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Wie sich Holz als Baustoff immer stärker emanzipiert © Buchner GmbH/LUMINA Kreativagentur

Haus im Grünen Klarer Sieg beim Publikumspreis für das Holzhaus der Familie Steinkellner in Arbing: Mehr als 2.800 Oberösterreicher stimmten für ­diesen Wohnbau.

© Buchner GmbH/LUMINA Kreativagentur

Haus im Grünen Klarer Sieg beim Publikumspreis für das Holzhaus der Familie Steinkellner in Arbing: Mehr als 2.800 Oberösterreicher stimmten für ­diesen Wohnbau.

PAUL CHRISTIAN JEZEK 03.06.2016

Wie sich Holz als Baustoff immer stärker emanzipiert

Spektakuläre Holzbau-Projekte wie Canary Wharf Crossrail Station in London oder das 24 Stockwerke hohe HoHo in der Seestadt Aspern sorgen weltweit für Furore – und auch in Oberösterreich agiert man innovativ.

••• Von Paul Christian Jezek


Die Canary Wharf Crossrail Station ist für London nicht „nur” ein städtebaulicher Meilenstein, sondern beeindruckt auch mit ihren Dimensionen. Entworfen von Architekturguru Norman Foster, erinnert die Haltestelle an ein Schiff, dessen krönenden Abschluss eine rund 300 m lange Holzdachkons­truktion der Wiehag GmbH aus Altheim (OÖ) darstellt.

„Um die architektonischen Vorgaben zu erfüllen, haben wir die Konstruktion ein ganzes Jahr lang optimiert”, erklärt Wiehag-Projektleiter Clemens Huber die Pionier­arbeit an der Themse. „Ursprünglich waren hochaufwendige, zugefräste Holzteile geplant. Dann haben wir den Metallknoten komplexer gemacht, wodurch die Holzbauteile einfacher zu fertigen waren.”

100 Meter im Visier

Ähnlich anspruchsvoll ist auch die Errichtung des HoHo in der Seestadt Aspern: Mit 84 m wird dieses Leuchtturmprojekt nach der Fertigstellung 2018 das höchste Holzhochhaus der Welt sein.

Die entscheidende Vorgabe für den Architekten Rüdiger Lainer war, ein Gebäude zu entwerfen, das den Baustoff Holz im wahrsten Sinne des Wortes spürbar macht. Daher wurde das Hoho mit einem Betonkern samt angedockten Holzkonstruktionen sowie Decken aus Holz-Beton-Verbund geplant. So wird das Holz in der Untersicht der Decken, in den Außenwand- und Fassadenelementen sowie den Stützen stets sicht- und fühlbar bleiben.
Dass die Höhe des Gebäudes insbesondere die Statik vor ganz neue Herausforderungen stellt, liegt auf der Hand. „Das Hochhaus besteht aus drei Einzeltürmen, die sich gegenseitig stützen und ein intelligentes Aussteifungskonzept haben”, erläutert HoHo-Tragwerksplaner Richard Woschitz. „Wir haben die statischen Probleme gut in den Griff bekommen; daher glaube ich nicht, dass mit 84 Metern bereits das Limit erreicht ist – 100 Meter für Holzhochhäuser sind durchaus realistisch.”

Ausgezeichneter oö. Holzbau

Durchaus ähnlich spektakulär entwickelt sich die Holzbau-Erfolgsgeschichte in Oberösterreich.

In den vergangenen Jahren wurde der Werkstoff Holz in seiner enormen Vielfalt einem immer breiteren Anwender- und Kundenkreis bewusst, und infolgedessen gab es beim diesjährigen oö. Holzbaupreis gleich 126 Einreichungen – vom klassischen Ein- und Mehrfamilienhaus zum Schulgebäude in Hybridbauweise, vom Kindergarten zur modernen Messehalle, vom Holzlager zum Musikpavillon oder vom Beach-Club bis zur Crossrail Station.
„Der OÖ Holzbaupreis erfüllt viele wichtige Funktionen”, sagt Umwelt-Landesrat Rudolf Anschober. „Er stellt die Naturressource Holz als zukunftsträchtiges Baumaterial in den Mittelpunkt, streicht die wertvollen technischen Eigenschaften hervor, zeigt die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten in der modernen Holzbauarchitektur und ist Dokument für wirtschaftlich erfolgreichen Klimaschutz. ­Einer der ältesten Baustoffe der Welt wird heute – dank des Umdenkens in Richtung Ressourcenschonung – neu entdeckt.”
Die Möglichkeiten, die der Holzbau bietet, hat das Bundesland er­kannt, weshalb 2013 eine Gesetzesnovelle in Kraft getreten ist, die es erlaubt, dass in Oberösterreich auch vier- und mehrgeschossige Gebäude in Holzbauweise errichtet werden können. Für die Holzbaubetriebe, deren Zulieferer, die Architekten ebenso wie für den ländlichen Raum bietet sich somit ein großes wirtschaftliches Potenzial.
Beim diesjährigen oö. Holzbaupreis wurden sieben Siegerprojekte ausgezeichent und zusätzlich ein Publikumspreis vergeben:

Wohnbauten & öffentlicher Bau

In der Kategorie „Wohnbauten” wurde ein Einfamilienhaus am östlichen Ende des Mondsees ausgezeichnet, das als Holzrahmenbau ausgeführt wurde.

Durch die hohe Transparenz der Fassade im Obergeschoss erleben die Bewohner eine innige Verbindung von Innen- und Außenraum und genießen die herrliche Aussicht auf den See und die umliegende Berglandschaft.
Speziell im Wohn-, Ess- und Kochbereich herrscht durch die gewählten Holz- und Lehmputzoberflächen warme Wohnlichkeit. Durch die allseitig weiter nach außen führende Zwischendecke und das weit auskragende Flachdach erfährt das Gebäude einen vorbildlich gelösten, konstruktiven Witterungsschutz, und andererseits ergeben sich zwei großzügig überdachte, sehr einladende Terrassenaußenbereiche. Nach außen hin wird der Holzcharakter besonders in der hinterlüfteten Dreischicht-Lärchenfassade des Erdgeschosses deutlich. Auf eine sehr sorgfältige Verarbeitung speziell in der Einbindung der Fensterlaibungen und der Eckausführungen wurde viel Wert gelegt.
Beim Siegesprojekt in der Kategorie „Öffentlicher Bau” handelt es sich um den Kindergarten V in Marchtrenk: Schon am Gehsteigrand werden die Besucher von einem weit ausladenden Vordach aufgenommen und in eine weite, lichte Halle hineingeführt, die in alle Richtungen Blick- und Raumbezüge herstellt und gleich einem Stadtplatz Wege vernetzt und den Teilbereichen eine Mitte schenkt. Für die helle Grundstimmung des ganzen Hauses sind die Holzoberflächen verantwortlich, die man erst bei genauem Hinsehen als das rohe, in die Tiefe reichende Schichtholz der massiven Konstruktion identifiziert.

Weitere Siegesprojekte

In der Kategorie „Wohnbauten” wurde ein Einfamilienhaus am östlichen Ende des Mondsees ausgezeichnet, das als Holzrahmenbau ausgeführt wurde. Die HTBLA Hallstatt Bauteil Werkstatt W3 – Siegesprojekt bei den gewerblichen und landwirtschaftlichen Bauten – ist ein Musterbeispiel für eine Hybridbauweise. Differenzierte Anforderungen aus funktionaler, städtebaulicher und konstruktiver Sicht werden hier in einem schlüssigen Gesamtkonzept gelöst.

Auf einem aus Stahlbeton errichteten Sockel kommt der zweigeschossige Holzbau in Brettsperrholz zu liegen, der durch seine Auskragung den Vorbereich der Bootsbauhalle stützenfrei überdeckt und somit nach außen funktional erweitert.
Der Hof O. – Sieger bei „Umbauten, Zubauten und Sanierungen” – war in seiner ursprünglichen Typologie ein Dreiseithof und wuchs in verschiedenen Ausbaustufen in der Vergangenheit zu einem Einspringerhof zusammen. Die Raumerweiterung wurde zur Gänze in die historische Holzkonstruktion der ehemaligen Tenne eingefügt; bestechend dabei ist die komplexe Qualität der Detaillösungen, die sich in einer scheinbar handwerklichen Einfachheit auf das Wesentliche ­reduzieren.

Vier Sonderpreise

Sieger in der Kategorie „Außer Landes” wurde ein in seiner Charakteristik sehr markanter Bau in einem neuen Strandbad am Bodensee, der in seiner städtebaulichen Aufgabe als Landmark am Ortseingang der Gemeinde Wallhausen wie auch als hervorragendes Beispiel modernen, konstruktiv durchdachten Holzbaus überzeugt.

Auf einem zum Teil erdberührten Sockelgeschoss in Stahlbeton entwickelt sich der Holzbau über eine im Inneren sichtbare Tragstruktur in Form von differenzierten Raumsequenzen in die Höhe. Im Außenbereich unterstreicht der Einsatz von silbergrau patinierten Holzschindeln aus Eiche an den Wand- und Dachflächen die konsequente architektonische Haltung in Kombination mit vorbildhaftem Umgang und Einsatz des Materials Holz.
Das Healthcare-Centre Mondikolok – „Sonderpreis studentisches Holzbau-Engagement” – verdankt seine Existenz im Südsudan studentischem Engagement auf höchstem Niveau. Bei der Realisierung wurde auf enge Zusammenarbeit zwischen den österreichischen Projektbeteiligten, den lokalen Projektpartnern, Facharbeitern und Helfern vor Ort Wert gelegt.
Das 5-Sterne-Q-Hotel wiederum zeigt, wie effizient Holz eingesetzt werden kann. Die gesamte „Wertschöpfungskette Holz” präsentiert sich in diesem Bau: die Forstwirtschaft, die holzverarbeitende Industrie und die Holzbau-Meister.
Das statische Konzept ist klar und einfach, die gesamte Tragkonstruktion wirkt luftig und leicht. Es wird die gesamte Fläche stützenfrei mit Holzleimbindern überspannt, dies lässt eine uneingeschränkte Nutzung der gesamten Fläche zu.
Last but not least hatten die Oberösterreicher die Möglichkeit, über ein Internetportal unter allen Einreichungen der Kategorie „Wohnbau” ihr Traumhaus zu wählen und damit den Publikumspreis zu küren. Mehr als 51.500 Votes wurden abgegeben, als Siegerobjekt ging das „Haus im Grünen” in Arbing mit mehr als 2.800 Stimmen hervor.
Das Objekt zeichnet sich durch optimale Nutzung des Baugeländes aus, sichtbares Holz ist das dominierende Gestaltungselement. Die komplette Fassade wurde bis hin zum Flachdach mit Lärchenholz ausgeführt – ebenso wie der überdachte Terrassengang. Die zeitgemäße Architektur ließ einen hohen Vorfertigungsgrad im Werk der Buchner GmbH zu. Die rasche Hausmontage kam der Baufamilie dabei ebenso entgegen wie die trockene Holzbauweise mit bezugsfertigen Räumen schon wenige Wochen nach Abschluss der Baustelle.

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