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Soziale Epidemien an der Börse © Herbert Raab

Cocca referierte beim Campus Day, einem Symposium des Versicherers Standard Life.

© Herbert Raab

Cocca referierte beim Campus Day, einem Symposium des Versicherers Standard Life.

20.11.2015

Soziale Epidemien an der Börse

Anleger treffen oft irrationale Entscheidungen, und so kommt es zu spekulativen Blasen. Asset Management-Experte ­Teodoro Cocca erklärt den Nutzen von Behavioral Finance.

WIEN. In der Wirtschaftswissenschaft taucht der „Homo oeconomicus” schon seit weit mehr als 100 Jahren als rational denkender Akteur auf, der kühl berechnet, analysiert und im Sinne der Nutzenmaximierung handelt. Dieses Verhaltensmuster soll für alle ökonomischen Entscheidungen vom täglichen Einkauf im Supermarkt bis zum komplexen Börsenhandel gelten. In der Realität ist die Spezies „Homo oeconomicus” – zumindest in ihrer Reinform – allerdings praktisch nicht anzutreffen.

Infonotstand und Zeitdruck

„Tatsächlich tendieren Anleger zu irrationalem Verhalten”, weiß Teodoro D. Cocca, Professor für Asset Management an der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz, assoziierter Professor am Swiss Finance Institute und Berater bei der Kepler-Fonds AG. Warum nun der wirtschaftlich rein logisch denkende und handelnde Mensch mehr ein theoretisches Konstrukt denn ein Investor aus Fleisch und Blut ist, kann laut dem Experten auf drei Ursachen zurückgeführt werden. Erstens: eingeschränktes Wissen. Niemandem stehen alle relevanten Informationen zu einem Anlagethema zur Verfügung – und wäre das theoretisch der Fall, würde es uns sofort zum Problem Nummer zwei führen: Die kognitive Verarbeitungsfähigkeit des Menschen ist beschränkt. Verschärfend tritt noch Problemfeld Nummer drei hinzu: „Psychischer Stress und Zeitdruck. So bleiben etwa Währungs-Brokern rund 45 bis 60 Sekunden Zeit, bis der Markt auf neue Gegebenheiten reagiert und sich wieder einpendelt. Wenn ein einzelner Deal vielleicht 50 oder 100 Millionen Dollar ausmacht und in kürzester Zeit erfolgen muss, kann man sich vorstellen, wie vernünftig durchdacht Orders dann ausfallen können.”

Sentiment-Indikatoren

Cocca weiß, wovon er spricht. Er war jahrelang bei der Citibank im Investment und Private Banking tätig, forschte an der Stern School of Business New York und lehrte am Swiss Banking Institute der Uni Zürich. Er hat sich auf das Themenfeld Behavioral Finance spezialisiert – also die Kunst, das Verhalten von Anlegern unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der Psychologie, der Soziologie und der Neurologie zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Der Experte gibt ein theoretisches Beispiel: „Wenn ich eine Umfrage unter Investoren zur Entwicklung des ATX mache und von 200 Teilnehmern zeigen sich alle bullish, ist es eine gute Idee, ATX-Werte zu verkaufen. Denn die 200 Anleger haben bereits eingekauft, und der Kurs ist gestiegen.” Cocca arbeitet deshalb gern mit Sentiment-Indikatoren, die Aufschluss über Marktstimmung und -Richtung geben. Dabei hat die Empirie gezeigt, dass auf zu viel Euphorie Kursrückschläge folgen. Herrscht hingegen übertriebener Pessimismus vor, könnte es mit der Börse bald wieder bergauf gehen.
Welche Vorteile also bietet Behavioral Finance? Cocca: „Das kann man nicht in einer Zahl quantifizieren, da nebst der Behavioral ­Finance auch klassische Analyse­instrumente angewendet werden und werden sollten, und die Anlageentscheidung deshalb nie nur auf Basis der Marktpsychologie erfolgt.” Behavioral Finance ist somit kein Stein der Weisen, kann aber helfen, irrationale Entscheidungen zu begrenzen. (hk)

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