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Verhüllung und Kunst im öffentlichen Raum
29.01.2016

Verhüllung und Kunst im öffentlichen Raum

Die Aufreger der vergangenen Woche stehen durchaus miteinander in Zusammenhang, wenn man nur genau liest.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


AUFFÄLLIGKEITEN. Die skurrilste Geschichte der vergangenen Woche: die Verhüllung der antiken Skulpturen in den Kapitolinischen Museen Roms mittels kühlschrankartiger Abdeckkonstruktionen. Die einen mögen wohl behaupten, dass es etwas zu viel der vorauseilenden Rücksichtnahme auf die Gefühle des iranischen Staatsoberhaupts war; andererseits kann keiner wissen, ob die christoeske Aktion nicht demnächst Nachahmer finden wird. Der verhüllte Reichstag in Berlin (engl. Originaltitel: Wrapped Reichstag), das Kunstprojekt des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude, gilt heute als eines der bekanntesten Werke für Kunst im öffentlichen Raum.

Familienidyllen

Und so ganz neu sind derlei Aktivitäten ja ohnehin nicht: Auch bei uns wurden aus ähnlichen Motiven – nur im Sinne einer anderen religiösen Variante – antike Statuen mit dem Meißel beschnitten oder mittels Feigenblatt keusch kaschiert. Zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert zwar. Aber tempora mutantur, um an dieser Stelle wieder einmal die alter Lateinerinnen und Lateiner anzusprechen.

Demnach hoffen wir jetzt einfach einmal ganz fest, dass auch die jüngere Bruderreligion sich irgendwann einmal wieder auf Wesentlicheres besinnt als Mohammed-Karikaturen, barhäuptige Frauen und unbekleidete Männer. Auf Wesentliches wie das traditionelle Familienbild etwa … Für alle, die sich darunter nichts Ordentliches vorstellen können oder wollen: Das ist jene Familie, wie sie gern in Kindergartenzeichnungen dargestellt wird: Vater, Mutter, zwei Kinder, Katze, Hund stehen neben dem ­Apfelbaum vor dem Einfamilienhaus mit exakt vier Fenstern unter einem blauen Himmel mit Sonne und Schäfchenwolken.
Während also in Italien eine lebhafte Diskussion über die Legalisierung von homosexuellen Lebenspartnerschaften tobt, hat Papst Franziskus vergangenen Freitag, berichten die Nachrichtenagenturen, in deutlicher Form vor einer Gleichstellung der traditionellen, auf der Ehe basierenden Familie mit anderen Formen von Lebenspartnerschaften gewarnt.
Aber warum eigentlich so hartherzig? Warum nicht einfach die Verpflichtung für alle, die nicht ins Schema passen und dennoch unbedingt den Bund der Ehe eingehen wollen, schlicht und einfach im öffentlichen Raum auch ein Kistl alla ­romana zu tragen?

Transportgarantien

Themenwechsel: In der Flüchtlingsdebatte hatte man der Bundesregierung zuletzt vorgeworfen, statt Lösungen zu skizzieren nur zwanghaft anmutende Zwistigkeiten über Begriffe wie die „Obergrenze” vom Zaun zu brechen … Halt! Nicht vom Zaun, sondern von einer Vorrichtung, sagen wir jetzt einmal. Seit Kurzem werden aber tatsächlich Konzepte geliefert: Eine Begrenzung der monatlichen Zuwendungen, in Form der Mindestsicherung, auf rund 300 Euro, kombiniert mit einer Gratismonatskarte für die Öffis. Die Strategie dahinter ist, möchte man vermuten, dass ein geheizter Schlafplatz in der U-Bahn massiv an Reiz gewinnt, sobald man versucht, sich mit den 300 Euro in der Tasche eine Unterkunft zu suchen.

 

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