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Kann Deutschland ­Österreich mitziehen? © dpa/Frank Rumpenhorst
© dpa/Frank Rumpenhorst

10.06.2015

Kann Deutschland ­Österreich mitziehen?

Außenhandel/Wirtschaft Heinz Walter, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Berlin, ortet Nachholbedarf

Konjunkturlok Das „Nachhinken” der österreichischen Entwicklung hinter den Deutschland-Zahlen hatte OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny am Montag kritisiert. ­Allerdings bietet der starke Nachbar selbst weiterhin Optionen für die heimische ­Wirtschaft – etwa für die Exporteure, die noch nicht alle Regionen beackern.

Wien/Berlin. Gemischte Meldungen zur Lage der österreichischen Wirtschaft: Wie aus am Dienstag von der EU-Statistikbehörde Eurostat publizierten Daten hervorgeht, wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Österreichs im ersten Quartal 2015 lediglich um 0,1% gegenüber dem letzten Quartal 2014. Zwar ist das schon als kleiner Erfolg zu verbuchen – zuletzt lag die „Steigerung” bei 0,0% –, jedoch wuchs das EU-BIP um 0,4% – und auch das Wirtschaftswachstum der Eurozone lag im ersten Quartal 2015 bei 0,4%.

Aller Hoffnungen werden auf die Zugkraft Deutschlands gesetzt, dessen Wirtschaft sich zusehends belebt: Heuer wird bei den Nachbarn ein BIP-Wachstum zwischen 1,6 und 1,9% erwartet (2014: 1,5%). Davon, so die Interpretation, sollte auch Österreich profitieren. Unsere Exportwirtschaft ist eng mit dem Nachbarland verflochten – knapp unter 30% der Warenexporte seien 2014 dorthin gegangen, so Heinz Walter, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Berlin. Gleichzeitig stammten 37% aller österreichischen Importe aus Deutschland. „Wir bewegen uns auf relativ hohem Niveau”, sagte Walter am Dienstag vor Journalisten in Wien. Walter rechnet 2015 mit einer weiteren Belebung. „Die österreichischen Exporte nach Deutschland nehmen ganz leicht zu – für heuer erwarte ich ein Plus von ein bis zwei Prozent.”

Zielmarkt Osten & Norden

Im Jahr 2014 erhöhten sich die heimischen Warenlieferungen nach Deutschland den vorläufigen Daten der Statistik Austria zufolge nur geringfügig um 0,5% auf 38 Mrd. €. Gleichzeitig erreichte das Volumen der Importe aus Deutschland 48,5 Mrd. €, ein Minus von einem Prozent gegenüber dem Jahr davor. Unterm Strich bilanzierte Österreich im Warenaustausch mit Deutschland im abgelaufenen Jahr also mit einem Außenhandelsdefizit von 10,5 Mrd. €.
„In Richtung Ost- und Norddeutschland gibt es noch Nachholbedarf”, betonte Walter und verwies auf den geringen Anteil von nur 17% dieser Region an den heimischen Deutschland-Exporten. Chancen ortet der Marktexperte für Industriezulieferungen allgemein ebenso wie für alle Konsumgüter und Dienstleistungen. Ein enormes Marktpotenzial sieht Walter zudem im Baubereich: „Das Thema nachhaltiges Bauen ist in Deutschland zunehmend wichtig.” Und immerhin seien von den rund 50.000 österreichischen Exporteuren etwa 10.000 in der Bau- und Bauzulieferung tätig. „Wir haben in Österreich viele kleine Firmen, die etwas anbieten, was Deutschland noch nicht hat”, so der Wirtschaftsdelegierte.
Die wichtigste Lieferposition der Österreicher in das Nachbarland sind Maschinenbauerzeugnisse wie etwa Motoren und Kfz-Zubehör. Bei den Kfz-Zulieferungen machen den heimischen Exporteuren allerdings Lieferanten aus Osteu-ropa wie etwa aus der Slowakei, Polen, Ungarn und Tschechien zusehends Marktanteile in Deutschland streitig, wie die Nationalbank zu Beginn der Woche bei der Vorlage der aktuellen Konjunkturprognose unter Verweis auf „Strukturprobleme” festhielt.
Österreich sei von der Produktivität her immer besser als Deutschland gewesen, habe aber Strukturreformen wie etwa eine Senkung der Lohnnebenkosten verpasst. Der Reformprozess sei sehr früh in den Achtzigerjahren begonnen worden – die Früchte seien bis zur Wirtschaftskrise geerntet worden, präzisierte Walter. „Deutschland startete später – so gesehen ist das Land besser durch die Krise gekommen als Österreich.” Derzeit sei die Stimmung dort „um einiges besser als in Österreich”. (APA/red)

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