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Die Anleger-Illusion vom richtigen Timing © AFP/Daniel Roland
© AFP/Daniel Roland

Andre Exner 28.04.2017

Die Anleger-Illusion vom richtigen Timing

Kurzfristiges Markttiming ist der Weg in den Untergang: Den richtigen Zeitpunkt kann man nie erwischen.

••• Von Andre Exner

WIEN. An der Börse sind zwei plus zwei nicht vier, sondern fünf minus eins, besagt eine alte Börsenweisheit. Zu Recht, meint Robert Karas, Leiter Asset Management der Schoellerbank AG: „Rückschläge an den Börsen sind etwas völlig Normales; als Anleger muss man damit leben.” Das muss gelernt sein: Um dieses ständige Auf und Ab an den Märkten fassbarer zu machen, zeigt Karas seinen Kunden vor dem Abschluss einer Vermögensverwaltung die maximalen Rückschläge, welche die jeweilige Variante über die letzten 25 Jahre erlitten hat. Dadurch soll das Schwankungsrisiko greif­barer gemacht werden.

Rückschläge garantiert

„Bei jedem Termin mit potenziellen Vermögensverwaltungskunden zeige ich diese Folien und garantiere, dass sie diese Rückschläge auch in Zukunft erleben werden”, so Karas. Er nennt auch ein konkretes Beispiel: „Beim Platzen der Technologieblase und in der Finanzkrise erlitt dieses Portfolio einen Rückschlag von über 20%. Irgendwann werden wir wieder so einen Rückschlag erleben. Angenommen, Sie investieren heute eine Million Euro, und in einem Jahr steht auf dem Bericht 800.000 Euro. Halten Sie das aus?”

Jeder Kunde meint anfangs, dass er den jeweiligen Rückschlag locker aushält. Nun, wie eine andere Börsenweisheit sagt – erst wenn die Ebbe kommt, merkt man, wer ohne Badehose schwimmen gegangen ist. „In den tatsächlichen Bärenmärkten stellt sich dann heraus, wie viel die Kunden wirklich ertragen”, sagt Karas aus Erfahrung: Je düsterer die Meldungslage, umso düsterer die Stimmung der Anleger. „So wie man zuvor, in der guten Zeit, einfach kaufen musste, scheint plötzlich der Verkauf die einzig mögliche Option”, weiß der Schoellerbank-Experte.

Bärenmärkte aushalten

Er rät dazu, in Aktien von Qualitätsunternehmen zu investieren – und diese langfristig zu halten. Denn nur wer langfristig investiert ist und auch schlechte Börsentage erlebt, kann auch in guten Zeiten dabei sein. „Der Wunsch, an den besten Tagen investiert zu sein, aber die schlechtesten zu vermeiden, wird leider nie Wirklichkeit werden”, sagt Karas. Daher ist die einzige Option, Aktien und Märkte zu wählen, an die man aus fundamentalen Gründen glaubt, und bei fallenden Kursen nachzukaufen. So macht es auch Investment­legende Warren Buffett.

Langfristig zahlt sich das aus. So ist der Weltaktienindex MSCI World seit 2001 auf täglicher Basis zu verfolgen. Seit diesem Zeitpunkt lieferte der Index der größten Aktien weltweit eine jährliche Rendite von 3,8% auf Eurobasis. Hätte man über diese 16 Jahre und mehr als 4.000 Handelstage nur die zehn besten Handelstage versäumt, läge die Rendite bei äußerst schmalen 0,3%. Interessant ist, wann diese Tage stattfanden – nämlich alle bei Platzen der Technologieblase 2002/2003 sowie im Zuge der Finanzkrise 2008/2009. „Damit ist klar: Wer an den besten Tagen investiert sein will, muss mit Bärenmärkten leben können”, resümiert Karas. Oder, um noch eine Börsenweisheit zu zitieren: Hin und her macht Taschen leer.

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