PRIMENEWS
Jobs bewahren, ist die falsche Taktik
05.02.2016

Jobs bewahren, ist die falsche Taktik

Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt – und Lösungsvorschläge abseits des Wartens auf Godot und den Wirtschaftsaufschwung.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


LÖSUNGSANSÄTZE. Eine Hiobsbotschaft aus Brüssel: Laut EU-Winterprognose kommt auf Österreich eine noch deutlichere Verschlechterung der Arbeitslosenrate zu, als ohnehin bereits befürchtet. Statt vorhergesagtem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 6,1 Prozent für das laufende Jahr und auf 6,0 Prozent für 2017 wird nun eine Erhöhung auf 6,2 Prozent für 2016 und sogar auf 6,4 Prozent für 2017 prophezeit. Damit würde Österreich von Rang fünf auf Rang acht in der EU absteigen. Vor zwei Jahren noch – derzeit ist das kaum mehr vorstellbar – war die Alpenrepublik Musterschüler mit der konstant niedrigsten Quote an Arbeitslosen. So die Einschätzung zutrifft, werden wir uns demnächst hinter Deutschland, Luxemburg, Malta, Tschechien, Dänemark, Ungarn und Großbritannien einreihen müssen. 490.246 Menschen waren in Österreich im Jänner ohne Erwerbstätigkeit, um die Prozentzahlen mit den eben veröffentlichten Daten aus dem Sozialministerium zu illustrieren.

Die andere Seite der matten Medaille

Allerdings hat die Thematik eine weitere Dimension: Im Jahresschnitt 2015 meldeten Österreichs Unternehmen 66.600 offene Stellen, wie aus aktuellen Daten der Statistik Austria hervorgeht. Gegenüber dem Vorjahr – 62.400 offene Stellen – ergab sich ein Zuwachs um 6,7%. Es wurden also durchaus mehr Jobs geschaffen, wenn auch viel zu wenige. Etwas weniger als ein Viertel (23,1%) der offenen Stellen wurde „dauerhaft angeboten”, wie es heißt. Kurz: Es hat sich einfach niemand dafür gefunden. Einer der Gründe könnte sein: Das voraussichtliche monatliche Bruttoeinkommen lag bei einem Fünftel der offenen Stellen bei weniger als 1.000 Euro.

Kürzlich hatte sich der Thinktank Agenda Austria mit dem „Geheimnis hinter der Rekordarbeitslosigkeit” auseinandergesetzt; man ortet ein „Mismatch” zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Schuld sei eben nicht die flaue Konjunktur, sondern: Die Ausbildung der Arbeitssuchenden passe schlicht nicht zu den in den offenen Stellen geforderten Qualifikationen.
Dieser Befund habe wichtige politische Folgen. Konjunkturelle Probleme in einer Volkswirtschaft seien meist kurzer Natur, schreiben die Studienautoren. Eine höhere strukturelle Arbeitslosigkeit hingegen entstehe eben aufgrund der Diskrepanz zwischen gesuchten und vorhandenen Qualifikationen sowie dadurch, dass in bestimmten Branchen etwa durch die Digitalisierung Jobs dauerhaft verloren gehen. Das löst sich nicht von selbst und auch nicht, wenn die Konjunktur anspringt.
Dies wiederum erfordere zwingend, dass das Arbeitsmarktservice die Maßnahmen in der sogenannten aktiven Arbeitsmarktpolitik noch vehementer ankurbelt, und die Arbeitnehmer – eigenverantwortlich – passende Weiterbildungsmaßnahmen beanspruchen, im Idealfall in Kooperation mit dem aktuellen Arbeitgeber, um eben erst gar nicht aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu werden.
Das sei, so eine Folgerung aus dem Report, im Grunde auch eine Erleichterung für die politische Entscheidungsträger: Denn das Missverhältnis bei der Qualifikation zu verringern, sei wesentlich leichter, als mit Zähnen, Klauen und politischer Ideologie zu versuchen, die bestehenden Jobs zu bewahren.

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