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Wunschkonzert © ORF/Thomas Jantzen
© ORF/Thomas Jantzen

Dinko Fejzuli 29.09.2017

Wunschkonzert

Viel mehr als andere Hörer hat das Ö1-Publikum eine sehr persönliche Bindung zum Programm des Senders.

••• Von Dinko Fejzuli

Am 1. Oktober feiert Ö1 seinen 50sten Geburtstag. Senderchef Peter Klein spricht im Interview über den Status quo und seine Pläne und Wünsche für Ö1.


medianet:
Herr Klein, das Ö1-Publikum reagiert sehr empfindlich auf Veränderungen – wie bringt man als Programmverantwortlicher trotzdem gewisse Reformen durch?
Peter Klein: Ja, das stimmt. Das Ö1-Publikum mag Veränderungen nicht so. Es reagiert tatsächlich extrem empfindlich. Wir hatten ja schon bei der Schemaadaptierung am 1. Mai, wo ja nicht so wahnsinnig viel verändert wurde – 85% des Programms sind geblieben, wie es war –,  richtig wütende Reaktionen, wo Hörer zum Teil schreiben, dass sie ihren Alltag nach dem Ö1-Programm strukturieren Da könne man nicht einfach eine Sendung auf einen anderen Platz versetzen, denn damit greife man ja direkt in deren Alltag ein. Und wenn man das schon tue, dann möchte man als betroffener Hörer auch mitreden können. Trotzdem spielen wir nicht das selbe Programm wie im Jahr 1967, denn würden wir das Programm nicht nach und nach anpassen, glaube ich nicht,  dass unser Publikum aus dem Jahr 2017 wirklich eine Freude mit diesem hätte.

 

medianet: Wie bringt man solche Veränderungen trotz Protesten durch?
Klein: Indem man erklärt, weshalb man Dinge ändert und indem man danach auch auf Anfrage und Beschwerden per­sönlich reagiert – ich selbst habe schon Hunderte Mails beantwortet.

Unser engagiertes Publikum ist ja immer der Ansicht, dass die eigenen, persönliche Wünsche die Wünsche der Gesamtheit des Publikums sind, und dem ist natürlich nicht so, denn wir haben nicht ein Publikum, sondern 632.000 ‚Publika': Die Worthörer, die Musikhörer, innerhalb der Musikhörer die Klassikhörer, die Jazzhörer und innerhalb der Jazzszene kann man dann wieder nicht nur von einer Szene sprechen und so weiter.


medianet:
Und wie geht man als Senderchef damit um?
Klein: Wir sind es gewohnt, mit dem Konflikt zu leben, und ich glaube, wir haben unser Publikum auch ganz gut zur Toleranz „erzogen”. Man muss anerkennen, dass andere Menschen was anderes interessiert als mich, und in letzter Instanz jedes Radiogerät ein Knöpfchen hat, wo ‚Ein' und ‚Aus' steht, und da kann man draufdrücken.

medianet:
Und wie bringen Sie das junge Publikum dazu, bei Ö1 auf ‚Ein' zu drücken?
Klein: Das Ö1-Publikum ist im Schnitt 56 Jahre alt. Das nehmen wir sehr positiv, denn generell werden die Menschen immer älter und kulturell immer aktiver. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie wir an das jüngere Publikum kommen, und damit meine ich die 30- und die 35-Jährigen, denn Ö1 ist definitiv kein Jugendsender für 14-Jährige; an diesem Wettbewerb um die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen nehmen wir nicht teil.

medianet:
Trotzdem braucht auch Ö1 Hörernachwuchs.
Klein: Bei der Eroberung der jüngeren Hörerinnen und Hörer gibt es zwei Aufgaben. Das eine ist das Programm und wie sich dieses mit der Zeit verändert. Man darf nicht vergessen, Ö1 war mal ein reiner Klassiksender – mittlerweile gibt es bei uns Populärkultur, Jazz und viele andere Dinge. Wir stellen uns auch die Frage, was im 21sten Jahrhundert Klassik ist. Sind die Beatles und Leonard Cohen Klassik, oder hört diese im Jahr 1840 auf?

medianet:
Und das Zweite?
Klein: Zum anderen – und das ist der wahrscheinlich wichtigere Teil – ist die Frage, welche Ausspielwege wir benutzen, um unser Programm unseren Hörern zur Verfügung zu stellen.

Wir wissen ja, dass die junge Generation der 20- bis 30-Jährigen so etwas, Radio­apparate nicht verwenden, sondern andere Devices. Wir wissen auch, dass diese Zielgruppe nicht daran denkt, Radio linear zu konsumieren – die wollen zeitsouverän sein, und als Angebot haben wir im März unsere Website neu gestaltet und ab dem ersten Oktober gibt es eine neue Ö1-App, weil völlig klar ist, dass das, was für Ältere der Radioapparat ist, für die Jüngeren das Smartphone ist, und wir auch diese Ausspielwege bedienen müssen.


medianet:
Sie wollen sich also mehr den digitalen Möglichkeiten widmen?
Klein: Absolut, und dazu gehört vor allem, dass diese Sieben-­Tage-Beschränkung, innerhalb derer wir unseren Content online zur Verfügung stellen dürfen, aufgehoben wird.

Das Programm, das wir machen, wird über Gebühren finanziert. Diese werden von den Menschen bezahlt; das bedeutet, dass die Inhalte eigentlich in deren Besitz sind. Weshalb man unserem Publikum nach sieben Tagen ihren Besitz wieder wegnimmt, ist demokratiepolitisch schwer verständlich und eigentlich nicht zumutbar. Wir tun auch niemand anderem weh, wenn man die Sieben-Tage-Regel knackt – weil sehr viel, das wir machen, niemand sonst macht.

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