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Wehret denen, die auf dem Wasser wandeln
sabine bretschneider 15.04.2016

Wehret denen, die auf dem Wasser wandeln

Es wird zunehmend irrelevant, ob man Nachrichten via Standard, Presse, ORF konsumiert – oder über Postillon und Tagespresse.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


LUSTIG? Es war wieder eine ereignisreiche Woche. Spannend, skurril – und manchmal nur mehr zum Hinsetzen und Gut-sein-lassen. Der Umgang mit den Scherzen des deutschen Satirikers Böhmermann löst einen geopolitischen Kontinentaldrift aus, der niederösterreichische Landesfürst lässt seinen Chef im Bund als armen Tropf dastehen, um den aufwendigen Anlauf zu den eigenen Herrschaftsjubiläumsfeierlichkeiten hübscher gestalten zu können. Und die ehemalige Finanzministerin Fekter sagt bei einem Auftritt im Rahmen der unendlicher Aufklärungsdiskussionen zur Kärntner Hypo allen Ernstes, sie habe a) die Banker eh geschimpft, b) gegenüber Brüssel für Österreich „wie eine Löwin gekämpft” – und den „Rucksack dieses Molochs, den ich übernommen habe, erleichtert”, und zwar um Milliarden (c). Sich in die Tasche zu lügen, ist offenbar leichter, wenn man vorher für genügend Leere gesorgt hat.

Failed Jokes

Liest man derzeit die Nachrichten zu den wichtigsten wochenpolitischen Themen (um den Rhythmus dieser Publikation zu berücksichtigen), dann ist es weitgehend egal, ob man sie via Standard und Presse konsumiert – oder über Postillon und Tagespresse. Die permanente satirische Überhöhung, der sich die politischen Abläufe selbst unterziehen, stellt auch die, die von Berufs wegen überzeichnen, vor Herausforderungen. Das ZiB2-Interview des Vizekanzlers hätten auch die Synchronkabarettisten von Maschek nicht besser hinbekommen. Wiewohl: „Besser” ist der falsche Ausdruck, „übler” trifft es eher. Der Versuch, eine Sachlage, die man augenscheinlich selbst verflucht, dennoch vehement zu verteidigen, aber zwischen den Zeilen doch Unmut kundzutun, ließ dem Zuseher die Gänsehaut über den Kopf kriechen.

Zurück zum Beginn: Was die Amerikaner in Nahost verbockt haben, indem sie mit milliardenteurem militärischem Overkill eine Reihe von vollkommen „failed states” produzierten, das macht Europa diplomatisch und mit feiner Klinge: Man schließt zuerst überhastet verhandelte Abkommen mit der Türkei und derem von diktatorischem Überschwang gefährdeten Staatsoberhaupt. Dann wundert man sich über die Konsequenzen und wirft den Menschenrechten mit Schwung und viel Einsatz die Meinungsfreiheit hinterher. Nach Happy Ending klingt das nicht.
Noch gibt es keine tragfähige Einigung, ob man etwa den Propheten jetzt eigentlich auf wie auch immer belustigende Art und Weise abbilden darf – und darüber, wie wir den Blasphemieparagrafen handhaben, da tut sich schon die nächste Hürde auf: Wie verfahren wir mit der belustigenden Darstellung diesseitiger Auf-dem-Wasser-Wandler? Schade halt, dass man nicht jegliche Entscheidung so dahinschleppen kann wie die österreichische Föderalismusreform.
Bleiben wir beim sakralen Unterton: „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: ‚Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.' (…) Was darf die Satire? Alles.” (Kurt Tucholsky). Darf sie? Muss sie? Und wenn sie darf und sollte: Definiere Satire … „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten.” (Karl Kraus).

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