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Effiziente Energie © Schuller/NES

Eine Photovoltaikanlage auf einem Gebäude reicht für sich genommen noch lange nicht für das Prädikat „Plus-Energie-Gebäude”.

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Eine Photovoltaikanlage auf einem Gebäude reicht für sich genommen noch lange nicht für das Prädikat „Plus-Energie-Gebäude”.

PAUL CHRISTIAN JEZEK 15.07.2016

Effiziente Energie

Gesicherte Erkenntnisse für die Weiterentwicklung von Standards am Beispiel des Plus Energie-Bürohauses an der TU Wien.

••• Von Paul Christian Jezek

WIEN. Mit einem Anteil von 40% ist der Energiebedarf in Gebäuden neben der Mobilität einer der größten „Brocken” des europaweiten Energieverbrauchs. EU-Richtlinien und nationale Gesetze verpflichten zu einer Reduktion des Energieverbrauchs durch Steigerung der Energieeffizienz – so sind alle EU-Staaten gefordert, Mindestanforderungen für die Gesamt-Energieeffizienz aller Gebäude gesetzlich festzulegen, diese anzuwenden und mittels Energieausweis nachvollziehbar zu machen. Zudem müssen ab 2021 alle neuen Gebäude im Niedrigstenergie-Standard (= „Nearly Zero Energy Building”) errichtet werden. Doch eine genaue Definition von diesen „Nahe an Null Energie verbrauchenden”-Häusern gibt es bisher nicht.

Aber wie können Bauherren und Planer sicher sein, dass sie die Energieeffizienz-Anforderungen auch optimal umsetzen und die energetischen Berechnungen für den Gebäude-Energieausweis korrekt durchführen, um den behördlichen Vorgaben und Kontrollen standzuhalten? Und wie können Konsumenten darauf vertrauen, dass ihr neues oder saniertes Niedrig(st)energie- oder Plus-Energie-Gebäude auch das hält, was Planer oder Makler versprechen?

Verbindliche Parameter fehlen

„Dafür braucht es genau definierte, einheitliche Standards, damit sich Bauherren, (Fach-)Planer und ausführende Firmen richtig verstehen und vom selben Ziel reden”, betont Stefan Wagmeister, Vizedirektor Standards Development und Komitee-Manager bei Austrian Standards. Andere Experten aus Forschung und Praxis stimmen ihm zu. „Denn nicht immer ist dasselbe gemeint, wenn von energieeffizienten Gebäuden und Niedrigstenergie-Gebäuden geredet wird”, erklärt Universitätsprofessor Thomas Bednar vom Institut für Hochbau und Technologie an der TU Wien. „Wenn z.B. eine Photovoltaikanlage aufs Haus montiert und elektrische Energie gewonnen wird, heißt das noch lange nicht, dass das ein Plus-Energie-Gebäude ist.”

Häufig wird auch beklagt, dass die vom Planer berechneten Energiewerte energieeffizienter Häuser nicht der Realität entsprechen. „Das kommt daher, dass in Europa ausschließlich standardisierte Nutzung und gründliche Ausführung für die Berechnung des Energieverbrauchs herangezogen werden”, sagt Bednar. „Wichtig ist es aber, in der Beratung auch die tatsächliche Nutzung des Gebäudes – also auch den tatsächlich benötigten Strom für Elektrogeräte – einzubeziehen.”

Stolpersteine für die Planer

So beeinflusst der Gebäudenutzer durch sein Lüftungs-, Heiz- und Kühlverhalten die Energiebilanz maßgeblich. „Solange es aber keine klaren Definitionen und Parameter zur Berechnung des Gesamtenergieverbrauchs von Gebäuden gibt, wird es Unklarheiten und Abweichungen von Messergebnissen geben”, bringt Bednar die Problematik auf den Punkt – ein Umstand, der sich vor allem für Planer und Architekten als Stolperstein erweisen kann.

Rechtssicherheit gibt es nur durch standardisierte Nachweisverfahren. Daher sind normierte Werte als Basis zur Berechnung der Werte für den Energieausweis und auch zur Energieverbrauchsprognose unumgänglich. Für den Energieausweis ist eindeutig definiert, welche Werte jeder Planer als Basis heranzieht. Bei einer späteren Nutzung schwanken allein die Werte für die eingestellte (= für den Bewohner behagliche) Raumtemperatur zwischen 19 und 25 Grad Celsius in den Wintermonaten und zwischen 23 und 26 Grad im Sommer. Diese Schwankungsbreite wirkt sich eklatant auf den daraus resultierenden Kühlenergie- bzw. Heizungsenergieverbrauch aus.

Standards werden überarbeitet

Mit der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie EPBD 1 sind neue Europäische Standards – sogenannte EPB-Normen (= Energy Performance of Buildings) entstanden. Dieses Paket dient als Grundlage für die Erstellung von Energieausweisen und wird derzeit überarbeitet, um sie mit den international gültigen ISO-Standards in Einklang zu bringen. Ziel ist es, eine größtmögliche Vergleichbarkeit innerhalb Europas betreffend die Energiekennzahlen (z.B. Primärenergiebedarf PEB, CO2-Emission) in Energieausweisen zu schaffen.

„Wichtig dabei ist es, dass durch Forschung abgesicherte Ergebnisse in die Normung einfließen”, betont Bednar. Der Universitätsprofessor und sein Team haben mit der Sanierung des Chemie-Hochhauses der TU Wien Österreichs erstes Plus-Energie-Bürohochhaus entwickelt, das im Vorjahr eröffnet wurde und nun als Demonstrationsobjekt für optimale Energieeffizienz dient. Ein Bürohochhaus als Plus-Energie-Gebäude zu konzipieren, das mehr Energie ins Stromnetz liefert, als für Gebäudebetrieb und Nutzung benötigt wird, war eine echte Herausforderung und Premiere in Österreich.

Das Plus-Plus-Gebäude

„Wir haben in unsere Berechnungen nicht nur Lüftung, Heizung und Kühlung, sondern die gesamte Nutzung miteinbezogen, bis hin zu den Computern und der Kaffeemaschine”, sagt Thomas Bednar. „Vielleicht sollte man also von einem Plus-Plus-Gebäude sprechen.”

Im Jahresmittel kann die gesamte Energie, die in den acht Bürogeschoßen benötigt wird, direkt am Haus gewonnen werden. Dazu ist die wärme-, sonnenschutz- und lichttechnisch optimierte Fassade mit Österreichs größter fassaden­integrierter Photovoltaikanlage versehen. „Die Ergebnisse und Erkenntnisse aus diesem Projekt geben wir nun an die Gesellschaft weiter, u.a. indem wir sie in die Entwicklung von Standards einfließen lassen”, resümiert Bednar.

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