PRIMENEWS
„Feuerkraft” lässt nach © APA/AFP/Timothy A. Clary
© APA/AFP/Timothy A. Clary

05.02.2016

„Feuerkraft” lässt nach

Branche gibt Rekordsumme von 329 Mrd. USD für Fusionen und Übernahmen aus. Das hat Spuren hinterlassen. Die Schulden sind gestiegen, die Kriegskassen leeren sich.

WIEN. Ausnahmejahr für die Pharma-Branche: Mega-Deals haben dazu beigetragen, dass die Unternehmen 2015 ihren eigenen M&A-Rekord aus dem Vorjahr noch einmal deutlich übertroffen haben (medianet berichtete). Mit knapp 329 Mrd. USD gab die Branche so viel wie noch nie für Fusionen und Übernahmen aus. Das entspricht einer Steigerung um mehr als die Hälfte (51%) im Vergleich zum Vorjahr. Allein die Übernahme von Allergan ließ Pfizer sich 160 Mrd. USD kosten – das ist der größte Deal in der Life-Sciences-Branche und der drittgrößte Deal, der jemals über alle Branchen hinweg getätigt wurde.

Schulden steigen

Die hohe Aktivität der Branche bei Mergers & Akquisitions aus den Vorjahren hinterlässt inzwischen aber Spuren: Die Schulden sind gestiegen, viele Unternehmen haben schon tief in die Kriegskasse gegriffen. Die Folge: Die Firepower (Feuerkraft) – also die Mittel, die Unternehmen für Zukäufe mobilisieren können, zusammengesetzt aus Marktkapitalisierung, Cashflow und Schuldenstand eines Unternehmens – hat im Vergleich zum Vorjahr leicht nachgelassen und liegt derzeit bei knapp 1,18 Bio. USD und damit sechs Prozent unter den 1,26 Bio. USD des Vorjahres – verbleibt aber auf hohem Niveau.

„Die Pharma-Unternehmen wollen ihr Portfolio bereinigen und sich fokussierter aufstellen”, kommentiert Erich Lehner, Partner bei EY Österreich, die Zahlen. „Gleichzeitig wollen und müssen sie weiter Innovationen hervorbringen, die sich organisch so nicht erreichen lassen.” Lehner: „Verschiedene Faktoren kommen in einer historisch einmaligen Situation zusammen, die jetzt aber für eine gewisse Zeit anhalten dürfte: Die Kredite sind günstig, viele Unternehmen haben selbst über die Jahre eigenes Kapital angehäuft, und die Bereitschaft zum Tausch ganzer Unternehmensteile ist in der Branche so groß wie nie zuvor.” Man sehe „eine neue Normalität, die die M&A-Aktivität noch über die kommenden Jahre auf einem hohen Niveau halten dürfte”.

2015 bleibt Ausreißer nach oben

Allerdings werde das Jahr 2015 vermutlich ein Ausreißer nach oben bleiben: „Solche Deals hat es bisher noch nicht gegeben, und wir werden sie auch in Zukunft nicht gehäuft sehen”, sagt Lehner. Er geht davon aus, dass sich das Deal-Volumen bei rund 200 Mrd. USD einpendeln wird – bis 2013 war ein Gesamtvolumen von etwa 100 Mrd. normal. „Wir bewegen uns eher dahin, dass kleinere Deals abgeschlossen werden. Das liegt daran, dass Unternehmen sich stark fokussieren und sehr gezielt in ganz bestimmten Bereichen verstärken. Gleichzeitig drängen mehrere kleinere Player auf den Markt, die zwar nicht die Feuerkraft der großen erreichen, aber dennoch auf dem Übernahmemarkt aktiv werden.”

Mit dem Mega-Deal von Pfizer ist vor allem das M&A-Volumen unter den Big-Pharma-Unternehmen im vergangenen Jahr nach oben geschnellt: von knapp 87 Mrd. USD 2014 auf 209 Mrd. USD in diesem Jahr – das ist fast so viel wie die gesamte Branche 2014 zusammen ausgegeben hat. Aber auch die Unternehmen aus den Bereichen Big Biotech und Generika weiteten ihre M&A-Ausgaben deutlich aus – wenn auch auf niedrigerem Niveau. Big Biotech steigerte die Ausgaben für Fusionen und Übernahmen um 355% auf über 21 Mrd. USD, die ­Generika-Unternehmen um 184% auf 49 Mrd. USD.
Lediglich bei den Spezialpharma-Unternehmen ging das Volumen zurück – und zwar um mehr als die Hälfte auf 50 Mrd. USD – ein „Sättigungseffekt”, so Lehner. Sie hätten in den vergangenen Jahren relativ gesehen die größte Feuerkraft gehabt: „Dadurch haben sie den M&A-Markt bestimmt und munter zugekauft. Irgendwann stößt man da an die Decke.” Hier sinkt auch das für M&A verfügbare Kapital: Es brach im Vergleich zum Vorjahr um 47% auf 60 Mrd. USD ein. Auch die Feuerkraft der Big-Pharma-Konzerne ging zurück, allerdings mit einem Minus von sechs Prozent auf 781 Mrd. USD nicht ganz so dramatisch. Lediglich die Big-Biotech-Unternehmen verzeichneten einen Zuwachs von sechs Prozent auf 337 Mrd. USD.

Sättigung bei Spezialpharma

Lehner: „Bei den Big-Biotech-Unternehmen gab es in den vergangenen Jahren einen IPO-Boom. Die Unternehmen sind durch die Börsengänge in der Bewertung hochgegangen und können jetzt auch in Sachen Feuerkraft eine ganz andere Rolle spielen als vorher.” Trotz des Rückgangs bei Spezialpharma rechnet Lehner damit, dass die Unternehmen schnell wieder auf dem M&A-Markt mitmischen werden: „Sie mögen derzeit vielleicht eine Verschnaufpause machen. Aber sie werden wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren und Deals vorantreiben. Das liegt in ihrer DNA.” (red)

BEWERTEN SIE DIESEN ARTIKEL

TEILEN SIE DIESEN ARTIKEL

Ihr Kommentar zum Thema