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„Familienfreundlichkeit ist ein Wettbewerbsvorteil”
sabine bretschneider 28.04.2015

„Familienfreundlichkeit ist ein Wettbewerbsvorteil”

Zwischenbilanz Mitte März gab Familienministerin Sophie Karmasin den Startschuss zur Initiative „Unternehmen für Familien”

Casinos Austria-Vorstandsdirektorin Bettina Glatz-Kremsner: „Mit Best Practices Erfahrung weitergeben.”

Wien. Vor Kurzem gestartet, hat die neue Initiative des Familienminis-teriums, „Unternehmen für Familien” (s. Infobox), schon jetzt über 100 Teilnehmer. Wir führten dazu ein Gespräch mit Familienministerin Sophie Karmasin und Bettina Glatz-Kremsner, Vorstandsdirektorin Casinos Austria und Österreichische Lotterien. medianet: Würden Sie uns Ihre neue Initiative ‚Unternehmen für Familien' kurz beschreiben?Sophie Karmasin: Unser erklärtes Ziel ist es, Österreich zum familienfreundlichsten Land Europas zu machen – und um das zu erreichen, braucht es die verschiedensten Ebenen. Zum einen die klassischen politischen Reformen, die dazu sinnvoll und notwendig sind, wie etwa Erhöhung der Familienbeihilfe und Ausbau der Kinderbetreuung – aber die zweite Säule ist die Kooperation mit der Wirtschaft und mit den Unternehmen. Ich halte nichts davon, über neue Gesetze, Barrieren und Hürden den Unternehmen Familienfreundlichkeit vorzuschreiben, sondern wir wollen jene vor den Vorhang holen – wie eben die Casinos Austria –, die das schon leben und tun – und darstellen, dass sich Projekte für Familienfreundlichkeit nicht nur für die Familien rechnen und lohnen, sondern auch betriebswirtschaftlich.medianet: Was dürfen sich Unternehmen davon erwarten, familienfreundlicher zu agieren?Karmasin: Familienfreundlichkeit führt zu geringerer Fluktuation, weniger Fehltagen, besser qualifizierten Bewerbern – und die Verweilrate der Mitarbeiter im Unternehmen ist eine längere. Das sind handfeste ökonomische Vorteile. Ich bin überzeugt davon, dass Familienfreundlichkeit ein Wettbewerbsvorteil ist für die Unternehmen, aber auch für Österreich als Wirtschaftsstandort.

Ein „Klimawandel”

medianet: Sie haben in diesem Zusammenhang von einem notwendigen gesellschaftspolitischen Klimawandel gesprochen … Karmasin: Das ist genau der Punkt: Wir müssen nicht nur die Unternehmen ins Boot holen, sondern wir brauchen jeden Einzelnen, jedes Gasthaus, jeden Straßenbahnschaffner … alle, die mit Familien zu tun haben, denn die Sichtweise in der Bevölkerung ist eher ernüchternd: Nur rund 35 Prozent in Österreich sagen, wir sind ein familienfreundliches Land. In Dänemark sind es 90 Prozent. Es muss eine ‚Familienbewegung' durch unser Land gehen.medianet: Frau Glatz-Kremsner, Ihr Unternehmen ist sehr engagiert – Stichwort ‚Audit Beruf und Familie', ‚Best Place to Work', die Lehrstellenevaluierung ‚place to perform' … Warum ist das für Sie so wichtig? Bei der jetzigen Situation am Arbeitsmarkt könnte man auch sagen, das müssen wir alles gar nicht tun …Bettina Glatz-Kremsner: Nein, das ist eine Einstellungssache des Unternehmens – denn das Wichtigste überhaupt sind motivierte Mitarbeiter. Und wie bekomme ich motivierte Mitarbeiter? Nicht nur, indem die Bezahlung in Ordnung ist, sondern indem ich ein Umfeld und Rahmenbedingungen schaffe, in denen sie sich wohlfühlen. Wir haben vor drei Jahren – das war ein wichtiger Meilenstein – Mitarbeiter, Männer und Frauen auf unterschiedlichsten Hierarchie-ebenen, gebeten zu überlegen, wo es Verbesserungsmöglichkeiten hinsichtlich der Familienfreundlichkeit des Unternehmens gibt – abseits der üblichen Maßnahmen wie Telearbeit und flexible Arbeitszeiten. Das hatten wir nämlich schon. Und was mich wirklich fasziniert hat, war, dass die Mitarbeiter ganz tolle, mit wenig Aufwand umsetzbare, Initiativen ins Leben gerufen haben – etwa unser ‚KarenzlerInnenfrühstück' …medianet: Das wie aussieht?Glatz-Kremsner: Wir laden zwei Mal jährlich alle Mitarbeiter, die in Karenz sind, zu einem Frühstück ein, wo der Vorstand berichtet, was im letzten halben Jahr passiert ist. Gemeinsam mit der HR-Abteilung, die erklärt, wie ein Wiedereinstieg am besten gelingt, oder welche Möglichkeiten der Kinderbetreuung es gibt. Damit die ‚Karenzler' auf dem Laufenden bleiben, was im Unternehmen passiert. Das ist nur ein Beispiel, und vom personellen und finanziellen Aufwand her reden wir hier von überschaubaren Summen, aber es bringt sehr viel und das sollte man auch kommunizieren. Deshalb bin ich auch so froh über diese Initiative, weil man mit solchen Best Practices Erfahrung weitergeben kann – und gleichzeitig die Mitarbeiter an das Unternehmen bindet. medianet: Flexible Arbeitszeiten, Kinderbetreuung – das alles klingt nach Frauenthema oder wird zumindest als Frauenthema kommunziert. Wie bringt man es auch an die Männer?Karmasin: Das Thema Familie darf natürlich nicht bei den Frauen enden, ‚We go as a couple into family”, so wird es in Dänemark gehandhabt … Da brauchen wir zusätzlich zur Bewusstseinsbildung auch die politischen Instrumente – wie etwa den geplanten Partnerschaftsbonus, einen zusätzlichen finanziellen Anreiz, wenn man sich die Kinder­betreuungszeit und -geld teilt.

Männer-Karenz und Karriere

Glatz-Kremsner: Wir versuchen auch zu kommunizieren, welche unglaublich positiven Erfahrungen diese Männer machen, wenn sie in Karenz gehen. Natürlich ist es manchmal noch so, dass Kollegen schräg schauen, wenn ein Mann in Karenz geht. Aber wenn man es ins Positive dreht, und der Mann die Möglichkeit hat, das etwa über die interne Zeitschrift zu kommunizieren, dann ist das unglaublich wertvoll. Karmasin: Wir haben uns Studien in Schweden angeschaut, und da ist belegt, dass Männer, die in Karenz gehen, einen positiveren Karriereverlauf haben als Männer, die das nicht tun. Dort wird beim Bewerbungsgespräch auch schon nachgefragt: ‚Ahso, Sie waren nicht in Karenz …?' Weil man dann auch als sozial nicht so kompetent betrachtet wird.medianet: Frau Minister, Sie wurden zuletzt in den Medien mit der ‚Flexiquote' zitiert – statt fixer Frauenquoten … Sind Initiativen für mehr Familienfreundlichkeit ein Art Ersatz für Frauenquoten?Karmasin: Idealerweise brauchen wir beides, aber es ist so, dass eine Quote ohne Familienfreundlichkeit ohnehin nicht funktioniert. Familienfreundliche Maßnahmen betreffen ja jede und jeden – und nicht nur Frauen in Aufsichtsräten oder in Vorständen – und wirken daher nachhaltiger als eine Quote.medianet: Muss man nicht zuallererst die Begriffe Frau und Familie entkoppeln?Karmasin: Ja, Familienpolitik ist nicht gleich Frauenpolitik und umgekehrt – sondern Familienpolitik ist Politik für Mütter, für Väter und, ganz wichtig, für Kinder.Glatz-Kremsner: Und, das darf man im Rahmen dieser Gespräche über Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht vergessen: Es ist oft so, dass, wenn man die Kinder aus dem Gröbsten heraußen hat, dann sind es die Eltern, die man einbeziehen muss in das Thema Vereinbarkeitsplanung; Stichwort ‚Pflege'.Karmasin: Ja, das ist das nächste Thema, das es zu lösen gilt. Aber auch hier wird unsererseits und von den Unternehmen schon einiges angedacht …

„Unternehmen für Familien” wurde vom Bundesministerium für Familien und Jugend ins Leben gerufen. Grundlage der Initiative ist ein gemeinsames Bekenntnis familienfreundlicher Unternehmen, Sozialpartner und Interessenvertretungen zur Familie und ihrem Stellenwert für die Gesellschaft. Gleichzeitig soll sie Ausdruck der Verantwortung für ein familienfreundliches Arbeitsumfeld sein.Kern der Initiative ist eine Online-Plattform zur Vernetzung, zum Austausch, mit Best-Practices und zum Wissenstransfer.Mit dem Beitritt zum Netzwerk „Unternehmen für Familien” bekennen sich Unternehmen und Gemeinden dazu, einen aktiven Beitrag für mehr Familienfreundlichkeit im eigenen Verantwortungsbereich zu leisten sowie Vorbild und Ansporn für andere zu sein. Die Online-Plattform des Netzwerks bietet Wissenswertes rund um das Thema Familienfreundlichkeit in Unternehmen und Gemeinden, präsentiert Initiativen und Maßnahmen sowie Erfahrungsberichte von Unternehmen und Gemeinden und dient der Vernetzung untereinander. „Unternehmen für Familien” setzt sich dafür ein, Familienfreundlichkeit zu einem Markenzeichen Österreichs zu machen.Informationsveranstaltungen, Kommunikationsplattformen, begleitende nationale und internationale Studien, etc. runden das Maßnahmenportfolio ab.www.unternehmen-fuer-familien.at

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