PRIMENEWS
Wer bremst, hat verloren
sabine bretschneider 07.07.2015

Wer bremst, hat verloren


Eine kurze Zusammenfassung der mannigfaltigen Bemühungen, Griechenland mittels rationalem Ent­scheidungsverhalten im Kreise der Eurozone zu halten.

Chicken out Jetzt ist guter Rat teuer. Dem Vernehmen nach haben die Griechen „Ja zu Europa” und „Nein zu den Sparprogrammen” gesagt. So weit, so absurd. Absehbar war das Dilemma schon Anfang März. Damals preschte der griechische Finanzminister mit Vorschlägen zu Zusatzsteuereinnahmen vor, darunter der lustige Vorschlag, „eine große Zahl nicht professioneller Inspektoren” – Studenten, Haushälterinnen, Touristen – als Steuerfahnder einzusetzen. Ergänzt wurde dieses Feuerwerk an Ideen durch die Anregung von Außenminister Nikos Kotzias, EU-interne Entschädigungen für die Einnahmeausfälle im Zuge des Ukraine-Konflikts zu verlangen („Die müssen ersetzt werden innerhalb der EU. Das hat nichts mit Finanzhilfe zu tun”).

Das war allerdings nur Vorgeplänkel zur Idee des griechischen Sonderbotschafters Jorgo Chatzimarkakis, Griechenland mittels einer Milliarden-Wiedergutmachung für Nazi-Verbrechen wieder frisches Kapital zu verschaffen.
Am folgenden Tag preschte Varoufakis im Ringen um einen Ausweg aus der griechischen Schuldenkrise mit dem Vorschlag einer Volksabstimmung vor. Am gestrigen Montag trat Varoufakis zurück: „Die Volksabstimmung vom 5. Juli wird als einzigartiger Moment in die Geschichte eingehen, als eine kleine europäische Nation sich gegen die Schuldenknechtschaft erhoben hat”, heißt es laut dpa in der Rücktrittserklärung des akademisch geprüften Spieltheoretikers.
Hier wiederhole ich in groben Zügen eine Passage zu einer Variante der Spieltheorie, die vor acht Jahren an dieser Stelle Platz gefunden hat. Thema: das „Feiglingsspiel” („Chicken Game”). Szenario: eine Mutprobe. Zwei Sportwagen fahren mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu. Wer ausweicht, hat das Spiel verloren; wer nicht ausweicht, das Leben. Aus dem Ausweichen, Nichtausweichen, gleichzeitig ausweichen, etc. ergeben sich interessante dramaturgische Effekte bzw. Konsequenzen für die mathematische Berechnung der Resultate. Endgültig verwirrend wird das Modell per Faktor „Selbstbindung”. „Wenn beispielsweise einer der Spieler vor der Fahrt eine Flasche Wodka leert, die Sonnenbrille aufsetzt und dann während der Fahrt das Lenkrad aus dem Fenster wirft, schränkt er damit die mögliche Anzahl an Ausgangsvarianten schwer ein”, stand da. Im Lichte der jetzigen Entwicklungen war das jedenfalls eine interessante Prophezeiung.

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