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Es gibt viel zu tun für den Wiener Wohnbaustadtrat © Jobst/PID

Wencke Hertzsch, Projektleiterin des Stadtteilmanagements Seestadt Aspern, und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig.

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Wencke Hertzsch, Projektleiterin des Stadtteilmanagements Seestadt Aspern, und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig.

Redaktion 11.03.2016

Es gibt viel zu tun für den Wiener Wohnbaustadtrat

Michael Ludwig plant aktuell 13.000 neue Wohneinheiten pro Jahr in der Bundeshauptstadt – 9.000 davon im geförderten Bereich.

••• Von Paul Christian Jezek


Das Bevölkerungswachstum bringt für die Bundeshauptstadt eine Reihe an An- bzw. Herausforderungen mit sich – z.B. für die städtische Infrastruktur. Von den Öffis und den Verkehrslösungen über Gesundheitsversorgung, Schul- und Kindergartenangebot bis hin zu Energieversorgung, Wasser und Abwasser muss entsprechend aus- und weitergebaut werden. Massiv betroffen vom Wiener Wachstum ist natürlich auch der Wohnbaubereich. Dabei liegt die Neubauleistung in den letzten Jahren bereits „auf Rekordniveau”, sagt Wohnbaustadt ­Michael Ludwig im medianet-­Exklusivinterview. „Wir haben seit 2007 die Wohnbauleistung sukzessive und kontinuierlich angehoben. Mit jährlich rund 10.000 neuen Wohneinheiten, davon etwa 7.000 aus dem geförderten Bereich, wird in Wien so viel gebaut wie in kaum einer anderen europäischen Stadt.”

Um die Neubauleistung auch in den kommenden Jahren auf ähnlichem Niveau zu halten und mittelfristig sogar noch zu steigern, hat die Stadt Wien eine zusätzliche Wohnbau-Offensive ins Leben gerufen. Ludwig: „Mit einer weiteren Bodenmobilisierung und insbesondere durch die zügigere Abwicklung von Widmungs- und Bauprozessen sowie Verfahrensvereinfachungen sollen Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen erreicht werden.”

Schneller und kostengünstiger

Ludwig will dafür durchaus im eigenen Bereich ansetzen: Die dienststellenübergreifenden Abläufe sollen stärker vernetzt und aufeinander abgestimmt werden. „Damit werden Verfahren beschleunigt und die Projektrealisierung von der Konzeption bis zur Schlüsselübergabe deutlich verkürzt.”

Gleichzeitig würden die Kosten dadurch eingedämmt. Durch die verstärkte Inanspruchnahme des Modells der Wiener Wohnbauinitiative sowie der vom Bund über die Wohnbauinvestitionsbank (WBIB) bereitgestellten Mittel sollen zudem zusätzliche Wohneinheiten zu erschwinglichen Konditionen errichtet werden können. Mit diesem Wohnbaupaket sei ab 2017 – abgestimmt auf die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung – eine deutliche Steigerung des Neubauvolumens um gut 30% erreichbar. Ludwig: „Insgesamt 13.000 Wohneinheiten – davon rund 9.000 aus dem geförderten Bereich – sollten dann in die Realisierung gehen.”

Das Wohnbaupaket im Detail

1. Zusätzliche Projekte und zusätzliche Wohneinheiten:
• Deutliche Steigerung der Neubauleistung um 30% von derzeit insgesamt 10.000 Wohneinheiten im Jahresdurchschnitt ab dem Jahr 2017
• Deutliche Erhöhung der Quantität durch die Verdoppelung auf 4.000 Gemeindewohnungen in der laufenden Periode (bis 2020)
• Sofortprogramm mit 1.000 Wohnungen in Holzbauweise gemäß einem noch zu novellierenden §71c BO für Wien auf Liegenschaften der Widmungen Verkehrsband und Betriebsbaugebiet bzw. Arealen mit Bausperren.
2. Verkürzung von Verfahren und raschere Realisierung:
• Optimierung von Verfahrensabläufen in Wohnbau und Planung, effizientere Gestaltung und Abbau von Hindernissen
• Verkürzung der Bauträgerwettbewerbe um zwei Monate
• Bauträger werden zur Inanspruchnahme von Finanzierungsangeboten der Wohnbau-Investitionsbank (WBIB) des Bundes motiviert und können bei positiver WBIB-Bewertung um zusätzliche Wohnbauförderung der Stadt Wien ansuchen; in diesem Zusammenhang kann die Befassung des Grundstücksbeirats entfallen
• Der Wohnbauförderungsbeirat entfällt, was einen weiteren Monat an Zeitgewinn bringen soll
• Beschleunigung der Widmungsverfahren und Verkürzung der Verfahrensdauer; Zeitgewinn: zwei Monate.
3. Eindämmung der Planungs- und Errichtungskosten
• Deckelung der Kosten der Freiraumgestaltung
• Optimierung der nicht ganzjährig genutzten und nachgefragten Gemeinschaftseinrichtungen
• Anpassungen der Wiener Förderrichtlinien sollen Kostenreduktionen bei Wärmeschutz und Fenster bringen
• Anpassung der Stellplatzverpflichtung und nachfrageorientierten Errichtung von kostengünstigen Stellplätzen durch die Bauträger sowie bedarfsgerechter Fahrradabstellräume.
4. Strukturelle Maßnahmen
• Zusätzliche Grundstücks- und Flächenmobilisierung durch die konsequente Umsetzung der ­Immobilienstrategie der Stadt Wien
• Neustrukturierung der bisherigen Infrastrukturkommission als Lenkungs- und Steuerungsgremium sowie die Bereitstellung der notwendigen Mittel für soziale und technische ­Infrastruktur
• Die Bezirksvertretungen als wichtige Partner werden bei Entscheidungen zur Infrastruktur in ihrer Verantwortung im Gesamtinteresse der Stadt Wien bestärkt.

Noch einmal mahnt Ludwig explizit zum Schulterschluss und zu gemeinsamen Anstrengungen und betont, dass „das ressortübergreifende, koordinierte und aufeinander abgestimmte Vorgehen aller Abteilungen und Einrichtungen der Stadt von zentraler Bedeutung für die zukünftige Entwicklung als Wohn- und Lebensraum ist”.
Wien verfüge über eine fast 100-jährige erfolgreiche Erfahrung mit sozialem Wohnungsbau, was in dieser Form weltweit einmalig und entsprechend anerkannt sei. Im Umfeld der IBA in Wien (siehe Kasten rechts) sieht der Wohnbaustadtrat fünf wesentliche Themenbereiche für die Bundeshauptstadt:

Wichtige Herausforderungen

1. Leistbares Wohnen: Wie können der Wohnbau und die Entwicklung neuer Quartiere einer sozialräumlichen Trennung entgegenwirken? Was bedeutet dies für (halb-) öffentliche Räume in Wohngebieten? Wie kann es gelingen, für eine steigende Anzahl an Menschen mit besonders geringem Einkommen leistbare und qualitätsvolle Angebote in ausreichender Menge, in integrierten Lagen und sinnvoller sozialer Durchmischung anzubieten?
2. Veränderte Altersstruktur: Wien wird jünger und älter zugleich; neben der Gruppe der jungen Menschen wächst auch die Zahl der älteren und hochbetagten Menschen. Ihnen will die Stadt möglichst lang ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Bisher sei das mittels unterschiedlicher Modelle sehr gut gelungen, meint Ludwig. Dennoch stelle sich die Frage, wie zeitgemäße Wohnformen für diese Bevölkerungsgruppe aussehen können und welche Möglichkeiten das Generationenwohnen oder andere integrierte Wohnformen bieten.
3. Vielfalt/Partizipation: Wie gelingt es in neuen Stadtquartieren, urbane Vielfalt, hybride Strukturen, lebendige Erdgeschoßzonen und gemischt genutzte, umnutzbare Häuser zu entwickeln? Ludwig: „Über das Bauen hinaus geht es hier vor um die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher, nutzungsbezogener und auch städte­baulicher/architektonischer Vielfalt im Quartier, um neue Beteiligungsmodelle und Aktivierungsprozesse, um legistische und soziale Innovationen.”
4. Architektur: Diese ist ebenso in Veränderung begriffen und muss auf neue Rahmenbedingungen eingehen. Die IBA Wien wird daher eine grundsätzliche Architekturdiskussion abhalten, z.B. zu der Maßstäblichkeit, Körnung und Dichte, der Raumkunst, Materialien sowie Standards.
5. Klima & Umweltschutz: Im Wiener Wohnbau werden seit Jahren Standards für energieeffiziente Gebäude gesetzt. „Dennoch wird es weiter darum gehen, innovative Beiträge zu erarbeiten und im internationalen Austausch voranzutreiben”, mahnt Ludwig. „Wie gelingt es also, Stadtteile zu schaffen, die mit einer optimalen Energiebilanz errichtet und über die Lebenszeit der Gebäude betrieben werden?”

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