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„Zum Nachjustieren gibt es immer etwas” © RTR/Petra Spiola
© RTR/Petra Spiola

Dinko Fejzuli 07.07.2017

„Zum Nachjustieren gibt es immer etwas”

Nach 16 Jahren an der Spitze der RTR geht Alfred Grinschgl in den wohlverdienten Ruhestand. Ein Abschiedsinterview.

••• Von Dinko Fejzuli

Alfred Grinschgl gilt als einer der profundesten Kenner der heimischen Medienszene. In wenigen Wochen gibt er die Führung der RTR ab und geht in Pension.


medianet:
In Kürze gehen Sie in den Ruhestand. Damit waren sie 16 Jahre Geschäftsführer der RTR GmbH. Doch Sie sind darüber hinaus auch ein Pionier des österreichischen Privatradios. So waren Sie etwa Geschäftsführer des ersten österreichischen Privatradios, der Antenne Steiermark. Wie würden Sie heute, nach all den Jahren sowohl auf Privatradioseite, als auch bei der RTR die Lage am Radiomarkt beurteilen?
Alfred Grinschgl: Neben den seit vielen Jahrzehnten bestehenden Angeboten des ORF haben wir seit 1998 bzw. 1995 viele kommerzielle Privatradios, aber auch etliche nichtkommerzielle, freie Radios, die sich immer wünschen, sie sollten in besonderer Form im Gesetz hervorgehoben werden.

Es braucht nicht extra erwähnt zu werden, dass Privatradio in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern sehr spät on air gegangen ist; aber trotzdem haben sie es geschafft, diesen Vorsprung aufzuholen und deutlich an Reichweite und Marktanteilen dazuzugewinnen.
Inzwischen ist es so, wenn ich Ö3 als den stärksten Sender vom ORF nehme und dazu die Privatradiosender gegenüberstelle, dann sind diese zwei relativ gleichauf.


medianet:
Nur beim Werbe- oder auch beim Hörermarkt?
Grinschgl: Bei beiden. Ö3 bekommt Werbung über die ORF- Enterprise, die Privatradios über die RMS, aber viele machen ja auch ihr eigenes Geld in den verschiedenen Gebieten. Auch im Hörermarkt sind sie möglicherweise in ein paar Jahren auf gleicher Höhe.

medianet:
Trotzdem braucht es alle anderen Sender zusammen, um mit Ö3 gleichauf zu sein. Nur KroneHit, als einziges privates, bundesweites Radio, kratzt an der Hörer-Millionengrenze. Braucht es da nicht mehr bundesweite Privatsender?
Grinschgl: Ursprünglich gab es ja nur Regional- und Lokalradios. Alle diese regionalen Radios hatten zusammen ungefähr so viele Frequenzen wie Ö3. Und noch etwas fällt mir dazu ein: Ich war ja jahrelang Geschäftsführer der Antenne Steiermark und ich würde niemals auf die Antenne Steiermark als regionalen Anbieter verzichten wollen und sie in eine österreichweite Konstruktion einbringen. Auch Regionalradios können wirtschaftlich erfolgreich sein und hohe Hörerzahlen generieren. Und ich sage immer, wenn ich in Linz oder in Graz unterwegs bin, dann interessiert mich der Stau auf der Tangente in Wien nicht wirklich.

medianet:
Zurück zur RTR. Was sind denn da aus Ihrer Sicht die Highlights der vielen Jahre, die Sie hier in der Verantwortung gestanden haben?
Grinschgl: Ich denke, da muss ich vor allem über das Fernsehen reden. Hier haben wir bereits vor mehr als zehn Jahren mit dem Digitalisierungsfonds die Umstellung von analogem auf digitales Fernsehen unterstützt. Das waren damals zehn bis fünfzehn Millionen Euro. Das war sicherlich ein ganz wesentlicher Meilenstein.

medianet: Die Fördermaß­nahmen sind ja insgesamt eine wichtige Aufgabe der RTR ...
Grinschgl: Absolut. Mit dem Fernsehfonds Austria vergeben wir jedes Jahr 13,5 Millionen Euro an Fernsehproduktionsfirmen und geben ihnen damit die Möglichkeit, möglichst viele Rechte an den eigenen Produktionen behalten zu können – etwa für eine weitere Verwertung.

Mehr als 90% dieser von uns geförderten Filme laufen auf öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern wie ORF, ZDF, ARD, SWR, NDR, Arte, 3Sat, etc., teilweise auch auf Sat1 und ATV, also im Grunde kann es dann jeder Fernsehveranstalter ausstrahlen, was wir fördern.


medianet: Gäbe es manches ohne diese Unterstützung nicht?
Grinschgl: Das ist absolut so! In den letzten Jahren war es ja so, dass Dreharbeiten in Österreich massiv zugenommen haben, was wiederum mit den Coproduktionen etwa zwischen ZDF und ORF zu tun hat, denn es ist natürlich auch für das ZDF ein wesentlicher Faktor, ob sie für einen Film zwei Millionen Euro ausgeben müssen oder nur die Hälfte, denn wenn ein cofinanzierter Film zwei Millionen kostet, zahlt das ZDF etwa eine Million, ca. 400–500.000 kommen vom ORF, weitere 20 bis 25% kommen von uns, und dann kann es auch noch eine Regionalförderung aus Österreich geben.

medianet:
In wenigen Wochen übernimmt ein Nachfolger bzw. eine Nachfolgerin. Welche Themen warten dann?
Grinschgl: Es gibt immer ein paar Punkte, die man in den nächsten Monaten oder Jahren noch justieren muss. Zum Beispiel die Privatrundfunkförderung. Da haben wir uns nicht nur bemüht, die Förderungen gerecht zu verteilen, sondern auch sorgsam die Endberichte zu erledigen, wobei diese relativ lang dauern, und da haben wir jetzt den Vorschlag gemacht, die Auszahlungsmodalitäten der Förderungen anzupassen.

Derzeit gibt es ja für geförderte Projekte 50% der Gelder als Vorauszahlung und 50% nach dem Endbericht. In Hinkunft, so mein Vorschlag, soll es 50% zu Beginn geben, weitere 30%, wenn der Endbericht abgegeben wird, und die letzten 20%, wenn die Prüfung durchgeführt worden ist. Also die 30% um zumindest ein halbes Jahr früher.


medianet:
Bleiben wir beim Thema Förderung für die Privaten. Bei deren Einführung gab es Kritik, dies sei im Vergleich zu dem, was der ORF bekommt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein und werde nichts bringen. Wie beurteilen Sie das mit dem Kenntnisstand von heute?
Grinschgl: Also wenn ich jetzt bei den Radios bleibe, spielt die Förderung gerade für die kleineren eine erhebliche Rolle. Denn für einen Sender, der im Jahr vielleicht ein halbe Million Euro an Werbeeinnahmen lukriert, sind 150.000 Euro, die er von uns bekommt, sehr viel Geld. Radio Osttirol bekommt zum Beispiel 25% ihrer jährlichen Einnahmen über unsere Förderung.

ATV, das haben wir in den Zeitungen gelesen, hat in den letzten drei bis vier Jahren immer einen Verlust von 13 Millionen Euro gemacht. Also dafür kann eine Förderung nicht gedacht sein.


medianet:
Nun fordern Sender wie ATV oder Puls 4 Geld aus dem Titel der Rundfunkgebühren, auch weil sie argumentieren, sie würden, wie der ORF, Inhalte mit Public Value produzieren. Können Sie dem etwas abgewinnen?
Grinschgl: Ich bin für die Umwandlung der derzeitigen Rundfunkgebühren in eine Haushaltsabgabe, so wie es in Deutschland seit 1,5 Jahren passiert, und da wissen wir, dass dieese mehr Geld als die Gebühren in die Kassa spült. Das heißt aber nicht, dass diese Millionen uferlos zum ORF fließen müssen. Denn sowohl die Richtlinien der Europäischen Union als auch das ORF-Gesetz besagen, dass der ORF nur jene Gebühren bekommen darf, die eine Gegenüberstellung von Aufwand und Gebühren oder Erlösen darstellen.

medianet:
Das heißt?
Grinschgl: Das heißt, dass mit einer Haushaltsabgabe mehr Geld übrig bleiben würde, und ich könnte mir vorstellen, dass man mit diesen zusätzlichen Mitteln etwas für die Privaten machen könnte oder auch Mittel in die Presseförderung geben könnte.

medianet:
Was halten Sie ­davon, dem ORF zwar die komplette Gebühr zu geben, ihn aber im Gegenzug werbefrei zu stellen?
Grinschgl: Also davon halte ich, offen gesagt, wenig. Auch ein öffentlich-rechtlicher Sender muss Zuseher und Zuseherinnen haben. Natürlich ist Information, natürlich sind Magazine und Diskussionssendungen sehr wichtig, aber ohne gehobene Unterhaltung und ohne Sport hat ein Sender deutlich weniger Seherinnen oder Seher. Und den ORF werbefrei zu stellen, könnte auch negative Auswirkungen auf die Entwicklung des gesamten Werbemarkts haben. Und das will meines Wissens auch niemand.

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