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„Was an Sixx Austria ist bitte österreichisch?” © ATV/Ernst Kainerstorfer
© ATV/Ernst Kainerstorfer

Dinko Fejzuli 14.10.2016

„Was an Sixx Austria ist bitte österreichisch?”

ATV: Martin Gastingers Rundumschlag gegen den VÖP und die ­Politik, die zu wenig auf Österreichs Private schaue.

••• Von Dinko Fejzuli

Diese Woche präsentierte ATV sein Programm für die kommende TV-Saison. Zuletzt stand man nach eher kritischen Äußerungen des Eigentümers Herbert Kloiber selbst im Fokus der ­Berichterstattung. medianet bat den ATV-Geschäftsführer zum großen Interview über ver­meintliche Verkaufsabsichten des Eigentümers, die Konkurrenz und die heimische Medienbranche.

medianet:
Herr Gastinger, Ihr Eigentümer Herbert Kloiber sorgte zuletzt mit einem Interview für Negativschlagzeilen, wo er über den Verkauf des Senders sprach. Wird ATV nun verkauft?
Martin Gastinger: Seit ich bei ATV bin, wird jedes Jahr darüber gerätselt, ob der Sender verkauft wird oder nicht. Ich halte es ja für durchaus positiv, wenn es Interessenten gibt. Umgekehrt wäre es schlimmer.

medianet:
Das Verkaufsthema fiel hier aber in einen negativen Zusammenhang …
Gastinger: Dazu kann ich nur sagen, dass es seit dem Interview von Herrn Kloiber einige Interessenten gibt.

medianet:
Gut. Dann sagen Sie uns: Wie geht es ATV?
Gastinger: Es geht uns sehr gut, all unsere Formate haben einen guten Start hingelegt und so sind wir toll in den Herbst gestartet. In den wichtigen Zeitzonen, wie Vorabend samt später Primetime (17:00–23:00) und der Primetime (20:15–22:00) sind wir vor allen anderen österreichischen Privatsendern und lassen auch große deutsche Sender hinter uns. Alles andere ist uninteressant, weil genau diese Zeitzonen ja auch für unsere werbetreibenden Kunden wichtig sind.

medianet:
Die Kollegen der ProSieben-Gruppe werden das anders sehen.
Gastinger: Niemand interessiert es, wenn man um 7 Uhr früh die Nummer eins ist. Es geht darum, die richtigen Zielgruppen in den richtigen Zeitzonen zu haben. Auch die ‚Bundesland-Heute'-Sendungen sind erfolgreich, das Durchschnittsalter der Seher liegt aber bei etwa 70 Jahren. Nicht immer zählt nur die Reichweite. Die höchste haben wir aber mit unserem unmoderierten Präsidentschaftsduell eingefahren. Das war die erfolgreichste Eigenproduktion im österreichischen Privat-TV aller Zeiten. Hier haben wir wieder mal gezeigt, wie innovativ wir sind und, dass man mit Nachrichten Relevanz erzeugt.

medianet:
Werden Sie zur Wahlwiederholung das Format wiederholen?
Gastinger: Nein, dieses Mal stellen wir den Diskutanten einen Kindergarten-Cop zur Seite. Martin Thür startet aktuell wieder mit seiner Sendung ‚Klartext' durch und wird auch erstmals ein Wahl-Duell führen. Meinrad Knapp und Sylvia Saringer sind auch dabei und für Analyse­runden zuständig.

medianet: Bleiben wir bei den Innovationen. Mit ATVsmart haben Sie quasi ein Netflix mit österreichischen Inhalten präsentiert
Gastinger: ATVsmart ist eine kostenlose On-demand-Plattform, mit der man jederzeit und überall unser ATV-Programm abrufen kann. Das Beste, was ATV von Beginn an jemals produziert hat, plus alles, was künftig kommt. ATVsmart ist via Satellit, Kabel und Antenne zu empfangen – entweder über einen eigenen Programmplatz oder den Red Button, während man ATV HD oder ATV2 sieht. Weiters natürlich über alle mobile Devices im Browser unter ATVsmart.tv. Mit dem mobilen Angebot wird man sogar eine Sendung, die man in der U-Bahn zu schauen begonnen hat, zu Hause nahtlos am großen Bildschirm zu Ende sehen können. Wir überlegen auch, dort Sendungen als Preview zu zeigen.

medianet:
Für User ist es kostenlos. Woher kommt das Geld?
Gastinger: Aus der Werbung. Selbstverständlich kann die werbetreibende Wirtschaft hier viele kreative und aufmerksamkeitsstarke Angebote nutzen. Das Portal startet am 27. Oktober, doch unsere Verkäufer ­buchen schon ein.

medianet:
Bleiben wir beim Thema Geld. Wie geht es ATV wirtschaftlich? Die letzte öffentliche Äußerung Ihres Eigentümers Herbert Kloiber klang da wenig positiv ...
Gastinger: Herbert Kloiber ist einfach der Kragen geplatzt. Er ist Einzelunternehmer, der sehr viel Geld in die Hand nimmt und mit viel Leidenschaft für Privat-TV in, aus und für Österreich diesen Sender betreibt. Ständig hört er warme Worte, wie wichtig doch Privat-TV sei. Gleichzeitig diskutieren die Politiker aber ausschließlich darüber, wie man dem öffentlich-rechtlichen Sender noch mehr Geld zuschieben kann, da sie ein Interesse an einem politisch beeinflussbaren ORF haben.

medianet:
Es ist aber unbestritten, dass es einen starken öffentlich-rechtlichen Sender in Österreich braucht.
Gastinger: Das bestreite auch ich nicht, aber die Menschen da draußen wollen ein echtes duales System mit unabhängigen Nachrichten und auch sonst unabhängigem Programm. Das wird aber in keinster Weise unterstützt. ATV und ServusTV schaffen in Österreich Arbeitsplätze – nicht nur für jene Menschen, die direkt bei den Sendern arbeiten, sondern auch bei Produktionsfirmen und so weiter. Da sind noch Tausende nachgelagerte Arbeitsplätze in der Fernseh-Wirtschaft, die da dranhängen. Doch es wird nie darüber gesprochen, wie man privaten TV-Machern helfen könnte. Und das stört Herbert Kloiber zu Recht.

medianet: Neben Ihnen und ServusTV gibt es da noch die ProSieben-Gruppe mit zum Beispiel Puls 4 …
Gastinger: … Das ist ein gutes Thema, schauen wir uns gleich mal die Zahlen an. Insgesamt gehen 60% der österreichischen Werbespendings nach Deutschland. Die IP etwa produziert null Programm in Österreich, zieht aber gleichzeitig 20% der Werbe­gelder nach Deutschland ab. Die SevenOne-Gruppe zieht ca. 40% der Gelder vom heimischen Markt. Bis auf 6%, die Puls 4 zuzurechnen sind, geht der ganze Rest nach Deutschland. Sechs von 40% – das ist doch keine ernstzunehmende Wertschöpfung. Und das Durchschalten von Nachrichten ist auch keine Wertschöpfung, es ist schon eher Hohn, dass Cafe Puls Förderungen bekommt, um es dann auf deutschen Kanälen zu spielen. Das ist ein Witz! Aber Markus Breitenecker macht es PR-technisch sehr geschickt, wenn er mit Google und Facebook als große Böse ablenkt und gleichzeitig mit der SevenOne genauso unterwegs ist und außerdem gleichzeitig noch Amazon vermarktet. Da wird Etikettenschwindel betrieben. Was ist eigentlich an Kabel Eins Austria oder Sixx Austria österreichisch? Da steht nur ‚Austria' drauf. Ich darf auch nicht auf ungarisches Fleisch einfach österreichisches Fleisch draufschreiben. Das Ganze ist aus meiner Sicht ein Thema für die Bundeswettbewerbsbehörde. Und es geht noch weiter – die deutschen Werbefenster unterstehen nicht den selben Regulierungen wie wir, müssen manches nicht zur Werbezeit rechnen und dürfen beispielsweise Spirituosen bewerben, wir nicht. Da muss dringend was gemacht werden.

medianet:
Zum Beispiel?
Gastinger: Zum Beispiel, dass für Einnahmen aus den Werbefenstern vom Mitbewerb eine Abgabe eingefordert wird. Und diese Abgabe soll wiederum auf heimische Medien verteilt werden.

medianet: Nicht nur TV?
Gastinger: Nein, auf alle österreichischen Medien, die Programm machen, Journalisten beschäftigen, Journalisten ausbilden, Aufträge an die heimische Medienwirtschaft vergeben. Diesen sollte die Mittel der Abgabe zukommen.

medianet:
Von wie viel Geld sprechen wir hier?
Gastinger: Geht man davon aus, dass es um ca. eine Milliarde Euro geht – 600 Millionen Werbung bei Privatsendern plus je ca. 150 Millionen bei Google und Facebook –, wären 5% Abgabe kein schlechter Anfang. Die Politik muss dringend etwas unternehmen, das duale System ist in wirklicher Gefahr.

medianet:
Ihre Auflistung stimmt nicht ganz, denn die IP hat zum Beispiel mit der Kronen Zeitung einen österreichischen Hälfte-Eigentümer und die 600 Millionen sind brutto …
Gastinger: Was nichts daran ändert, dass die IP an sich in Österreich nur ein Werbefenster ist und keine Wertschöpfung generiert, da keine Journalisten beschäftigt und keine Sendungen produziert werden. Die Eigentümerfrage ist ja generell nicht entscheidend, es zählt nur, ob hier in Österreich Wertschöpfung generiert wird. Ausländische Investoren sind herzlich willkommen, wenn sie hier Arbeitsplätze schaffen und für Wertschöpfung sorgen. Und brutto ist der Kuchen natürlich größer, die Brutto-Netto-Schere im TV besteht, bei Facebook und Google ist die definitiv kleiner.

medianet:
ATV selbst hat aber quasi auch einen Deutschen ­Eigentümer …
Gastinger: … das ist nicht wahr. Unser Eigentümer ist Österreicher und lebt in Österreich, hat in Deutschland die Tele München Gruppe …

medianet:
… bei der ATV, das ja auch dem selben Eigentümer gehört, Programm einkauft. Würde man das mit den Verlusten, die Sie machen, saldieren, wie viel Minus bliebe am Ende tatsächlich übrig?
Gastinger: ATV ist kein Hobby von Herrn Kloiber, so kann man die Rechnung nicht aufstellen.

medianet:
Wird es ATV nächstes Jahr noch geben?
Gastinger: Diese Frage kann ich mit einem deutlichen Ja beantworten. Hier wurde so viel aufgebaut, in die Marke investiert und Bekanntheit geschaffen. Wir belegen Programmlatz 3, haben eine Reichweite von 98%. Das gibt man nicht einfach auf. Das müsste ein anderer erst mit Millionen­aufwand zuwege bringen …

medianet:
Kommen wir zu einem neuen Mitbewerber. Seit Kurzem ist oe24.TV on air …
Gastinger: … das ist ein nett gemachtes Nischenprodukt, das aussieht wie ATV vor 15 Jahren, auch technisch. Es ist irgendwie eine Mischung aus Facebook und Okto und im Grunde die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung. Und dazwischen zahllose Werbe­blöcke ohne erkenntliche Trennung vom restlichen Programm. Im Übrigen begeht Wolfgang Fellner mit seinem oe24.TV einen Werbezeitenverstoß nach dem anderen, und der VÖP sagt hier nichts; dabei wäre es im Interesse aller, hier etwas zu tun. Auch im Interesse des ORF.  Ich kenne Wolfgang Fellner schon lange und mag ihn, aber auch er wird erkennen müssen, dass man Fernsehen nicht nebenbei machen kann. Ich begrüße seine Initiative und würde mich auch über mehr solche Angebote freuen.

medianet:
All Ihre Kritik an den anderen Privatsendern klingt nicht gerade nach einer Rückkehr in den VÖP ...
Gastinger: Der VÖP ist eine Witzveranstaltung deutscher Sender, die sich österreichisch nennen. Das einzig österreichische am VÖP sind die Radiosender.

medianet:
… da ist ganz schön viel Zorn auf die private Konkurrenz ...
Gastinger: Ja, weil es hier eine Dominanz gibt und scheinbar niemand hinterfragt, ob diese Übermacht im Markt zu einer Benachteiligung inländischer Sender führt. Ich höre ja auch, dass der eine oder andere Sender Angebote an die Werbewirtschaft bündelt und anbietet, beim Preis nachzulassen, wenn dafür kein anderer Privatsender gebucht wird.

medianet:
Niemand hindert Sie daran, auch eine Vermarktungsgemeinschaft mit ServusTV einzugehen.
Gastinger: Das ist eine Frage, die die beiden Eigentümer von ATV und ServusTV zu klären hätten.

medianet:
Bliebe dann nur mehr die Hoffnung in die Politik. Führen Sie hier Gespräche?
Gastinger: Selbstverständlich, und ich war überrascht, wie wenig bekannt die schwierige Situation der österreichischen Privatsender den Medienpolitikern ist. Aber wenn man nicht will, dass das duale System in Österreich stirbt, dann werden sich die Politiker dringend damit auseinandersetzen müssen.

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