PRIMENEWS
Der Kongresssingt
sabine bretschneider 12.05.2015

Der Kongresssingt


Wir sind im finalen Zählrunter zum Liederwettbewerb. Das merken Sie – falls in den Bundesländern zuhaus – vieleicht nicht so wirklich. Wir schon.

Wir sind lustig Wien ist Song Contest. Jetzt schon. Woran man das merkt? Einstweilen einmal an Kanaldeckeln, die ESC-Hits dudeln, an schrägen Schildern, die den „Eurowischn Putz Contest”, eine Frühjahrskehraktion der Stadt Wien, ankündigen, an Blumenbeet-Herzerlsteckerln – und neuerdings auch an Conchita Wursts klingenden Beiträgen zu den Stationsansagen der Wiener U-Bahn. Damit allerdings ist, meinen einige, ein gewisser Schwellwert überschritten. Kostprobe? „Conchita sagt: Die bunte Vielfalt ist etwas Herrliches. Grün, rot orange – und die ganzen anderen U-Bahnlinien …” Egal, der Singwettbewerb startet am 17. Mai. Am 23. ist er dann wieder zu Ende. Zwischendurch wird es in der Innenstadt sicher lustig werden. Das schaffen wir.

Einmal davon abgesehen, geht es auch um viel Geld. Nicht nur ausgabenseitig. Das Großereignis soll immerhin eine Bruttowertschöpfung von fast 40 Millionen Euro bringen, berechnete das IHS im März. Der Werbewert der Veranstaltung wird sogar auf 100 Millionen geschätzt.
Die 40 Millionen sind – um einen Vergleichswert hereinzuholen – übrigens nur ein Zehntel dessen, was damals vom IHS im Vorfeld der Fußball-EM Euro 2008 an zusätzlicher Wertschöpfung prognostiziert worden war. „Besonders schwierig einzuschätzen”, hieß es in einer Agenturmeldung aus April 2008, sei der sogenannte Good Will-Effekt des Sportereignisses für die österreichische Wirtschaft; dazu gehörten insbesondere die „internationalen Image- und Werbewirkungen, die sich positiv auf den Tourismus und die Standortattraktivität auswirken sollen”. Ja, eben. Der Good Will-Effekt, der ist halt Gold wert.
So wichtig ist uns der dieser Wohlfühleffekt dann übrigens wieder nicht, dass wir den kauffreudigen Besuchern aus ganz Europa und darüber hinaus auch ausnahmsweise einmal erweiterte Einkaufsmöglichkeiten geboten hätten. Eine Sonderregelung wie damals bei der Fußball-Euro wird es diesmal nicht geben. Denn die angekündigten Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und der Wirtschaftskammer sind nicht etwa kläglich an divergierenden Interessenlagen und zäher Apathie nach harten Verhandlungen gescheitert. Nein, diesmal haben sie, heißt es aus der Wirtschaftskammer, nicht einmal stattgefunden. Das ist Kunst, das ist Diplomatie. Wir hier in Wien gehen Konflikten nicht aus dem Weg, wir verpassen einfach die Gelegenheit dazu.

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