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„Wir müssen überall dort sein, wo unser Publikum ist” © leadersnet.at/Christian Mikes
© leadersnet.at/Christian Mikes

26.02.2016

„Wir müssen überall dort sein, wo unser Publikum ist”

Alexander Wrabetz über den Informationsauftrag des ORF und seine Pläne für eine mögliche ORF-Periode „Wrabetz III”.

••• Von Dinko Fejzuli

WIEN. Am 9. August könnte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz das Kunststück gelingen, zum dritten Mal in Folge gewählt zu werden. medianet traf den Kandidaten zum ausführlichen Wahl-Gespräch.

medianet: Herr Generaldirektor Wrabetz. Weshalb sollte Ihnen, aus Ihrer Sicht, der Stiftungsrat neuerlich das Vertrauen aussprechen?
Alexander Wrabetz: Ich möchte den Weg, den wir begonnen haben, umfassend fortsetzen. Wir stehen gerade mitten in der Umsetzung, daher sollte die Person, die dies bisher verantwortet hat, es auch weiterführen und zu Ende bringen. Auch die programmliche Weiterentwicklung und das Thema Multimedialität soll ausgebaut und gestärkt werden. Unser Standortprojekt muss ebenfalls weiter umgesetzt und abgeschlossen werden.

Für all das müssen sich aber die Rahmenbedingungen verbessern. Es muss einen neuen Generalvertrag mit der österreichischen Gesellschaft geben, der Antworten auf Fragen gibt, wie etwa, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zukunft leisten soll. Und wenn das definiert ist, muss auch eine nachhaltige Sicherstellung des Finanzierungssystems gewährleistet werden.
Aber auch trotz schwieriger Rahmenbedingungen haben wir auf den verschiedenen Ebenen beste Leistungswerte vorzuweisen, auch im Vergleich mit anderen öffentlich-rechtlichen Sendern. Wir sind beim TV und Radio die klare Nummer eins, wir sind die größte Bewegtbildplattform und schreiben überall schwarze Zahlen. Wir sind in den Gebühren stabil, unsere Vertrauens- und Stimmungswerte sind gut. Wir haben koproduzierte Oscars gewonnen, den Emmy, wir hatten den Song Contest und was mich persönlich ehrt, ist die Auszeichnung ‚Medienmanager des Jahres'.


medianet:
Gerade aber bei Themen wie den multimedialen Aktivitäten wird auch die Frage laut, ob der ORF hier so aktiv sein soll.
Wrabetz: Wer unsere Aktivitäten in diesem Bereich infrage stellt, stellt auch den öffentlichen Rundfunk generell infrage. Es gibt durchaus auch Bereiche, wo wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk nicht tätig sein müssen – Dinge wie Online-Dating-Plattformen etwa.

Allerdings muss es uns ermöglicht werden, unseren Informationsauftrag überall dort zu erfüllen, wo auch unsere Hörer und Seher sind. Und das sind nun einmal auch und immer mehr die neuen digitalen Plattformen und zwar ohne die bisherige Regelung, dass Dinge, die wir online ausspielen, quasi zuerst in unserem klassischen Angebot eine Widerspiegelung finden müssen.
Die Reihung ‚erst TV und dann Online' wird sich nicht mehr lange halten. Es kann durchaus passieren, dass manche Nachrichten nur mehr online und gar nicht mehr im TV erscheinen. Und: Selbst wenn wir hier mehr Spielraum erhalten, hat der ORF dennoch genügend ­Beschränkungen.


medianet:
Es braucht einen zeit­gemäßen gesetzlichen Rahmen?
Wrabetz: Man muss gewisse Bestimmungen zeitgemäß formulieren. Das aktuelle ORF-Gesetz trat 2010 in Kraft. Damals gab es noch keine Tablets, und das Smartphone war gerade die Neuheit auf dem Markt. Viele Beschränkungen, die damals aufgesetzt wurden, würde man heute so nicht mehr machen.

medianet:
Die APA erweitert ihre Video-Services und integriert dabei über eine Kooperation vom ORF produzierte Live-Streams. Wappnet man sich in einem gemeinsamen Schulterschluss mit anderen heimischen Medien-Anbietern gegen Google, Netflix & Co?
Wrabetz: Ich habe schon vor fünf Jahren diesen Schulterschluss angeregt. Ich freue mich über die Kooperation mit der APA, und vielleicht kann man den Content in Zukunft auch Zeitungen zur Verfügung stellen. Auch ATV erhält von uns einen Teil der Fußball-EM-Rechte. Wir geben hier über eine Sublizenz sechs Partien ab, zum Nutzen der Zuschauer, die sich jetzt ihre individuelle ‚Konferenzschaltung' gestalten können bei den Parallelspielen. Fakt ist übrigens auch, dass etwa die Rechte der Olympischen Spiele von 2018 bis 2024 an globale Player wie den Discovery-Konzern gehen. Wir klassischen Medienveranstalter müssen uns zusammenschließen und Rechtepakete für den nationalen Markt sichern.

medianet: Trotzdem könnten Olympia & Co. künftig nur woanders zu sehen sein.
Wrabetz: Auch mit diesen Situationen muss ein ORF umgehen können. Dennoch sollten wir nie leichtfertig aufgeben. Die Zukunft des linearen Fernsehens liegt in zwei Hauptsäulen: im Live-Content und im unverwechselbaren, eigenproduzierten Content. Daher spielen Dinge wie ‚Dancing Stars', aber auch der mitgestaltete oder lizensierte Content, wie Sport, eine wichtige Rolle. Wir müssen konkurrenzfähig bleiben. Die Rechtevergabe der Olympischen Spiele ist eine bedenkliche Entwicklung. Die Gesellschaft zahlt Gebühren und erwartet sich diese Inhalte, und zwar auf einem Sender, der auch gesehen wird und aus einer österreichischen Perspektive.

medianet:
Welche wirtschaftliche Bedeutung haben auch im Ausland erfolgreiche Dinge wie ‚Altes Geld' oder die ‚Vorstadtweiber'?
Wrabetz: Amerikanische Serien und Filmprodukte werden austauschbarer und die Jüngeren schauen häufiger online. Es braucht Leuchtturmprodukte wie die Vorstadtweiber'. Diese haben zwar eine österreichische Ausrichtung, funktionieren aber beispielsweise auch in Deutschland. Ich habe das Auftragsvolumen an die heimische Film- und TV-Wirtschaft für die kommenden drei Jahre mit 300 Millionen angesetzt, welches in Eigenproduktionen investiert wird. Wir gewährleisten der Branche eine Planungssicherheit und sichern uns so einen Partner mit Substanz, der an kreativen Entwicklungen mitwirkt. Allerdings sprechen wir hier von keinem Geschäft, mit welchem der ORF reich wird. Solche Premium-Produkte sind am Markt nicht finanzierbar, daher gibt es sie auch nur beim ORF. Es gibt eine Teil-Refinanzierung, die man direkt in ein neues Produkt steckt.

medianet:
Kommen wir zum Radio. Hier gibt es für Ö3 sowohl bei den Reichweiten und beim Marktanteilen einen Rückgang …
Wrabetz: Man kann hier nur dringend appellieren, die Kirche im Dorf zu lassen und sich nicht selbst kleinzureden. Wir haben bei den Reichweiten einen Rückgang von 41% auf 40% zu verzeichnen. Das ist nicht dramatisch. Wir haben unsere Hörer auch nicht an andere Sender verloren, es haben einfach ein paar Menschen weniger Radio gehört. Wir müssen sehen, ob diese Rückgänge nachhaltig sind und wie wir reagieren können. Die wichtigste Aufgabe für Ö3 ist sicherlich, mit dem Publikum mitzureifen und gleichzeitig die jungen Hörer nicht zu verlieren.

medianet:
Ö3-Senderchef Georg Spatt sieht den Grund für die Rückgänge in der von der Politik festgesetzten Quote für heimische Musik, die bei 15% zu liegen hat.
Wrabetz: Die Vielfalt der österreichischen Musik, die tollen Erfolge, die diese feiert und die stringente Programmierung sind auch das, was die Herausforderung darstellt. Die Förderung österreichischer Musik zählt zu unseren Aufgaben und ist sicher keine Bedrohung für die ORF-Radios. Dennoch ist es sinnvoller, wenn die Programmleitung im Rahmen eines Agreements mit der Branche, wie es von mir getroffen wurde, entscheiden kann, wann und wo wie viel heimische Musik gespielt wird, als wenn das gesetzlich geregelt wird, was ja durchaus im Raum stand.

medianet:
Ein Quell durchaus großer Freude sind die Spartenprogramme, und hier vor allem ORF III. Die durchschnittliche Tagesreichweite lag bereits bei 544.000, jene von ORF Sport + bei 203.000.
Wrabetz: Mit ORF III ist uns etwas gelungen, das auch im internationalen Vergleich als rasanter Start bezeichnet werden kann. Es hat von Beginn an alles gepasst: Sendername, Positionierung, Programmstruktur und letztlich die Umsetzung des Programms. In Relation zu dem geringen Budget und dem kleinen, sehr engagierten Team ist bemerkenswert, wie der Sender angenommen wird – sicherlich ein Beweis dafür, dass es auch in schweren Zeiten möglich ist, ein neues Produkt zu produzieren.


medianet:
Kommen wir zum Ausblick. Am Küniglberg herrscht rege Bautätigkeit und 2019 könnte der trimediale Newsroom des ORF Realität sein. Welche Veränderungen wird dieser mit sich bringen?
Wrabetz: Manchmal ist es sinnvoll, eine Geschichte aus mehreren Perspektiven zu erzählen. Es darf kein Einheitsbrei entstehen. Deswegen wird es auch weiterhin sinnvoll sein, manchmal mehrere Teams auf einen Pressetermin zu schicken. Derzeit hat der ORF 18 Sender. In 15 Jahren könnten es aber schon 25 Sender sein. Da wäre es sicher nicht leistbar, für jeden ein eigenes Team loszuschicken. Mit einem trimedialen Newsroom könnte man Synergiemöglichkeiten bestens ausnutzen und sich besser vernetzen und damit unsere journalistische Qualität noch weiter ausbauen.

medianet:
Bleiben wir beim Thema Standort; Gerüchten zufolge wird das Landesstudio Wien im Standort Funkhaus bleiben.
Wrabetz: Bisher haben wir diesbezüglich noch keine Entscheidung getroffen. Ein Hauptstadtstudio in der Stadt erachte ich aber als sinnvoll. Wo das sein wird, und ob das deckungsgleich mit dem Landesstudio Wien sein wird, diese Frage ist noch nicht entschieden. Fix ist bisher nur, dass das Radiokulturhaus auf jeden Fall dort erhalten bleibt.

medianet:
Mit Ihrer Wiederwahl könnte der ORF eine Re-Organisation in Richtung horizontale Strukturen erfahren …
Wrabetz: … dazu kann ich eines sagen: Es wird keine Doppelspitze geben, das wurde inzwischen ja auch vonseiten der Medienpolitik klargestellt. Wie wir die Direktionen aufstellen, werde ich in einem Bewerbungskonzept entsprechend präsentieren. Grundsätzlich möchte ich die Channels in der Struktur mehr betonen und stärker in den medienübergreifenden Clustern Kultur, Sport, Unterhaltung und Information denken.

medianet:
Kommen wir zum aktuellsten ORF-Baby. Im März startet das Format ‚Guten Morgen Österreich'. Was war der ausschlaggebende Punkt, doch ein – wie es der ORF nennt – ‚Frühfernsehen' zu starten, und welche Rolle wird den Landesstudios zukommen?
Wrabetz: So lange wir mit dem Wetterpanorama noch Marktführer waren, hatte das Frühfernsehen keine Priorität. In dem Moment, wo ich gesehen habe, das Wetterpanorama ist aufgrund anderer Frühformate nicht mehr konkurrenzfähig – und der Anteil jener, die schon früh den Fernsehen anschalten, steigt –, stieg diese Priorität allerdings an. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist, dass wir damit auch mit der Information, den ZiBs, ab 6 Uhr früh im 30-Minuten-Takt auf Sendung sind und nicht wie bisher erst um 9 Uhr. Auch das ist ein ganz wichtiger Schritt für den weiteren Ausbau unserer Info-Kompetenz.

Und zu den Landesstudios: Die Regionalität wird dabei immer bedeutender. Wir holen deren inhaltliches Angebot jetzt noch mehr in das nationale Programm, der Ausbau der Regionalität war einer der wichtigen Schritte der letzten Jahre. Das Frühfernsehen ist ein zusätzlicher Ansatz hierfür. Wir zeigen Österreich her, es ist auch eine große Marketingaktion. Wir sind bei jenen vor Ort, für die wir das Programm machen. Wir können den Markt beleben.
Ich weiß aber auch, dass es natürlich keinen Seher geben wird, der drei Stunden durchgehend um diese Zeit vor dem Fernseher sitzt. Dennoch gibt es ein Publikum, dem wir bisher kein Angebot gemacht haben. Und: ORF 2 bleibt das wichtigste Flaggschiff, er verbindet das Land und nun können wir statt um neun schon um sechs Uhr früh aufsperren.


medianet:
Letzte Frage: Thomas Prantner hat im dieswöchigen News quasi seine Kandidatur für einen Direktoren-Posten bekannt gegeben. Wusste der GD von dieser Ankündigung und was hält er von einer Neue-Medien/Online/Hörfunk-Direktion und käme er dafür infrage?
Wrabetz: Man sollte das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Im August wird der Generaldirektor vom Stiftungsrat bestellt, der wiederum schlägt in Folge dem stiftungsrat die Geschäftsverteilung vor und schreibt die Direktions- und Landesdirektionsfunktionenaus. Ab dann gibt es die Möglichkeit, sich für eine konkrete Position zu bewerben. Der Generaldirektor schlägt dann dem Stiftungsrat sein Direktorinnen- und Direktoren-Team vor, das dann bestätigt werden muss.

medianet:
Und jetzt die wirklich letzte, aber sehr wichtige Frage: Wird es im neuen ORF-Direktorium und bei den Landesdirektoren künftig mehr Frauen geben?
Wrabetz: Ziel ist es jedenfalls, in den Führungspositionen im ORF den Frauenanteil zu erhöhen.

ORF Wahl 2016 - Alle Kandidaten, alle Infos hier als pdf zum Download

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