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Euro-Vision 2016: „Building Fences”
30.10.2015

Euro-Vision 2016: „Building Fences”

Ein Zaun ist ein Zaun ist ein Zaun. Nein? Wie Österreich vom Brückenbauer im Herzen Europas zum Transportunternehmer mutierte.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


REIZEND. Es ist gar nicht so lange her – drei Jahre, falls die Erinnerung nicht trügt –, dass die Alpenrepublik sich als Land ohne Eigenschaften endlich eine professionelle Markenidentität maßschneidern lassen wollte. Zu Hilfe eilte, kostenpflichtig, der britische Ländermarkenspezialist Simon Anholt, unterstützend griff eine Kreativagentur ein, heraus kam die Nation Brand „Österreich als Brückenbauer für die Welt”. Anschließend sollte der Beschluss im Ministerrat fallen … Ist er vielleicht auch. Allerdings wurde es sehr ruhig um das Projekt.

Dann griff der ORF das griffige Vokabel des Brückenbauers auf, mainstreamte es eurovisionsgerecht zu „Building Bridges” und feierte mit der Austragung des Gesangswettbewerbs in Wien ein sehr ansehnliches europäisches Fest. Damals war, könnte man meinen, die Welt fast noch in Ordnung. Die Griechenlandkrise wirkt rückblickend gar nicht mehr so tragisch.

Absurditäten und Massenphänomene

Jetzt allerdings ist der Brückenbauer im Herzen Europas ernsthaft gefährdet. Oder auch nicht. Die Diskussion darüber gestaltet sich auch semantisch betrachtet sehr aufregend. Fest steht: Die Regierung will die Grenze verstärkt absichern, um die Flüchtlingsströme besser regulieren zu können. Ob man dabei aber von einem „Zaun” sprechen darf, wird seit Mittwoch engagiertest diskutiert. Ursprünglich kommt die Idee – auf die aktuelle Diskussion beschränkt – aus Ungarn. Die Ungarn hatten zuerst einmal an der Grenze zu Serbien einen Zaun aufgestellt, dann auch auf der slowenischen Seite, dann am Grenzabschnitt zu Kroatien … Das offizielle Österreich hatte diese Maßnahmen – man betätigte sich längst nicht mehr als Brückenbauer, sondern als Transportunternehmer – vehement abgelehnt. Die Idee, das vereinte Europa durch kreuz und quer gespannte Grenzzäune wieder zu zerteilen, schien auch zu absurd.

Seitdem ist Zeit vergangen. Die Flüchtlings­krise weitet sich aus. Die Deutschen sind zunehmend unwillig. Und Österreich überlegt, an der Grenze etwas zu bauen. Keine Brücke. Aber auch keinen „Zaun”. Österreich überlegt „bauliche Maßnahmen”, „technische Sicherungen” … ein Türl mit Seitenteilen, wie es der Bundeskanzler beschreibt. Weil, so Faymann in der ZiB, die Bevölkerung sich unter einem Zaun ja einen „Zaun” vorstelle.
Aber egal. Im Grunde ist der Karren halt ohnehin verfahren. Ob das Ding jetzt in einem Maschendrahtzaun festhängt oder in einer sonstigen, von Hilflosigkeit befeuerten, Grenzschutzmaßnahme, ist nicht von Bedeutung. Fürchterlich ist, dass das Projekt Europa in seiner wirtschafts- und gesellschaftspolitisch ohnehin mangelhaften Gesamtheit, zerrissen zwischen Solidarität und Abschottung, auf der Kippe zu stehen scheint. Warum? Weil irgendwann Logik und Ratio nicht mehr dazu taugen, Massenphänomene in ihre Grenzen – schon wieder so ein Reizwort – zu verweisen. So wie etwa auch Finanzkrisen – und als Fundament dessen die „Märkte” – immer wieder von einer gehörigen Portion Hysterie gespeist werden. Weil eben die Masse dazu tendiert, sich so lang gegen­seitig aufzuschaukeln, bis das Schiff kentert, so belastet auch dieses Bild im Lichte der griechischen Küsten sein mag.

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