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Schleichend zum Wutbürger
17.04.2015

Schleichend zum Wutbürger

Gastkommentar Der eigene Dienstleister werden

Na bravo Nun hat es mich auch erwischt: Meine Hausbank schließt „meine” Geschäftsstelle. Noch vor wenigen Jahren fing mich der Filialleiter auf der Straße ab und erläuterte mir stolz, dass „seine” Filiale, an einem großen Fußgängerknotenpunkt gelegen, umgebaut und zur Vorzeigefiliale umgestaltet würde. Ich schätzte das Ergebnis dieses Umbaus sehr, weil die mir seit Langem zugeordnete Beraterin mich nun noch besser in angenehm gestalteten Besprechungsinseln betreuen konnte und mir vor allem die mir zumeist lästigen Vorgänge abnahm.

Natürlich fiel mir schon lange auf, dass ich Schritt für Schritt und alternativlos ins Electronic Banking gedrängt werde. Soll ja auch viel bequemer sein, 7 Tage 24 Stunden meine wahnwitzig dringenden Bankgeschäfte am eigenen Laptop erledigen zu können, mich durch irgendwelche Menübäume am Bildschirm zu den für mich personengenau konfigurierten Bankleistungen viertelstundenlang durchzuquälen …

Und warum lassen wir uns das alles gefallen?

Nächstes Beispiel: Jede Bestellung im Internet bei einem neuen Anbieter bedingt ein meist umständliches Ausfüllen von Formularen zur eigenen Person als (zukünftigem) Kunden wie auch zur Bestellung selbst. Man nimmt es stoisch hin, dass man anschließend mit E-Mails zu Angeboten dieses Anbieters zugeschüttet wird, oft zusätzlich von weiteren Unternehmen, die offenkundig die Adresse weitergereicht bekommen haben. Auch Vielreisende nehmen ihre Buchung selbst vor. Ist natürlich super, wenn man von Brokern eine Fülle alternativer Angebote gelistet bekommt. Bis man entdeckt, dass gar nicht alle Verbindungen dort auffindbar sind – oder ein Broker für den Privatbesteller andere Angebote und Preise liefert, als wenn man sich über das Firmenkonto einwählt. Bahnfahrten zu buchen, scheint vordergründig einfacher zu sein. Versuchen Sie aber mal, internationale, grenzüberschreitende Strecken zu bestellen. Irgendwann geben Sie auf, suchen das Kundenzentrum auf, um im unterbesetzten Schalterbereich Schlange zu stehen. Vermutlich wird jeder Leser eigene Beispiele einbringen können.Die eine Dimension des Ärgers sind die aberwitzigen nationalökonomischen Kosten, die durch solche Verlagerungen von Aufwänden auf jeden von uns als Privatperson erzeugt werden, denn dieser Effekt wirkt ja multiplikativ. Die andere Dimension ist, was uns damit an persönlichem Ärger und Stress auferlegt wird. Ich wundere mich, mit welcher „Sheepishness” – mir fehlt ein deutsches Wort dafür, vielleicht Schafsblödheit? – wir uns das alles gefallen lassen, insbesondere die jüngere Generation, die offensichtlich nichts Besseres erleben durfte. Mit jeder neuen Abwälzung von Kos-ten auf mich als Bürger wächst ein Stückchen mehr die Wut, dass mir wieder ein Gramm Lebensqualität geklaut wird. Eigentlich schützt mich nur noch mein Alter davor, darüber zum aktiven Wutbürger zu werden.

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