PRIMENEWS
Homo austriacus oeconomicus
16.10.2015

Homo austriacus oeconomicus

Das Wirtschaftswissen der Österreicher – und die optionalen Konsequenzen einer Pi-mal-Daumen-Einschätzung.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


RECHTZEITIG DRAUF GSCHAUT. „29 Prozent der Österreicher”, davon benachrichtigte uns das market-Institut, „geben an, ein sehr gutes beziehungsweise gutes Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen zu haben.” Der Großteil gibt sich selbst einen Dreier, ein Viertel einen Vierer – oder konstatiert sich überhaupt ein Totalversagen. Auffällig dabei, heißt es, sei der ausgeprägte Gender-Gap: „Deutlich selbstbewusster sind die Männer, von denen sich 3,5 Mal mehr als ökonomisch kompetent einschätzen als Frauen.” Nun, das ist eines dieser Themen, die halt pickn bleiben. Dafür sind Frauen besser beim Häkeln. Frau Schwarzer, es hat nicht allzu viel gebracht …

Die persönliche Schiene

Relativiert werden diese Angaben innerhalb der für das Wirtschaftsmagazin trend durchgeführten Studie von der Einschätzung der Relevanz diverser Themen: „Persönliche Finanzen”, da tut man sich noch leichter, da kennt man sich halbwegs aus. Österreichische Wirtschaftspolitik und Infos über heimische oder internationale Unternehmen werden hingegen als „nicht so wichtig” eingestuft. Jetzt könnte man meinen, dass die steigende Zahl an Privatkonkursen, die Österreich heimsucht, eher darauf hindeutet, dass Herr (und Frau) Österreicher ihre „persönlichen Finanzen” auch nicht vollkommen im Griff haben … Während es zum Halbjahr laut AKV noch um 1,34 Prozent weniger Insolvenzen gab als in der ersten Jahreshälfte 2014, wurden bis Ende September insgesamt 7.474 Anträge gestellt; das ist ein Plus von 4,9 Prozent. Davon wurden 837 abgewiesen: „Viele Schuldner können sich nicht einmal den Privatkonkurs leisten.”

Ein Nullsummenspiel

Die Durchschnittsverschuldung der insolventen Privatpersonen beträgt übrigens 112.800 Euro. Andererseits liegt das Durchschnittsvermögen pro Erwachsenem derzeit laut Credit Suisse bei 172.426 Euro. Das ergibt, schlampigst über jegliche zulässigen Grenzen überschlagen, ein Sparstrümpfchen mit knapp 60.000 Euro. Also: Im Grunde eh kein Grund zur Panik.

Alles nicht so wichtig

Zurück zum relevanten Wirtschaftswissen: Wer die Wirtschaftspolitik für „nicht so wichtig” hält, leidet, eine Randnotiz dazu, vielleicht an einer kleinen Definitionsschwäche in puncto „persönliche Finanzen”. Die Steuerreform, die jetzt auf uns zukommt, hätte sich die ohnehin geplagte und geschüttelte Bundesregierung demnach sparen können. Ein Sparbüchl mit einer Ersteinlage von 20 Euro und dem Konterfei der beiden Regierungsspitzen – wahlweise dem Finanzminister oder dem Armin Assinger – hätte dem Wahlvolk grosso modo wahrscheinlich mehr Freude gemacht.

Dazu passt zum Abschluss ein Zitat von Immanuel Kant: „Die Sparsamkeit ist keine Tugend. Denn zur Sparsamkeit oder zum Sparen gehört weder Geschicklichkeit noch Talent. Wenn wir sie mit der Verschwendung gegeneinander halten, so gehört dazu, um ein Verschwender mit Geschmack zu sein, weit mehr Talent und Geschicklichkeit als zum Sparen, denn Geld ab­legen kann auch der Dümmste …” So viel also dazu.

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