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Europa im Anleger-Fokus © Jochen Russmann/VÖIG/VAIÖ

„Alle sind auf der Suche nach Rendite”, so JP Morgan Österreich-Chef Berndt May.

© Jochen Russmann/VÖIG/VAIÖ

„Alle sind auf der Suche nach Rendite”, so JP Morgan Österreich-Chef Berndt May.

29.05.2015

Europa im Anleger-Fokus

Interview JP Morgan Österreich-Chef Berndt May ist für Aktieninvestments positiv gestimmt – auch längerfristig

Ein Gespräch über Crash-Szenarien, Gefahren an den Anleihemärkten und die Fondsszene.

Wien. Berndt May ist Österreich-Chef des US-Fondsriesen JP Morgan und seit zwölf Jahren Sprecher des Vorstandes des Verbandes ausländischer Fondsgesellschaften im Österreich (VAIÖ).

medianet: Laut Statistik kommt es rund alle acht Jahre zu heftigen Kurstürzen an den Börsen. Ist der nächste nicht eigentlich überfällig?
Berndt May: Wegen der positiven wirtschaftlichen Dynamik sehe ich aktuell keine Gefahr. Es kann natürlich immer besser sein, aber im Moment sind die Wirtschaften durchaus im Wachstumsbereich. Die Arbeitslosigkeit ist zwar hoch, und es gibt immer Platz für Verbesserungen, aber in Summe ist das Wirtschaftsleben gut und bleibt es auch. Die Unternehmen verdienen auch gut, und ich bin für Aktieninvestments positiv gestimmt, auch für die nächsten zwölf Monate.

medianet:
Bei Anleihen ist auch alles im grünen Bereich?
May: Wir sind letztes Jahr überrascht worden, dass Staatsanleihen immer noch so gut gelaufen und die Zinsen noch weiter gefallen sind, aber das ist bald nicht mehr möglich, wenn man schon fast bei Null ist. Ich bin daher sehr vorsichtig und zurückhaltend bei europäischen Staatsanleihen.

medianet:
Auch an der Zinsenfront bleibt alles ruhig?
May: Die Zinsen werden länger so tief bleiben. Ich erwarte in Europa keine Zinserhöhung, weder 2015 noch 2016 – und damit bieten sich für Anleger eher Unternehmensanleihen, High-Yield- und Emerging-Markets-Anleihen an.

medianet:
Aber irgendwann steigen die Zinsen wieder. Wie kann man sich darauf vorbereiten?
May: Bei Staatsanleihen muss man vorsichtig sein – und sollten die Zinsen dann einmal steigen, muss man aufpassen, dass man in der Laufzeit bei europäischen Anleihen nicht zu lange wird, denn je länger eine Anleihe läuft, um so sensibler reagiert sie auf Zinserhöhungen, sprich: Die Kurse werden dann stärker zurückgehen.

medianet:
Sind aktuell die Zuflüsse in Aktienfonds höher als in Anleihenfonds?
May: Das ist so nicht ganz richtig. Die weltweiten Nettoverkäufe nach Anlageklassen in Prozent zeigen: 28% aller Mittelzuflüsse gingen in Anleihefonds, 24% in sogenannte gemischte vermögensverwaltende Fonds, wo auch ein Aktienanteil dabei ist, 18% in Aktienfonds und 13% in Geldmarktfonds. In Europa gab es hier Abflüsse, weil die Zinsen so niedrig sind. Die 17%, die noch fehlen, sind die anderen Asset-Klassen: Hedgefonds, Immobilien usw.

medianet:
Sind Fonds bei den Verkäufen noch immer hinten nach?
May: Nein, ganz im Gegenteil! 2014 waren die Nettoverkäufe die bes-ten seit dem Jahr 2007. Sie lagen bei 1.170 Mrd. US-Dollar.

medianet: Was bemerken Sie im Anlegerverhalten?
May: Alle, egal ob private Anleger, Private Banking oder Institutionelle, sind auf der Suche nach Rendite, da die klassischen Anlageprodukte fast keine Rendite mehr haben, weil die Zinsen so tief sind. Auch acht- oder neunjährige deutsche Staatsanleihen haben einen Negativzins. Das macht Veranlagung schwierig, und die Leute suchen nach Rendite.

medianet:
Wohin fährt der Zug?
May: Wegen des Wirtschaftszyklus haben vor zwei, drei Jahren alle US-Aktien gesucht. Seit vier, fünf Monaten sehen wir einen Switch, Europa kommt wieder in den Fokus. Nicht überraschend, weil die Wirtschaftsdaten gut sind. Die europäischen Unternehmen haben sehr gute Zahlen gebracht, die zum Teil jetzt etwas stärker wachsen als US-Unternehmen. Daher steigt die Nachfrage nach europäischen Aktienfonds stark. (rk)

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