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Du sollst kein falsches Zeugnis geben
04.12.2015

Du sollst kein falsches Zeugnis geben

Der Klimagipfel im Kontext der Diskussion, ob man den Menschen für Dinge ­verantwortlich machen kann, die er gar nicht wollen kann.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


KLIMAFRAGEN. Wir bleiben an dieser Stelle beim Schwerpunktthema Klimagipfel. Wie uns eine Nachrichtenagentur wissen ließ, birgt der Klimawandel nicht nur grosso modo Gefahren für den Planeten, sondern auch als Hochrisikofaktor für die Geburtenrate – zumindest in den USA, dem Entstehungsort der Analyse. Hohe Temperaturen, heißt es im Forschungspapier des National Bureau of Economic Research „Maybe Next Month? Temperature Shocks, Climate Change, and Dynamic Adjustments in Birth Rates”, führen zu einem Rückgang der ­„koitalen Frequenz”. So weit, so schockierend. „Die geringere Lust auf ein Schäferstündchen”, heißt es weiter, beeinflusse die demografische Zusammensetzung und treibe die Überalterung hochindustrialisierter Gesellschaften mit ohnehin niedriger Fertilitätsrate noch weiter voran. Das umlagefinanzierte Pensionssystem bliebe davon „nicht unberührt”.

Was nun? Das Jahr 2015 dürfte das wärmste seit Beginn der weltweiten Statistiken 1880 werden. Und der Mensch ist der Verursacher dieser Erwärmung. Wenn sich aber der Mensch jetzt per temperaturinduzierter Unlust wieder aus dem Spiel zu nehmen beginnt, ist dann ein Teil des Problems nicht auch ein Teil der Lösung?

Kondomverbote und Kanonenfutter

Erst kürzlich hatte übrigens ein Essay die Runde gemacht, der sich – auf das Wesentliche heruntergebrochen – darauf konzentrierte, den Zusammenhang zwischen kinderreichen Gesellschaften und dem Kriegsdurst von Nationen darzustellen. Kurz: Je mehr Kinder – und insbesondere Söhne – die Frauen zur Welt bringen, desto eher ist eine Gesellschaft dazu bereit, einen Teil dieser „überschüssigen” jungen Männer als Kanonenfutter für vermeintlich hehre Zwecke bereitzustellen …

Kondome als Klimaretter und Friedensstifter? „Legalize it!” möchte man dem Papst zurufen, der immer noch mit sich und seiner starrköpfiger Führungsriege ringt, ob es in dieser Frage nicht einen gewissen Ermessensspielraum gäbe: Ihm gefalle es nicht, sich mit „derart kasuistischen” Fragen und Überlegungen zu beschäftigen, sagte Franziskus laut „Zeit online” nach seiner Afrikareise auf die Frage eines Journalisten, ob es angesichts der nach wie vor großen Zahl von Aids-Toten in Afrika nicht Zeit für eine Lockerung des Kondomverbots sei. Dass man allerdings vor einem gewissen Dilemma stehe, gab er zu. Das fünfte oder das sechste Gebot? Wer damit nichts anfangen kann, möge jetzt nachschlagen … oder googeln.
Andererseits versucht die moderne Neurowissenschaft ohnehin seit einiger Zeit zu belegen, dass der Mensch zwar das Konzept des freien Willens irgendwie verinnerlicht hat – aber halt zu Unrecht. Wenn der Mensch denkt, er würde sich entscheiden, dann ist sein Hirn meist schon einen Schritt voraus und mitten in den Vorbereitungsaktivitäten, das belegen recht überzeugend angelegte Experimente. Also: Wie soll man dann überhaupt je sinnstiftende Maßnahmen in großem Stile koordinieren – wenn denn die Entscheidungsträger quasi erst im Nachhinein vom eigenen Hirn informiert werden?
Gute Ausrede, hm? Aber so neu sind die Zweifel nicht. Schon Schopenhauer meinte: Der Mensch kann tun, was er will. Aber er kann nicht wollen, was er will. Möge der Gipfel ­gelingen!

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