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Sag, wie hast du’s mit den Dingen?
sabine bretschneider 05.05.2017

Sag, wie hast du’s mit den Dingen?

Seit die Welt tatsächlich damit beginnt, alles zu sein, was der Fall ist, verliert sie an Tiefenschärfe.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

ALLES RELATIV. Ein Dankeschön an Phoenix für die Live-Übertragung der Diskussion der Präsidentschaftskandidaten der Grande Nation: Äußerst spannend zu beobachten waren etwa die Parallelen in der Gesprächsführung der Rechten allüberall: Wo Trump den „Vergessenen” in den verwüsteten Industrieregionen die helfende Hand reichen will, setzt Le Pen auf Pensionisten und chronisch Kranke; hier wie dort werden reiche Füllhörner skizziert – wie der Segen finanziert werden soll, bleibt meist offen … Wer sich mit Hintergrundrecherche, Zahlen, Daten, Fakten und stichhaltigen Argumenten aufhält, ist selbst schuld. Der Tonfall in den Dialogen selbst jener, die sich für die höchsten Ämter im Staat qualifizieren wollen, wird zusehends härter, die Pose aggressiver, die Wortwahl brutaler. Der Mitbewerber wird weniger mit feiner Klinge denn mit stumpfem Degen attackiert. Der Wutbürger soll in lauten Momenten rhetorischen Triumphs stellvertretend Befriedigung erfahren.

Pariser Medien zählten in der Debatte 19 verdrehte Tatsachen. Lügen. Aber auch der Fake in den News ist nicht mehr der Skandal, der er einmal gewesen ist. Der neue Trolltrend ist, ­alternative Fakten mit einem „anderen Blickwinkel” zu erklären.
Ein Diskussionshöhepunkt neulich im Forum einer seriösen heimischen Tageszeitung: Die Fragestellung lautete „Ist manches tatsächlich schlicht eine Tatsache und eben nicht eine Frage von Einstellung und Perspektive?” Das gewählte Beispiel dafür war der Satz: „Die Welt ist eine Kugel und keine Scheibe.” Stimmt nicht, wurde dem prompt entgegnet. Denn: Erstens reiche es für das tagtägliche Tun und Erleben vollkommen aus, wenn man mit der Hypothese arbeite, dass die Erde so flach ist, wie sie sich meist darstellt. Und, zweitens, sei doch auch die vorgebliche Kugelform von kaum jemandem je aus persönlichem Erleben – und aus dem Weltraum – verifiziert worden. Plus: Kugel sei sie ohnehin keine, sondern eine Art Geoid. ­Angeblich. Heitere Gemüter könnten in nächster Zeit noch viel Spaß haben.

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