiben, wenn man etwas Neues macht. Oft hilft es, erst nur die Minimalversion einer Software zu bauen, man verkauft, sieht, ob die Kunden das annehmen, und dann schaut man weiter.
Die Linie zum Ziel verläuft in der Onlinewelt niemals gerade. Das ist Fakt. Deswegen muss man mit Partnern und Tools arbeiten, die diese Denke unterstützen. Man kann sich nach und nach verbessern. Man muss nicht im ersten Wurf die perfekte Software haben.


medianet:
Heute, zwei Jahre nach dem Launch von Book A Tiger, sieht man im Hintergrund der Website kein Tigerfell mehr. Was hatte es damit auf sich?
Ritter: Das Tigerfell wurde ganz bewusst gewählt. Wir haben uns gesagt, wenn bei dieser hässlichen Seite jemand eine Reinigungskraft bucht und das ohne erkenntliche Vorteile, dann ist das ein gutes Zeichen dafür, dass es ein potenzielles Interesse für diese Dienstleistung gibt. Reinigungsunternehmen sind oft schon seit 20, 30 Jahren im Geschäft. Die Digitalisierung ist in dieser Branche noch nicht angekommen. Wer einmal auf einer Messe für diese Firmen war, erkennt, warum hier eine große Chance bestand und besteht.

Weitere Informationen:
www.bookatiger.com
www.dmx-austria.at

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