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„Ein Technologiekonzern darf nicht stehen bleiben” © Heidrun Henke
© Heidrun Henke

PAUL CHRISTIAN JEZEK 13.10.2017

„Ein Technologiekonzern darf nicht stehen bleiben”

Georg Kapsch im Interview über 125 Jahre Erfahrung und die Aufgaben der nächsten Bundesregierung.

••• Von Paul Christian Jezek

Kapsch zählt heute zu den erfolgreichsten Technologieunternehmen Österreichs mit globaler Bedeutung in den Zukunftsmärkten Intelligente Verkehrssysteme (IVS) sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT).

medianet sprach darüber mit dem Vorstandsvorsitzenden Georg Kapsch – auch in seiner Eigenschaft als Präsident der Industriellenvereinigung (IV).


medianet:
Herr Kapsch, Sie ­sagen, Ihr Konzern müsse sich ‚alle fünf bis zehn Jahre neu erfinden'. Wie bewerkstelligt das die Kapsch-Gruppe?
Georg Kapsch: Das funktioniert sehr gut. Gerade ein Technologiekonzern darf nicht stehen bleiben. Selbstverständlich kann man sich mit einem oder zwei Erfolgsprodukten zufriedengeben und für kurze Zeit damit auch den Markt dominieren.

Aber dann sind die Aussichten, mittel- oder gar langfristig erfolgreich zu bestehen, gering.
Das ist für ein nachhaltig orientiertes Familienunternehmen nicht sehr attraktiv; wir analysieren daher kommende Mega­trends sehr genau. Wenn wir uns engagieren, müssen wir a priori die Marktführerschaft anstreben – wie z.B. bei elektronischen Mautsystemen oder GSM-R.
Diesen Schwung nutzen wir, um das nächste Engagement in einem anderen Feld vorzubereiten – nach 125 Jahren sind wir einigermaßen geübt darin.


medianet:
Wird die Gruppe das Rekordwirtschaftsjahr (Umsatz 1,1 Mrd. Euro) 2017/18 toppen?
Kapsch: Wir sehen in allen Tätigkeitsfeldern Wachstumsmöglichkeiten. So sind etwa die USA für Kapsch TrafficCom ein wichtiger Wachstumsmarkt. Erst im Juli 2017 hat das Nahverkehrsunternehmen Metropolitan Atlanta Rapid Transit Authority (MARTA) Kapsch mit der Planung, Entwicklung, Umsetzung, dem Support und der Instandhaltung eines schlüsselfertigen, regionalen Systems zur mobilen Fahrpreiseinhebung (Mobile Ticketing System, MTS) beauftragt. Mit der Übernahme der Sparte Transportation von Schneider Electrics 2016 und dem Erwerb von Simex in Mexiko im heurigen Jahr stärken wir unsere Präsenz in den amerikanischen Märkten nachhaltig.

In Europa liegt ein Fokus auf landesweiten Mautsystemen etwa in Polen, Belarus und Tschechien; außerdem sind einige Neuausschreibungen im Gange. Dazu arbeiten wir mit der französischen Axxès an einem einheitlichen europäischen Mautsystem. Und, ganz frisch: Wir haben von der sambischen Regierung einen landesweiten Konzessionsvertrag über 17 Jahre zur Planung und Errichtung sowie für den Betrieb von Systemen und Lösungen zur Verkehrsüber­wachung, Geschwindigkeits- und Fahrzeugkontrolle sowie zur Registrierung von Fahrzeugen erhalten. Afrika ist ein eminent wichtiger Wachstumsmarkt.
Auch im Segment Carrier, hier vor allem im Bereich Mission-Critical Networks, sehen wir große Chancen auf Neugeschäft. Kapsch CarrierCom engagiert sich auch in Initiativen zur Steigerung der Attraktivität und ­Sicherheit des Bahnverkehrs und ist aktiv an den Vorbereitungen für die Standardisierung der nächsten Technologie­generation beteiligt.
Und mit der Ausgründung von Kapsch PublicTransportCom im Dezember 2016 bekennen wir uns klar zu den Wachstumsmärkten öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) und urbane Mobilität.
Auch Kapsch BusinessCom hat im dritten Jahrtausend eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen und ist heute Marktführer in Österreich bei intelligenten Informations- und Telekommunikationstechnologien im Enterprise-Segment.
Kapsch hat sich am Markt als Service-Provider für kritische Infrastrukturen etabliert: Auf die Bedrohung von Cyberkriminalität haben wir etwa mit dem Aufbau eines 24/7 Security Operation Centers reagiert.
Ein weiteres Wachstumsfeld ist der Bereich Data Science. Die Beteiligung an der österreichischen Firma AIMC (Advanced Information Management Consulting GmbH) im April 2017 ist daher für Kapsch BusinessCom die perfekte Ergänzung im digitalen Ecosystem. Gemeinsam mit AIMC haben wir einige Projekte im Kontext von Industrie 4.0 und im Gesundheitswesen in der Pipeline.


medianet:
Wie läuft die Entwicklung bei Smart Mobility und Augmented Reality?
Kapsch: Kapsch TrafficCom beschäftigt sich seit Jahren mit zukunftsweisenden Mobilitätslösungen für Städte. Das Lösungsportfolio dazu beinhaltet u.a. städtische Zugangsregelungen, wie wir sie in Bologna und weiteren 33 italienischen Städten implementiert ­haben, ­intelligente Parklösungen, Traffic Management, Korridorsysteme, intelligente Ampelsteuerungen sowie Mobility as a Services (MaaS).

Smart Parking wird derzeit schon in San Carlos, San Mateo und Los Angeles in Kalifornien sowie in Boston umgesetzt. Unsere ‚Integrated Mobility Services' verbinden auf einer Plattform Routenplanung, Buchung und Bezahlung unterschiedlichster Verkehrsträger, von öffentlichen Anbietern bis hin zum motorisierten Individualverkehr.
Kapsch ist darüber hinaus im Bereich Augmented Reality und bei digitalen Assistenzsystemen in Form mobiler Anwendungen aktiv, u.a. als Miteigentümer des Grazer Unternehmens evolaris next level.


medianet:
Wie ist Ihr Jubiläums­jahr verlaufen? Haben Wirtschaft und Bevölkerung daran Anteil genommen? Wie war die mediale Resonanz?
Kapsch: Es war bisher ein sehr schönes und aufregendes Jahr – schließlich feiern wir 125 Jahre Erfahrung mit der Zukunft. Ich bin sehr berührt von den vielen Glückwünschen vonseiten langjähriger Partner und Kunden.

Unser Erfolg wäre freilich nicht möglich ohne das Engagement und den Einsatz unserer Mitarbeiter, die Kapsch zu dem gemacht haben, was es heute ist.
Höhepunkt unseres Jubiläumsjahrs war die Gala ‚Night of Dedication' am 11. September im Wiener Konzerthaus mit Teodor Currentzis mit mehr als 1.200 Gästen. Dort erlebten wir eine Wertschätzung, die mir und dem gesamten Management Board sehr viel bedeutet.


medianet:
Kleiner Themenwech­sel: Wie bewerten Sie jetzt im Oktober 2017 den Industrie­standort Österreich?
Kapsch: Österreichs Ausgangs­lage erscheint auf den ersten Blick günstig – aber trotzdem herausfordernd. Gestärkt durch das internationale Umfeld, erwarten verschiedene Experten für dieses Jahr Wachstums­raten jenseits der Zwei-Prozent-Grenze. Grundsätzlich positive Signale kommen auch vom Arbeitsmarkt. Dennoch sind – abseits der Rekordbeschäftigung – immer noch rund 375.000 Menschen arbeitslos. Im EU-Vergleich liegt Österreich nur auf Rang neun bei der Arbeitslosigkeit. Durchschnitt bei der Qualität des Standorts kann und darf daher nicht der Anspruch der nächsten Bundesregierung sein.

Österreichs Unternehmen erbringen mit ihren Mitarbeitern täglich Spitzenleistungen und dabei brauchen sie die bestmöglichen Rahmenbedingungen, um im ständig härter werdenden internationalen Wettbewerb erfolgreich sein zu können.
Ein höheres Leistungsdenken und das Aufbrechen alter Strukturen sind notwendig, wenn wir langfristig auf die Erfolgsspur zurückkehren wollen.


medianet:
Sie haben kritisiert, dass die heimische Wirtschaft ‚Konflikte scheut' …
Kapsch: Konflikte sind per se weder gut noch schlecht. Es besteht naturgemäß ein grundsätzliches Konfliktpotenzial um Ressourcen – aber diese Konflikte sind auch kreativitätsfördernd. Daher kritisiere ich die Konfliktscheu, die ich immer wieder in Österreich beobachte.

Die größten Konfliktpotenziale der nächsten Monate sind das Thema Arbeitszeit und -recht.
Beides muss insgesamt zeitgemäß gestaltet werden: eine umfassende Pensionsreform sowie eine Föderalismusreform.


medianet:
Was ist im F&E-­Bereich besonders dringend?
Kapsch: Österreichs Forschungsförderung leidet an einem ‚Input-Fetischismus' und be­-trachtet zu wenig den Output.

Anstelle von fragmentierten Strukturen müssen die verschiedenen Mittel der Forschungsförderungen in Österreich konzentriert werden, um kritische Massen zu erreichen.
Es gibt dazu mehrere Szena­rien, und die heimische Industrie wird sehr genau beobachten, in welchen Ministerien sich Innovationsagenden ansiedeln werden. Wir erwarten uns von der nächsten Bundesregierung (auch) die Bündelung der Forschungsagenden und eine klare Aufteilung von Verantwortlichkeiten!

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